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Entwicklungshelfer für den Fussball

Der Fifa-Präsident hält Fussball für eine Schule des Lebens, in der man Werte wie Disziplin, Respekt und Fairplay lernt. Deshalb ist seine Enttäuschung gross, wenn es wieder einmal zu Randalen kommt.

Von Roberto Stefano (TEXT) Bruno Arnold (FOTOS)
am 27.11.2007

JOSEPH BLATTER. Mit der Gruppenauslosung für die Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika nimmt ein Projekt von Joseph Blatter immer konkretere Formen an, das er zu den wichtigsten Anliegen seiner Karriere zählt. «Schon immer wollte ich mit einem Weltcup nach Afrika gehen», erinnert sich der Präsident des Weltfussballverbandes Fifa. Schliesslich sei der Schwarze Kontinent nicht nur durch die Kolonialmächte, sondern auch durch den Fussball geplündert worden, ohne dass den Leuten jemals etwas zurückgegeben worden sei.

Dies soll sich nun ändern, obwohl für die Vergabe der WM an Südafrika die Einführung eines umstrittenen Rotationsprinzips nötig wurde und man bei der Vorbereitung mit grösseren Herausforderungen zu kämpfen hat als bei früheren Austragungen. «Auch in Deutschland hatten wir anfangs Mühe, bis die Stadien renoviert oder neu gebaut wurden», relativiert der 71-jährige Oberwalliser. Tatsächlich sind die Probleme in Südafrika aufgrund der Rahmenbedingungen grösser als anderswo. Die Zuversicht des Fifa-Präsidenten bleibt jedoch ungetrübt: «Sie werden es hinkriegen, und wir helfen ihnen dabei. Zudem wurde mir von zahlreichen Regierungen Unterstützung angeboten.»

Fussball nicht nur für Reiche

Dank günstigen Eintrittspreisen soll in Südafrika allen Fans der Besuch eines Fussballspiels ermöglicht werden. «Wir werden Tickets verkaufen, die billiger sind als ein Spiel der Schweizer Super League», so Blatter. Das Angebot von 3,5 Mio Tickets wird allerdings auch 2010 der Nachfrage in keiner Weise entsprechen, weshalb am Ende doch noch das Portemonnaie über den Zugang zum Spiel entscheiden wird. «Ein Weltcup ist ein ausserordentlicher Event, der alle vier Jahre 64 Veranstaltungen erlaubt», begründet der Ökonom und Kommunikationsfachmann.Trotzdem wird damit ein zweites Anliegen, mit dem sich der Fifa-Chef seit seinem Amtsantritt im Jahre 1998 beschäftigt, deutlich: «Fussball ist nicht nur für die Reichen», ist er überzeugt. Das Spiel soll allen Menschen zugänglich sein, damit jeder und jede in den Genuss dieser «Schule des Lebens» komme. Dazu hat er «Goal» initiiert, ein Projekt, das allen 208 Mitgliedverbänden der Fifa zumindest ein richtiges Fussballfeld und ein technisches Zentrum ermöglichen soll. «Bald sind sämtliche Bauten fertig gestellt, sodass wir neue Konzepte lancieren können», erklärt der Entwicklungshelfer in Sachen Fussball sichtlich stolz. Finanziert werden solche Projekte aus 3,2 Mrd Fr., die der Weltfussballverband innerhalb von vier Jahren einnimmt. Davon gehen laut Blatter 69% direkt zurück in den Fussball, sprich in entsprechende Entwicklungsprogramme, die Organisation von zahlreichen Jugendwettbewerben, in die Professionalisierung des Schiedsrichterwesens oder die Förderung des Fairplays. Oder in das «Home of Fifa» am Zürichberg, den pompösen Palast für König Blatter, wie vielfach zu hören war, dessen Bau alleine 260 Mio Fr. verschlungen hat. Der Präsident wiegelt ab: «Wenn ich einen Verband besuche, werde ich in der Regel vom Staatsoberhaupt empfangen. Dies verdeutlicht den Stellenwert des Fussballs. Hier, wo der Fussball zu Hause ist, konnten wir bisher unseren Besuchern nicht einmal einen ordentlichen Empfangsraum anbieten.»

«Rückfall ins Mittelalter»

Mehr zu schaffen als die Kritik am Fifa-Hauptsitz macht Joseph Blatter die Tatsache, dass die Bemühungen um Fairplay im Fussball noch nicht die gewünschten Früchte tragen. Vorfälle wie die Angriffe auf die Schiedsrichter bei Schweizer 4.-Liga-Spielen oder die jüngsten Unruhen in Italien sorgen ihn sehr. «Das ist für mich ein Rückfall ins Mittelalter des Fussballs», erklärt Blatter leicht resigniert. Denn gegen die Gewalt an den Spielen sei der Fussball praktisch machtlos. «Der Fussball muss mit den staatlichen Organen kooperieren», ist er überzeugt. Über die Stadien hinaus habe die Fifa keine Polizeigewalt und könne nicht für die öffentliche Sicherheit verantwortlich gemacht werden. «Verbände können nur in sportlicher und disziplinarischer Hinsicht intervenieren», so Blatter.Trotz solcher Vorfälle glaubt der Fifa-Chef weiterhin felsenfest an die positiven Eigenschaften des Fussballs. «Ich habe früh festgestellt, dass Fussball mehr ist, als nur einem Ball nachzurennen», erklärt Blatter. Genauso wichtig wie die Charakterschulung ist für ihn, dass der Fussball etwas bewegen könne. «Wir haben kürzlich ein Symposium für Frauenfussball in China durchgeführt, wo 200 Verbände von insgesamt 208 anwesend waren, darunter Pakistan, Afghanistan oder der Iran, der durch eine Frau vertreten wurde», bringt er ein Beispiel. Durch die Aktivitäten der Fifa werde die Stellung der Frau in Ländern verbessert, wo in dieser Hinsicht ein Nachholbedarf bestehe. Auch Religionskonflikte könne der Fussball überwinden. Denn in Gesprächen mit Vertretern aller Religionen diene der Fussball als Bindeglied. Religiöse Symbole könnten gar ineinander aufgehen. «Die Spieler von Nigeria beispielsweise bekreuzigen sich, wenn sie auf das Spielfeld einlaufen – auch die Muslime», hat der gläubige Christ festgestellt.Seine ersten Erfahrungen im Spiel um das runde Leder hat der heute mächtigste Mann im Fussball mit vier Jahren als Balljunge bei den Trainings der Veteranen des FC Visp gemacht. Später, an der Primarschule, war Fussballspielen verboten, was ihn aber nicht davon abgehalten hat, trotzdem hin und wieder nach dem Ball zu treten. «Da wir noch keine Fussballschuhe hatten, haben es die Eltern und die Lehrer schnell bemerkt und wir haben Ärger bekommen», erinnert sich der Sohn eines Walliser Fabrikarbeiters lachend. Mit zwölf konnte sich der bekennende Real-Madrid-Fan mit seinem Einkommen aus seiner Arbeit in Hotels die ersten Fussballschuhe kaufen und ab vierzehn beim FC Visp debütieren.

Geduld für Euro 08 gefordert

Die Lehren aus dem Fussball – Disziplin, Kampfgeist und Respekt genauso wie Siegen, Verlieren und Fairplay – hat Joseph Blatter seither verinnerlicht, was ihm in seinen 33 Jahren, in denen er es vom Development-Officer an die Spitze des Weltfussballverbandes Fifa geschafft hat, durchaus von Nutzen war. Sein Kampfgeist kam bei der höchst umstrittenen Wahl zum Präsidenten im Jahre 1998 zum Ausdruck, als sich Blatter gegen seinen Widersacher Lennart Johansson knapp durchsetzen konnte, und auch vier Jahre später, bei seiner Wiederwahl in Seoul, der eine mehrwöchige Schlammschlacht vorausgegangen war. Dass seine Gegner ihm mangelndes Fairplay unterstellen, schmerzt den 71-Jährigen noch heute. «Ich bin einer, der die Probleme im Konsens zu lösen versucht und nicht in der Konfrontation.» Trotzdem war sein Verhältnis mit dem Europäischen Fussballverband während Jahren stark zerrüttet. Mit der Wahl seines Zöglings Michel Platini Anfang 2007 an die Spitze der Uefa scheinen die Auseinandersetzungen nun bewältigt. Blatter hat dem noch wenig erfahrenen Platini im Hinblick auf die Europameisterschaften einige Tipps auf den Weg gegeben. «Ich habe ihm empfohlen, vor der nächsten EM ein offizielles Turnier durchzuführen, wie wir es mit dem Confederation Cup in Deutschland gemacht haben», erklärt der Fifa-Chef. Damit könnte die Euphorie geweckt werden, die man in der Schweiz noch stark vermisst. Dennoch ist er zuversichtlich, dass auch die Euro 08 ein grosser Erfolg werde, wobei man dafür etwas tun müsse. «Vielleicht braucht es ein paar Tage Geduld, doch am Ende wird gemeinsam ein Fest gefeiert. Das ist Fussball.»

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