So klein hatten wir uns das Büro von Konrad Hummler nicht vorgestellt: Es hat in diesem Besenkammer-grossen Raum gerade mal Platz für ein grosses Pult, ein überquellendes Gestell und zwei schlichte Blumenbilder von Bianca Frei. Die Türe könnte er gerade so gut aushängen. «Die war noch nie geschlossen», sagt der Teilhaber der ältesten Privatbank der Schweiz, der 1741 gegründeten Bank Wegelin & Co in St. Gallen. Sperrangelweit offen sind auch die Türen in allen Büros im ganzen Haus – mit einem Unterschied: Seine Mitarbeitenden haben mehr Platz zum Arbeiten.

Vom Schneider, Bäcker, Bauern

Wo verfasst Hummler angesichts seines bescheidenen Büros all die eigenwilligen und vor allem von der Konkurrenz sorgfältig studierten Kommentare, die wegen ihrer originellen Ansätze den Eindruck erwecken, ihm wüchsen Ideen nach wie anderen Männern der Bart. Offenbar dient ihm alles, was er gerade beobachtet, als Denkanstoss, und sei es nur der Blick aus dem Wohnhaus in Teufen, mitten in einer bäuerlichen Umgebung.

Das jüngste Beispiel: Es beginnt mit der Dorfgeschichte von einem Ziegenhirten, einem Bäcker und einem zugezogenen Schneider und endet damit, dass sich die drei den Kopf einschlagen, weil der Schneider Ziegenmilch liebt, der Bauer dafür den Preis erhöht, der Bäcker sein Brot teurer verkaufen muss, weil er ja auch mehr für die Milch bezahlen muss, die er dringend braucht, und so weiter und so fort. «Solche Beispiele sind zwar dämlich, aber sie funktionieren wie griechische Tragödien», sagt Hummler, der aus dieser Übungsanlage heraus eine höchst unkonventionelle Erklärung für die derzeitige Teuerung bei den Nahrungsmittel- und Ölpreisen entwickelt, indem er plausibel beweist, dass keines dieser Phänomene zyklischer Natur ist.

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Wo inspiriert sich jemand, dessen Worte in der Finanzgemeinde Gewicht haben und der vom Rhetorik-Trainer Harry Holzheu in dessen Ranking als bester Redner in unserem Land eingestuft wird? Hummler zuckt mit den Schultern und lacht: «Alles kann mich inspirieren, was ich beobachte. Manchmal denke ich gar nichts, aber dann denkt es einfach in mir.»

Geordnete Unordnung

Wo nimmt er die Zeit für seine Kommentare, seine Reden, seine Grundsatzartikel und Interviews her? Zumal sein Pult einen relativ chaotischen Eindruck macht. Hummler wehrt sich sofort gegen den Begriff «chaotisch». «Das ist ein überschaubares Durcheinander. Ich finde darin sofort, was ich suche», korrigiert er. Also muss man sich das wie eine geologische Unterlagenschichtung vorstellen? Auch diese Beschreibung passt ihm nicht. «Dazu wird das alles viel zu häufig umgegraben.» Diese vielen Papiere seien eben eine geordnete überschaubare Unordnung und widerspiegelten «einen Zustand der knappen Bewältigung der Pendenzen».

Formulierungen wie diese, an denen andere herumfeilen müssten, sprudeln nur so aus seinem Mund. Seine geistige Präsenz ist auch nach einem langen Arbeitstag bemerkenswert – selbst nach anstrengenden Sitzungen mit Privatbankiers, deren Präsident er seit Juli ist, mit Mitgliedern des SNB-Bankrats sowie einem Treffen mit wichtigen Kunden.

Er sitzt entspannt da und erweckt den Eindruck, als könnte er locker in die nächste Runde steigen. «Ich mache eigentlich nur das, wozu ich Lust habe oder was ich gerade muss. Der Rest ist eine Frage der Organisation und des Delegieren-Könnens. Man muss halt auch die Gnade haben, Wichtiges sofort zu erkennen und weniger Wichtiges einfach auszublenden. So lasse ich mir beispielsweise lesen: Ich habe Mitarbeiter, die für mich herausfiltern, was ich als relevant einstufe. Zeit sparen kann man auch damit, dass man Leute um sich schart, die keine oberflächlichen Erklärungen und Antworten geben. Sonst werde ich richtig grantig.»

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Geprägt von Karl Brunner

Seine Methode für ein effizientes Zeitmanagement leuchtet zwar ein, erklärt aber immer noch nicht, wie er die Marathonsitzungen in der Industrie- und Handelskammer St.Gallen-Appenzell, auch sie präsidiert er, im bereits erwähnten SNB-Bankrat, in verschiedenen weiteren Verwaltungsratsgremien und auch in der J.-S.-Bach-Stiftung durchsteht. «Mein Problem ist seit meiner Kindheit immer dasselbe: Ich habe viel zu viele Interessen. Das begann schon während der Schulzeit, wo ich Pfadiführer und Präsident der Schülerorganisation war und im Orchester mitspielte. Während des Studiums betreute ich als Chefredaktor gleichzeitig die «Schweizerische Hochschulzeitung», leitete zwei Jahre lang das St.Galler Management Symposium und studierte – auf Einladung des Monetaristen Karl Brunner – Ökonomie an der Uni Rochester von New York. Seine Theorien haben bis heute nicht an Aktualität eingebüsst. Sie prägen mein Denken noch heute: Alles ist so gekommen, wie er es voraussah», blickt Hummler zurück.

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Dieses Nebeneinander von vielen Aktivitäten und Engagements, die er nach dem Lustprinzip auswählt, ist bis heute für ihn charakteristisch. Professor Brunner sagte über ihn in einem Interview mit der «Handelszeitung»: «Diesen jungen Mann hätte ich am liebsten als meinen Nachfolger gesehen.»

Aber Hummler wählte einen anderen, noch vielschichtigeren Weg. «Gerade weil alle denken, der hat doch keine Zeit, kompensiere ich diesen Schwebezustand zwischen Bewältigbarem oder gerade noch Bewältigbarem mit Sonderleistungen. Ich bin ein skeptischer Spielverderber. Das belebt die Diskussion und führt zu neuen oder zumindest anderen Sichtweisen der Problemstellungen.»

Am Tisch die Welt eingeteilt

Wie wächst einer auf, der so unkonventionell tickt? Sein Vater war ein bekannter St.Galler Nationalrat und Stadtammann, ebenfalls nicht in politischen Trampelpfaden agierend und – obwohl FDPler – bei seinen politischen Gegenspielern hoch geachtet; seine Mutter gehörte zu den fortschrittlichen Frauen und veranstaltete bereits in den 50er Jahren Lesezirkel, in denen modernste deutschsprachige Autoren zu Wort kamen. «Ich kann mich an keinen Mittagstisch erinnern, an dem nicht eifrig politisiert und die Welt neu eingeteilt wurde», meint Hummler rückblickend.

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Dieses politische Klima hat bei seiner Schwester so durchgefärbt, dass sie sogar in den Pariser 68er Wirren aktiv mitwirkte. «Ich ging sie besuchen, nicht weil ich davon angesteckt worden wäre, aber mich interessierte einfach, was dort abging.»

So richtig in Fahrt kommt Hummler, wenn das Gespräch auf die heutige Finanzkrise gelenkt wird. «Diese Übertreibungen müssen entsorgt werden. Es wird eine schmerzhafte Redimensionierung geben. Wenn die einzige Motivation eines Bankiers die Freude am Geld ist, hat er den falschen Platz gewählt. Geldgeile Personen sind die gefährlichsten Berater. Für uns ist Geld interessant als Medium. Es macht nur dann Freude und Sinn, wenn damit eine gute Dienstleistung erbracht wird.» Schlaflose Nächte hat er deswegen nicht, braucht er auch nicht zu haben. Die Kunden der Grossbanken wandern in Scharen zu Banken wie Wegelin ab.

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Kommt bei einer so vollen Agenda die Familie nicht zu kurz? Hummler schüttelt vehement den Kopf: «Die Wochenenden halte ich mir prinzipiell frei, für Sport und Musik.» Mit seiner Familie und Bekannten führt er improvisierte Hauskonzerte durch. «Mit anderen zu musizieren, ist ein gutes Training für das Geschäftsleben. Auch hier gilt es Rücksicht zu nehmen und Einsätze nicht zu verpassen.»