Gebäude sagen viel über ihre Bewohner aus: Der Hauptsitz der Creditreform ragt wie der Bug eines futuristischen Luftschiffes in die Landschaft, während der hintere Teil aus dem vorletzten Jahrhundert stammt und behäbige Erdverbundenheit demonstriert. Beide Bauten gehen zusammen einen architektonischen Dialog ein, wobei der moderne Teil beinahe vom Boden abzuheben scheint.

Das ist fast symbolisch für die Saga der Familie Egeli. Raouls Grossvater und dessen Sohn Willy legten den Grundstein für dieses Unternehmen. Der Schweizerische Verband Creditreform umfasst mit seinen Partnern 180 Geschäftsstellen in ganz Europa. «Jedes Jahr beziehen 170000 Mitglieder rund 22 Mio Wirtschafts- und Bonitätsauskünfte», sagt Egeli, wie immer dezent elegant gekleidet und frisiert. Er hat sich mit Haut und Haaren dem Thema Credit- und Debitorenmanagement verschrieben und verfasst auch Bücher darüber. Das jüngste erscheint dieser Tage: «Risikomanagement – Kenne Deinen Geschäftspartner».

Eine Lanze für Controller

Schon in einer früheren Publikation spielte diese Thematik eine zentrale Rolle. Egeli schildert, worum es im Wesentlichen geht: «Für den Verkauf ist der Controller oft ein Umsatzverhinderer. Die Interessenkollision zwischen den Zielen des Marketings und jenen der Finanzverantwortlichen eines Unternehmens erklärt auch, wieso immer wieder empfindliche Verluste hingenommen werden müssen.» Die Ausgangslage ist damit klar: Marketingprofis wollen brillieren, Salesleute Umsätze maximieren und die Finanzer eine gute Rechnung vorlegen. Ist der Kunde einmal gewonnen und der Vertrag unterschrieben, schwindet das Interesse der Kollegen an der Front. Sie wenden sich neuen «Objekten» zu, und der Controller bleibt mit säumigen oder konkursiten Kunden zurück. Egeli hat ein didaktisch geschickt gestaltetes Standardwerk für den Praktiker verfasst, der mit solchen Problemen konfrontiert ist.

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Wie eine Filmkulisse

Während die letzten Herbst-sonnenstrahlen in sein – ganz dem Stil des Hauses angepasstes – Büro fallen, zeigt sich das eigenwillige Gebäude in seiner ganzen Schönheit. Die Silhouette der Stadt wirkt aus dieser Warte wie die Kulisse für einen Film über die alte Textilstadt St.Gallen. Schaut er oft aus dem Fenster? Die Frage überrascht den mit seinen 40 Jahren noch jungen CEO, zumindest, wenn man sein Alter mit dem von Führungskräften in anderen Unternehmen vergleicht. Gerade oft komme er nicht dazu, die Umgebung zu betrachten, sagt er und holt das erste Exemplar seines jüngsten Buches aus dem Gestell, das von Fachliteratur überquillt. Ansonsten wirkt alles in seinem Büro geordnet. Nur eine gähnend weisse Wand fällt auf. «Ach ja, hier sollte ein Bild hin», sagt er. Aber bis jetzt hat er offenbar nicht die Musse gefunden, eines auszuwählen.

Wann kommt einer zum Schreiben, der Präsident der Creditreform und Geschäftsführer der Creditreform Egeli Gesellschaften und erst noch Präsident der Ostschweizer Sektion des Schweizerischen Treuhänderverbandes ist? Muss man sich Egeli als «Verbandsheini» vorstellen? Er lacht herzlich. «Ich bin politisch nicht aktiv, dafür konzentriere ich meine Kräfte darauf, das Beste für unseren Berufsstand zu erreichen. Das gilt nicht nur für das Lobbying zu Gunsten der Gläubiger und KMU, sondern auch für die Weiterbildung und Nachwuchsförderung. Mein grösstes Anliegen ist es, mit unserer Dienstleistung wirtschaftliche Schäden zu verhindern.»

Also eine Art Robin Hood auf dem Gebiet des Gläubigerschutzes? Jetzt ändert sich die Mimik des sonst frisch wirkenden Gegenübers. Egeli rechnet vor, welche wirtschaftlichen Schäden allein durch Konkurse, Debitorenverluste und eine liederliche Zahlungsmoral entstehen. Sie machen pro Jahr mehr als 11 Mrd Fr. aus. Darin enthalten sind etwas mehr als 3 Mrd Fr. aus erledigten Konkursverfahren, aber auch Verluste aus erfolglos eingestellten Verfahren, aus Pfändungen und Nachlassverfahren. Hinzu kommen die Steuerausfälle und sozialen Folgekosten aus Arbeitslosigkeit.

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Buchautor am Strand

Diese traurige Bilanz habe schon seinen Vater und seinen Grossvater umgetrieben. Und bei Raoul Egeli scheint sich beinahe eine Art Sendungsbewusstsein herausgebildet zu haben. Er fing an zu schreiben – über diese Phänomene, aber vor allem auch darüber, wie man sich dagegen schützen kann. «Ich bringe einfach zu Papier, was sich tagtäglich im Geschäftsalltag abspielt. Zum Beispiel wird immer wieder versucht, Debitorenverluste durch Mehrumsätze quasi auszubügeln. Das ist der total falsche Ansatz.» Behende rechnet er vor, dass bei einem Umsatz von 1 Mio Fr., einer angenommenen Umsatzrendite von 5% und einem (minimalen) Debitorenverlust von 1% sich der Gewinn auf 40000 Fr. reduzierte und durch 200000 Fr. Mehrumsatz kompensiert werden müsste.

Man spürt, dass er jetzt gerne noch weitere Beispiele erläuterte. Diese Welt ist die seine. Egeli gesteht sogar, dass er sein Buch während der Ferien geschrieben habe. Nicht gerade zur Freude seiner Frau. «Aber die Gedanken kamen mir am Strand, und ich musste sie einfach niederschreiben», meint er, fast entschuldigend.

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Nie gezwungen

Geglückte Stabsübergaben sind keine Selbstverständlichkeit. Wie verlief die Ablösung von seinem Vater Willy, der neben allen wichtigen Creditreform-Ämtern auch noch den Weltverband der Immobilien-Treuhänder geleitet hat? «Als Kind habe ich am liebsten ‹geklütterlet› (Ostschweizer Begriff für herumtrödeln und basteln). Ich war ein mässig guter Schüler. Aber zu Hause habe ich einen Vater erlebt, der immer begeistert von seiner Arbeit sprach und immer einen guten Spruch bereit hatte, wenn einmal etwas weniger gut lief. Er sagte nicht, ich solle in seine Fussstapfen treten. Aber man merkte natürlich, dass es ihn freuen würde.»

Während des Studiums an der Fachhochschule für Wirtschaft in St.Gallen habe es ihm dann doch den Ärmel hereingenommen. Seither ist er ohne Unterbruch in diesem Berufszweig tätig – zum Teil auch in fremdem Sold. Aber immer hat er dafür gekämpft, dass, wer geschäftet, sich zuerst über die Bonität des Partners ein Bild macht. 200 Mitarbeitende sind jahraus, jahrein damit beschäftigt, Informationen zu sammeln, Interviews zu machen und Statistiken auszuwerten.

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Daraus entstehen die vom Gläubiger benötigten Bonitätsauskünfte und immer wieder zitierten Interpretationen über Schuldneratlasse, Konkurse, Neugründungen und Branchen-Momentaufnahmen. «Wir versuchen letztlich nichts anderes, als noch grössere Flurschäden zu verhindern.» Und weil das schon seine Vorfahren getan haben, liegt der Verdacht nahe, dass es bei den Egelis so etwas wie ein Gläubigerschutz-Gen gibt.

Fantasievoll kochen

Kann er eigentlich auch noch etwas anderes als das, was mittelbar oder unmittelbar mit seinem Metier zusammenhängt? «Ich liebe es, fantasievoll zu kochen. Dafür ist eher das Wochenende reserviert.» Um ein unkonventionelles Rezept gebeten, muss er sich nicht lange besinnen. «Neulich probierte ich eine Kombination von Avocados mit Mostmöckli und Parmesan. Das kam gut an.» Wer nicht weiss, was man darunter versteht: Die Egelis wohnen in Teufen, also mitten in einem Mostmöckli-Land. So wird auch im Appenzellischen getrocknetes Fleisch genannt. Aber seine liebsten Steckenpferde sind und bleiben die beruflichen Themen.

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