Kaum hat Roland Decorvet die Führung von Nestlé Schweiz übernommen, sorgt er für Wirbel. Allerdings hat er sich nicht mit seiner Funktion beim Nahrungsmittelkonzern in die Nesseln gesetzt, sondern mit seiner Wahl in den Stiftungsrat von Heks. Kritiker monieren, dass die Interessen des profitorientierten Weltkonzerns unvereinbar seien mit den Interessen eines kirchlichen Hilfswerkes. Nestlé betreibe ein Geschäft mit Trinkwasser, obwohl Wasser ein Menschenrecht sei, und Nestlé zerstöre mit sei- ner Milchkommerzialisierung die kleinbäuerlichen Strukturen der Selbstversorgung in den Entwicklungsländern.

Das sieht Roland Decorvet völlig anders: «Nestlé ist die beste Entwicklungsorganisation, weil sie Arbeitsstellen schafft. 150000 kleine Bauern in Pakistan können dank Nestlé ihre Milch verkaufen.» Er hält seine Kritiker für dogmatisch und engstirnig. «Meine Kritiker sind aber nur eine kleine Minderheit.» Er betont: «Nestlé will die Armut bekämpfen.» Schliesslich will das Unternehmen seine Produkte auch verkaufen können. «Das beste Mittel gegen den Terrorismus ist es, Arbeitsstellen zu kreieren.» Im Unterschied zu einem Hilfswerk will Nestlé aber Geld verdienen.

Missionarssohn und Söldner

Bei seinen privaten Engagements geht es Decorvet nicht ums Geldverdienen. Im Gegenteil. Er unterstützt zum Beispiel seit neun Jahren finanziell ein Waisenhaus in Madagaskar. Bei einem Besuch des Waisenhauses 1999 hat er seine Frau kennen gelernt. Sie führte die Institution, welche ihre Eltern gegründet hatten. Nun wohnt die zehn Jahre jüngere Gemahlin mit ihm und ihren zwei kleinen Töchtern in einem geräumigen Haus in Aigle. Vor kurzem hat Decorvet das Haus erworben. Dies, um genügend Platz zu bieten, sobald seine Zwillinge auf die Welt kommen werden.

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Trotz sozialen Engagements wirkt Decorvet nicht als Gefühlsmensch, sondern als sachorientierter distanzierter Manager. Er stammt aus einem Pfarrerhaushalt. Sein Vater, Grossvater, Urgrossvater, Bruder und sein Schwiegervater sind Pfarrer – so wie die Väter von Bundesrat Moritz Leuenberger und Christoph Blocher. «Doch damit enden die Ähnlichkeiten», lacht er.

Seine schillernde Biografie im Zeitraffer: Der Nestlé-Chef ist im Kongo aufgewachsen, wo sein Vater als Missionar tätig war. «Das war eine raue, aber schöne Zeit.» Seine Familie lebte nicht im Villenviertel der Weissen, sondern mit armen Kongolesen zusammen. Dabei hat er auch Rassisten kennen gelernt. So sind ihm Clubs nur für Weisse als ein Greuel in Erinnerung geblieben.

Er selbst ist in keinem Klub Mitglied. Dafür fehlt ihm die Zeit. Neben Familie, Beruf und Engagement beim Hilfswerk bleibt ihm nur wenig Zeit für Sport: «Ich schwimme oder fahre zweimal pro Woche Velo.»

Im Alter von neun Jahren zog er mit seiner Familie vom Kongo nach Corseaux VD in die Nähe von Vevey, dem Hauptsitz von Nestlé. Beim Nahrungsmittelmulti wollte er aber nach seinem Ökonomiestudium nicht arbeiten. «Ich suchte lieber das Abenteuer.» Um seine Abenteuerlust zu stillen, gründete er bereits während seines Studiums eine Reiseagentur und begleitete Touristen auf Safaris in Simbabwe. Der Kontakt zu Söhnen von verschiedenen Missionaren in Afrika habe ihm viele Reiseziele einfacher geöffnet.

Als ihm ein Nestlé-Direktor eine Stelle als Verkäufer auf der Insel Borneo in Malaysia mit Verlegung nach einem Jahr nach Burma anbot, nahm er aus Abenteuerlust das Angebot an. Aus Burma wurde nichts, dafür wurde ihm Vietnam vorgeschlagen. Doch auch dieser Plan zerschlug sich. Schliesslich verweilte er die kommenden zwölf Jahre im Auftrag von Nestlé in China (Peking, Schanghai), Hongkong und Taiwan, bevor er Nestlé-Leiter in Pakistan wurde. Die insgesamt 16 Jahre in Asien haben ihn geprägt. Er hat sich der Kultur angepasst und wirkt undurchschaubar. In dieser Zeit lernte er auch Mandarin sprechen.

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Ungewöhnlich ist, dass der Welsche fliessend Schweizerdeutsch spricht, und dies viel besser als Hochdeutsch. «Da ich weder reich noch genial bin, wollte ich etwas Aussergewöhnliches können.» So lernte er im Militär als Gebirgsfüsilier in Graubünden, als Student an der Hochschule St. Gallen und als Angestellter beim Finanzberater Deloitte in Zürich Mundart.

Auf den Spuren Bin Ladens

In seinem grossräumigen Jugendstilbüro in La Tour-de-Peilz mit Blick auf den Genfersee, hat er fast alle Produkte, die Nestlé in der Schweiz produziert, aufgestellt, sei es Thomy-Mayonnaise oder Maggi-Suppenbeutel. An den Wänden hängen Gewehre und Säbel, alles Geschenke von ehemaligen Kollegen aus Pakistan. «Pakistan ist eine extreme Machogesellschaft, eine Waffe gehört dort einfach zum Mann.» Er selber hat allerdings nie eine Waffe getragen und sich auch nicht durch einen Bodyguard schützen lassen. Nur einmal habe er eine gefährliche Situation angetroffen. «Ich reiste viel, auch nach Afghanistan. Da wollte er das ehemalige Haus von Bin Laden besuchen. Dabei stiess er auf wütende Talibanleute, konnte aber noch früh genug ausweichen.

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Abenteuer «Schweiz»

Als ihm sein Chef telefonierte und vorschlug, von Pakistan in die Schweiz zu wechseln, fühlte er sich «geehrt und gedemütigt» zugleich. Auf der einen Seite ist es eine Ehre, die Ländergesellschaft am Hauptsitz zu führen, wenn auch grösser als Pakistan, ist sie mit anderen Ländern verglichen mit 1 bis 2% des Totalumsatzes des Weltgiganten relativ klein. «Auf der anderen Seite ist bei Nestlé Schweiz in den letzten Jahren nicht alles zum Besten gelaufen», wie es Decorvet vorsichtig ausdrückt. Der Flop von Nelly Wenger mit Cailler hat tiefe Spuren hinterlassen. «Mein Auftrag ist es, die Firma auf Wachstum zu trimmen und die Mitarbeiter zu motivieren. Das ist auch ein Abenteuer. Meine Erfahrungen in Pakistan haben mich aber gelehrt, dass nichts unmöglich ist.»

Bisher hat er das Abenteuer «Schweiz» gemeistert. 5% sei Nestlé Schweiz dieses Jahr gewachsen. Zehn Jahre habe der Konzern hierzulande stagniert. Er hat seine Mitarbeitenden motiviert, indem er umherreiste und sie von seinen Zielen überzeugte: 5% Wachstum und eine Rentabilitätserhöhung von 0,3 bis 0,4% pro Jahr.

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Um seine Kommunikation voranzutreiben, hat er zusammen mit Mitarbeitenden einen roten Nestlé-Pass geschaffen, in welchem Ziele und Werte wie Vertrauen und Respekt sowie Umweltschutz propagiert werden. Dass Nestlé immer wieder in das Kreuzfeuer der Kritik gerät, ist ihm aufgefallen. Er mag nicht glauben, dass der Nahrungsmittelkonzern den Auftrag erteilt haben soll, die globalisierungskritische Organisation Attac auszuspionieren. «Das widerspricht den Werten und der Ethik von Nestlé, wie dies bereits Peter Brabeck zitierte.»

Schweiz als Durchgangsstation

Decorvet sieht sich selber als «Söldner und Helfer von Nestlé». Die Kombination von Abenteuer und etwas aufbauen entspricht ihm. Er wirkt selbstbewusst. Trotzdem beschleicht auch ihn manchmal die Angst. «Die Angst, dass ich einen falschen Entschluss fälle.» Die beste Lebensschule habe er als Pfarrerssohn genossen: «Der Mensch ist das Wichtigste, alles andere ist Nebensache.» Dabei spiele es keine Rolle, wo der Mensch in der sozialen Ordnung oder in der Hierarchie stehe.

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So ungefähr vier Jahre will er in der Schweiz bleiben, bis es dem Unternehmen besser geht, dann aber lockt ihn wieder ein anderes Abenteuer. Davon ist er überzeugt.