Zuerst hatten die Zimmermädchen den neuen Trend bemerkt. Ein neuer Typ Gast bevölkert die Ferienhotels auf Mallorca, in der Toskana, im Tessin und an der Costa del Sol: Ihr Körper sieht nach Urlaub aus, weil er Shorts und T-Shirt trägt, aber der Kopf ist im Büro geblieben.

Die Hotelzimmer sind vollgestopft mit Bürozubehör: Laptop und Mobiltelefon liegen auf dem Pult bereit, viele Kabel suchen ihren Weg in die Steckdose, dazu Blackberry, Akten und ganze CD-Archive. «Wer im Berufsleben stark eingebunden ist, gönnt sich keine Tage mehr, die wirklich Urlaub sind», sagt Miriam Meckel, Professorin an der Universiät St. Gallen, «man ist immer erreichbar.»

Vor Jahren noch war das Büro, das in die Ferien mitfährt, eine Randerscheinung. Heute ist es ein Massenthema: 34% der Manager haben Laptop und PDA immer oder zumindest gelegentlich im Reisegepäck, wie die Studie «Working Hours. A Global Comparison» von Robert Half, einem international tätigen Vermittler von Temporärpersonal, unter 2300 Angestellten der Bankwirtschaft weltweit ergab.

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Viele der teilnehmenden Schweizer erwiesen sich als Meister der Erreichbarkeit - nicht nur in den Ferien: Auch an den Wochenenden arbeitet die Hälfte der Manager mindestens einmal pro Monat, für 16% gar gibt es überhaupt keine Unterbrechung: Sie sind an jedem Samstag oder Sonntag am Schreibtisch.

Für Miriam Meckel sind das Indizien für die Veränderung der Arbeitswelt: Das Leben im Online-Modus wird zum Dauerzustand. Die auch im hintersten Winkel der Erde nutzbare Technik macht das Mailpostfach überall verfügbar, 24 Stunden am Tag. «Viele Wissensarbeiter sind inzwischen Sklaven der Technik», sagt die Direktorin des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement der HSG.

Dass Jakob Fugger einst sein in ganz Europa tätiges Handelsunternehmen mit Managern führte, die er nur alle zwei, drei Jahre sprechen konnte, mag sich heute, gut 600 Jahre später, keiner mehr vorstellen. Heute ist Sekunden-Management angesagt, wer auf eine SMS nicht innert zwei Stunden antwortet, gilt als altmodisch.

«Sofortige Erreichbarkeit ist ein Statussymbol», stellt Samuel Brunner fest, der als Management-Coach in Zürich arbeitet und zuvor viele Jahre selbst ein Unternehmen führte. Nicht mehr das Natel ist cool, weil das heute jeder hat, sondern die rund um die Uhr eintreffenden Anrufe, Mails und Kurznachrichten aus der Firma. «Sie sollen symbolisieren: Ich bin wichtig, ohne mich läuft der Betrieb nicht», sagt Brunner.

«Spätestens mit dem Triumphzug des Mobiltelefons hat sich die Menschheit von regelmässigen Arbeitszeiten und klar abgegrenzter Privatsphäre verabschiedet», sagt Miriam Meckel. «Doch wer immer für alle erreichbar ist, ist eigentlich für nichts und niemanden mehr da.» Sich konzentriert über längere Zeit, und seien es nur zwei Stunden, einer Person oder einer Sache zu widmen, scheint zunehmend ausgeschlossen.

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Der Leistung dient das nicht unbedigt, wie Berater Brunner feststellt: «Manager werden für das Denken bezahlt, für Innovationen, für Resultate.» Weil ihnen das oft nicht mehr gelingen mag, kommen sie in die Coaching-Sprechstunde des Zürchers ? und schütten ihr Herz aus. «Ich werde mit dem Druck der ewig vollen Inbox nicht mehr fertig. Ich finde nachts kaum noch in den ruhigen Schlaf. Der Stress frisst mich auf», zählt Brunner einige der gängigen Symptome auf, die er zu hören bekommt (siehe «Nachgefragt»).

Dabei ist Abhilfe gegen die Dauerbefeuerung gar nicht so schwer. «Sie sind kein Opfer!», gibt der Coach den Gequälten mit auf den Weg. Jeder könne seinen Kommunikationsstil selbst gestalten, sekundiert die St. Galler Professorin, der Weg zur Entlastung sei stets nur so weit wie der nächste Aus-Knopf. «Jeder sollte sich von Zeit zu Zeit in sein persönliches Funkloch begeben», empfiehlt Meckel.

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NACHGEFRAGT
«Die Cc-Mails sind eine Pest - lesen Sie sie nicht»

Samuel Brunner, Coach für Führungskräfte und Inhaber der Brunner Management Beratung, Zürich

Die Klage über die vielen E-Mails scheint allgegenwärtig. Wie kann man die Flut eindämmen?

Samuel Brunner: Es fängt immer bei einem selbst an. Ich empfehle, einfach weniger neugierig zu sein. Das meiste, was im Postfach landet, ist unwichtig. Das Wort «lassen» sollte deshalb Eingang in die persönliche Arbeitsphilosophie finden: Loslassen, E-Mails warten lassen, Vorgänge durch andere Leute bearbeiten lassen. Auch im digitalen Zeitalter muss der Chef nicht alles sehen, lesen und kontrollieren.

Was tun mit den ganzen Kenntnisnahmen?

Brunner: Die Cc-Mails sind eine Pest. Ich kann jedem, der in einer grösseren Organisation arbeitet, nur empfehlen: Lesen Sie die ganzen Cc-Mails nicht. Das spart ungeheuer viel Zeit. Wenn etwas wichtig ist, wird sich der Absender ohnehin persönlich an den Empfänger wenden, nicht nur mit einer schnöden Kopie. Dass man die Cc-Mails nicht mehr liest, sollte man auch im Kollegenkreis bekannt machen.

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Mit dem Blackberry wandert das Büro immer mit, in den Feierabend, ins Wochenende, in den Urlaub

Brunner: ja, und dennoch sollte jeder Mitarbeitende seine Privatsphäre schützen, Freiräume für Nichtberufliches schaffen, das dient schliesslich auch der Gesundheit. Es reicht vollkommen aus, wenn man den Blackberry an Werktagen morgens zum Beispiel um 8.00 Uhr einschaltet und um 19.00 Uhr abschaltet. Im Urlaub sollte man das Gerät einfach demonstrativ auf dem Schreibtisch liegen lassen, das ist das Signal für die Kollegen: Da ist jemand offline. Für dringende Fälle kann man die Faxnummer des Hotels hinterlassen. Die Kontaktaufnahme sollte nicht zu leicht gemacht werden, sonst wird wegen jeder Kleinigkeit telefoniert.