Die einigermassen gute Nachricht vorneweg: Die Schweizer Personalwirtschaft blickt zumindest nicht pessimistischer in die Zukunft als letztes Jahr: Mehr als ein Viertel der Firmen (28,1%) gehen zurzeit davon aus, dass sie bis zum Ende dieses Jahres mehr Mitarbeitende beschäftigen als zu Jahresbeginn, wie die aktuelle Studie «Recruiting Trends 2010 Schweiz» zeigt.

Die Kandidaten fehlen

Also: Neue Stellen schafft das Land - doch wie sollen sie besetzt werden in Anbetracht des starken Mangels an Fachkräften?

Die befragten Top-500-Unternehmen aus der Schweiz sehen nämlich seit drei Jahren nahezu unverändert Probleme bei der Besetzung freier Stellen mit ausreichend qualifizierten Bewerbern. Aktuell erwarten beinahe 30% der Unternehmen Schwierigkeiten bei der Besetzung ihrer für das Jahr 2010 prognostizierten Vakanzen. 3,7% der offenen Stellen werden nach Ansicht der Studienteilnehmer sogar unbesetzt bleiben. Insgesamt vertreten 29,7% die Ansicht, dass es zukünftig noch schwieriger werden wird, qualifiziertes Personal auf dem Arbeitsmarkt zu finden.

Doch man braucht als HR-Verantwortlicher nicht weit in die Ferne zu schweifen - die Lösung liegt relativ nah: Da nützt die ganze mediale Stimmungsmache gegen die deutschen Staatsbürger nichts - ohne sie würden in der Schweiz offenbar bald alle Räder stillstehen. Noch hat die grenzüberschreitende Personalbeschaffung «erst» für 28,1% der Antwortenden einen hohen Stellenwert. Doch schon im Jahr 2013 - und das ist bald - dürfte dieser Wert auf beachtliche 54,5% steigen. Und vor allen anderen sind es Deutsche, die zum Zug kommen: «Fast 40% der Schweizer Top-Unternehmen rekrutieren oft oder sehr oft in Deutschland», sagt Falk von Westarp, der Country Manager des Online-Stellenportals Monster (siehe «Nachgefragt»). 13,8% rekrutieren in Frankreich und 6,3% in Österreich.

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Die ausgeprägte Knappheit an Fachkräften ist aber auch jenseits der Grenze ein breites Phänomen. Die deutschen Top-1000-Unternehmen geben beispielsweise in der Befragung ähnliche Einschätzungen ab wie die Schweizer Unternehmen. Dort sind sogar rund 40% der Stellen schwierig oder gar nicht zu besetzen - kein Wunder, wenn die Fachkräfte in der Schweiz arbeiten.

Printinserate werden verdrängt

Die zunehmende Internationalisierung hat aber noch weitere Folgen: Wenn Unternehmen ihre Kandidaten auch jenseits der Grenze ansprechen wollen, so können sie bei den Stellenausschreibungen nicht bloss in ihrer Regionalzeitung auftauchen. Da braucht es globalere Instrumente, zuvorderst die firmeneigenen Webseiten und die Internet-Stellenbörsen.

In den Printmedien wird zurzeit nur noch etwas weniger als ein Drittel aller offenen Stellen ausgeschrieben, was einem Rückgang um 16,8 Prozentpunkte seit dem Jahr 2007 entspricht. So erstaunt es auch nicht, dass bereits sechs von zehn Einstellungen auf eine Anzeige im Internet zurückzuführen sind, was mehr als 20 Prozentpunkte mehr sind als noch vor vier Jahren.

Im vergangenen Jahr sind auch schon fast 55% aller Bewerbungen auf elektronischem Weg eingegangen, zumeist in Form einer E-Mail-Bewerbung (45%) oder als Bewerbung per Webformular (9,5%). Nur noch 45% aller Bewerbungen spielen sich in Form der klassischen papierbasierten Bewerbungsmappe ab.

NACHGEFRAGT

«21 Tage von der Vakanz bis zur Neubesetzung»

Falk von Westarp ist Country Manager beim Online-Stellenportal Monster Worldwide Switzerland AG in Zürich und Mitautor der Studienreihe «Recruiting Trends Schweiz».

60% der Einstellungen bei den Schweizer Top-500-Firmen sind bereits auf eine Stellenanzeige im Internet zurückzuführen. Wird dieser Anteil noch weiter steigen?

Falk von Westarp: Wir gehen fest davon aus, dass dieser Wert weiter steigen wird. In Deutschland resultieren sogar bereits 72% aller realisierten Einstellungen aus einer Stellenanzeige im Internet. Wir denken, dass ein ähnlicher Wert für die Schweiz in zwei bis drei Jahren realistisch ist. Auch der Umgang mit Stellenanzeigen im Internet entwickelt sich weiter. Es gibt inzwischen Tools, die die einzelnen Stellenanzeigen breit auf vielen Internet-Plattformen veröffentlichen. Innovative Online-Stellenbörsen nutzen auch die Social Networks zur Verbreitung von Stellenangeboten.

Zulasten der Printinserate oder als Ergänzung dazu?

Von Westarp: Aus unserer Sicht ganz klar zulasten der Printinserate. Es werden zunehmend weniger freie Stellen in Printmedien veröffentlicht. Printinserate werden aus unserer Sicht im Laufe der Zeit ganz verschwinden oder nur aus bestimmten Gründen oder für bestimmte Zwecke eingesetzt werden. In Deutschland werden aktuell nur noch 19,8% aller freien Stellen in Printmedien veröffentlicht, und nur 13,7% aller realisierten Einstellungen resultieren aus einer Stellenanzeige in einem Printmedium.

Welche Art von Stellen wird vor allem elektronisch ausgeschrieben?

Von Westarp: Die selbstverständliche Nutzung des Internets für die Stellensuche findet sich in allen Berufsfeldern und Qualifikationen. Die breiteste Nutzung gibt es bei den Fach- und Führungskräften. Auch Personalberatungen, die Top-Positionen für ihre Kunden suchen, veröffentlichen diese inzwischen in der Regel auf den Online-Stellenbörsen. Zusätzliches Potenzial gibt es noch im Blue-Collar-Bereich.

Mehr Elektronik im Recruiting: Verkürzt sich dadurch die Zeit bis zur Neubesetzung einer Stelle?

Von Westarp: Mit der zunehmenden Nutzung von elektronischen Verfahren in der Rekrutierung verbessern sich Kosten und Zeitaufwand des gesamten Prozesses. 56,9% der Teilnehmer haben in den letzten fünf Jahren die Zeit zwischen der Identifikation einer Vakanz und ihrer Besetzung - «Time-to-Hire» genannt - verkürzt. Bei «Best of Class»-Unternehmen ist bei konsequenter Nutzung digitaler Systeme ein Time-to-Hire von 21 Tagen heute durchaus möglich.

Und das ohne Qualitätseinbussen durch grössere Schnelligkeit und eventuell mehr Oberflächlichkeit?

Von Westarp: Nein, im Gegenteil. Die Qualität der Kandidaten und die Erfolgsrate bei den Einstellungen nehmen zu: 67,7% der Studienteilnehmer konnten in den letzten Jahren den Anteil der von ihnen erfolgreich eingestellten Wunschkandidaten steigern. Bei 58,5% der Studienteilnehmer hat sich in den letzten Jahren die Qualität der Bewerberdaten gesteigert. Schnelligkeit im Rekrutierungsprozess wird von den Kandidaten selbst als Qualitätsmerkmal einer Unternehmung wahrgenommen.