1. Home
  2. Management
  3. Erste Hilfe für Umgangsformen

Erste Hilfe für Umgangsformen

Imported Image

Gute Manieren sind mehr als schön essen. Sich mit den Tücken vertraut zu machen, lohnt sich. Denn schlechte Umgangsformen untergraben die Autorität. Wie und wo Geschäftsleute Versäumtes nachholen kön

Von elisabeth rizzi
am 20.01.2009

Schon wieder ein Text über Manieren? Dabei wissen Sie es doch schon längst: Messer rechts, Gabel links, das grosse Glas für den Rotwein, der Dame wird die Türe aufgehalten, abends nur schwarze Schuhe und niemals Nadelstreifen etc. Aber Umgangsformen sind mehr als das. Sie beinhalten zum Beispiel auch Unbewusstes, wie die Körpersprache. «Wie fänden Sie es beispielsweise, wenn sich ein Bundesrat vor der Kamera den Bauch kratzen würde?», fragt Leopold Hüffer, Managing Partner der Hüffer Top Executive Assessments. Und was haben Sie sich neulich gedacht, als Sie am Apéro hilflos mit dem Rücken an der Wand standen, nachdem Sie zuvor Schritt um Schritt rückwärts zurückgewichen waren, weil Ihr Gegenüber Ihnen immer näher gekommen war?

Sitten sind prioritär

«Tatsächlich beginnen die mangelnden Umgangsformen bei Geschäftsleuten schon bei der unpassenden Kleidung, die nicht dem erwarteten Erscheinungsbild beziehungsweise Image entspricht. Sodann wird Unsicherheit im Umgang mit Menschen unterschiedlicher Kulturen oft unbewusst durch leicht überhebliche Selbstsicherheit zum Ausdruck gebracht», beobachtet Bernard de Muralt. Der Geschäftsführer von Courtoisie & Savoir-vivre berät auch das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) in Protokollfragen.

Es ist keineswegs so, dass derartige Makel nebensächlich wären. «Wenn Umgangsformen und Manieren nicht stimmen, schrumpft die Autorität», sagt Hüffer (siehe auch «Nachgefragt»). Er fordert deshalb, dass sich Geschäftsleute Zeit nehmen, dass sie das Erlernen von Manieren als prioritär einstufen und sich darin unterweisen lassen. Denn «inakzeptable Tischmanieren oder Körpergeruch können das Killerkriterium für einen hochrangigen Posten sein», warnt er.

Einzelcoachings und Seminare

Umgangsformen betreffen drei zentrale Felder: Die Kleidung, das Auftreten und die Essmanieren. Es gibt eine Vielzahl von Büchern, die sich mit solchen Fragen befassen. Andererseits bieten aber verschiedene Experten Beratungsdienstleistungen, Coachings und Seminare an.

Umfassend sind die Seminare und Einzelcoachings von Bernard de Muralt. Sie beinhalten Einladungsgrundsätze, Sitzordnungsvorschriften, Kommunikationsregeln, Auftreten, Tischsitten und multikulturelle Gepflogenheiten und richten sich sowohl an Diplomaten wie auch an Unternehmensführungen. De Muralt bezeichnet sein Angebot als Beitrag zur Unternehmenskultur. «Meine Empfehlungen richten sich an alle Personen, die zu einem erfolgreichen Gelingen der kundenorientierten Zusammenarbeit beitragen. Vorbild und Kenntnisvermittlung sollen nach dem Grundsatz ?top-down? und nicht ?bottom-up? vermittelt werden», erklärt der ehemalige Diplomat und Chef des Militärprotokolls.

Wer vor allem seine Tischmanieren verbessern will, ist bei Hotelière und Stilberaterin Lucia Bleuler am richtigen Ort. Auch sie bietet Seminare und Einzelcoachings an. Die ehemalige Leiterin des Kunden- und Direktionsrestaurants einer Bank und Inhaberin einer Modeboutique zeigt nicht nur, wie man Hummer zerlegt und wo die Serviette zu liegen kommt. Sie gibt auch hilfreiche Tipps für den Dresscode und wie am Stehapéro das Problem von Glas, Häppchen, Serviette und Handschütteln gelöst werden kann oder welcher Wein zu welchem Essen passt.

Dan Wiener ist Schauspieler und Kommunikationsexperte. In der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde sein Name durch das Gastgebertraining von Schweiz Tourismus, an dem im Vorfeld der Euro 2008 50000 Schweizer Gastgeber teilnahmen. Der Trainer des Kissling-Institutes berät Geschäftsleute in Bezug auf Kommunikationsfragen.

«Häufig haben Geschäftsleute nur einen Kommunikationsstil, nämlich den eigenen», bemängelt er. «Oder noch schlimmer, sie haben sich in einem Kurs ein Kommunikationsverhalten angeeignet, das weder zu ihnen noch zu ihrem Gesprächspartner passt.»

Die Mode- und Stilberaterin Anna K. Milojevic kümmert sich mit ihrem Massschneider-Atelier dagegen um das Äussere von Managern. «Am meisten hapert es bei Geschäftleuten bei der Qualität der Kleider und den passenden Accessoires wie Krawatte, Schuhe oder Gürtel», beobachtet sie. Zu oft würden Manager abgetragene Gürtel, ungepflegte Schuhe oder Krawatten tragen, die in keiner Weise zum Rest der Bekleidung passen. Geschäftsfrauen seien demgegenüber häufig zu stark geschminkt und parfümiert sowie zu aufdringlich angezogen. Mit solchen Stilbrüchen räumt Milojevic radikal auf.Und was raten die Manieren-Experten dem Glücklichen, der neu in die Geschäftsleitung berufen wurde und zum ersten Meeting antreten soll? Er soll pünktlich im angemessenen Anzug erscheinen, den zugewiesenen Platz einnehmen, präzise auf gestellte Fragen eingehen und sich am Gespräch vor allem aufmerksam zuhörend beteiligen, das Mobiltelefon ausschalten und den Tisch unter keinem Vorwand ungeheissen verlassen», rät de Muralt.

Tun, was die anderen tun

Zurückhaltung und gute inhaltliche Vorbereitung empfehlen auch die anderen. «Und», so Bleuler, «Umgangsformen sind nicht in Stein gemeisselt.» Nichts wäre also falscher, als vermeintlich korrektes Benehmen auch dann durchzudrücken, wenn der Rest der Gesellschaft sich anders verhält.

Das kommt immer mal wieder vor. Zum Beispiel neulich an einem Geschäftsdinner: Der Gastgeber stiess trotz des formellen Rahmens klirrend mit allen an. Nur Doktor K. entzog sich dem Zeremoniell, blickte verächtlich in die Runde, blockte alle Annäherungsversuche der anderen Gläser ab, hob kurz das seinige und nippte anschliessend distinguiert daran ?

 

 

NACHGEFRAGT Leopold Hüffer, Managing Partner bei Hüffer Top Executive Assessments, Zürich und Frankfurt/M


«Es kommt auf eine beinahe höfische Etikette an»

In welchen Branchen werden gute Umgangsformen als besonders wichtig erachtet?

Leopold Hüffer: Grundsätzlich gilt: Je höher das Gehalt, desto konservativer. Besonders wichtig sind gute Umgangsformen aber bei Banken. Ein 30 Millionen schwerer Kunde erwartet einfach, dass sich sein Kundenberater oder seine Kundenberaterin für ihn herausputzt. Das muss man allerdings in einer Bank niemandem erklären.

Worauf kommt es vor allem an?

Hüffer: Es kommt auf das an, was in der Demokratie gar nicht mehr existiert; nämlich auf eine beinahe höfische Etikette, auch wenn das kaum jemand offen zugeben mag. Das heisst auf Begrüssung, Höflichkeitsregeln, wie man sich bewegt und natürlich auch wie man isst.

Wie schlimm sind einzelne Defizite? Immerhin haben TopManager meist eine randvolle Agenda und kaum Zeit, sich mit solchen Dingen zu befassen ?

Hüffer: Wenn jemand schon die Bedienung von Messer und Gabel nicht beherrscht, keinen Sinn für Stil bei der Bekleidung hat oder gar stinkt, dann fällt das auf. Und das ist schlimm. Denn es untergräbt die Autorität. Solche Personen werden einfach nicht ernst genommen.

Was raten Sie, wenn die Zeit knapp und die Defizite gross sind?

Hüffer: Man muss Prioritäten setzen. Jemand der hunderten oder tausenden von Angestellten vorsteht, hat eine vergleichbare Symbolwirkung wie ein Staatsmann. Er oder sie muss repräsentativ sein für ein Unternehmen. Man soll sich also sowohl Feedbacks geben lassen über die eigene Wirkung als auch ein Seminar oder ein Coaching besuchen, wenn man weiss, dass etwas nicht stimmig ist.

Wo hapert es bei Geschäftsleuten am meisten?

Hüffer: Schlechte Essmanieren fallen am meisten auf. Die Dienstleistungsbranche reagiert hier besonders empfindlich.

Anzeige