2012 wird für die Luftfahrt ein schwieriges Jahr. Wie geht es der Swiss, der Musterschülerin in der Lufthansa-Gruppe?
Harry Hohmeister: Wie allen. Die gesamte Industrie ist erheblich unter Druck, vor allem wegen der hohen Ölpreise. Was bei der Swiss noch dazu kommt, ist die Währungsentwicklung zum Euro, die uns stark belastet, somit sind wir schlechter aufgestellt als die Airlines, die im EU Raum beheimatet sind. Es könnte also besser sein.

Lufthansa versucht mit dem Projekt "Dircet4you" den verlustbringenden Europa-Verkehr zu verbessern. Was macht Swiss?
Hohmeister: Auch wir haben im Europaverkehr Probleme mit der Kostenstruktur, die wir dieses Jahr Schritt für Schritt angehen. Da ist keine Position ausgenommen, alle müssen neu beleuchtet werden. Wir müssen die Effizienz weiter steigern. Zudem besteht noch ein Unterschied beim Sitzladefaktor im Vergleich zur Langstrecke – teilweise fast zehn Prozent. Hier ist auch auf der Erlösseite noch etwas zu holen.

Die spanische Iberia hat ihren Europaverkehr in die Iberia Express ausgelagert. Auch andere Airlines haben für das Europageschäft kostengünstigere Lösungen geschaffen. Wird es auch bei Swiss ein neues Modell geben?
Hohmeister: Ich denke nicht, dass wir so massiv reagieren müssen. Schritte wie Iberia Express sind ja als Auswüchse zu sehen, weil die Sozialpartnerschaft nicht funktioniert hat und keine Zugeständnisse gemacht wurden. Ich denke schon, dass die Arbeitnehmer in Europa verstehen müssen, dass wir in einer globalisierten Branche eben auch global wettbewerbsfähig sein müssen. Ich hoffe, dass wir das unseren Mitarbeitenden so erklären können. Letztlich geht es darum, die Arbeitsplätze im bestehenden Swiss-System zu erhalten. Und dazu braucht es in der Zukunft wohl noch mehr Flexibilität, um die anstehenden Herausforderungen zu meistern. Die Einzelheiten sind aber noch nicht besprochen, und ich würde jetzt auch nicht den Erfolg bei der Verbesserung des Europa-Verkehrs nur an einem Beitrag der Mitarbeiter fest machen.

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Gibt es schon Gespräche mit den Arbeitnehmern?
Hohmeister: Wir machen seit Anfang Jahr deutlich, dass das Europageschäft zunehmend unter den tiefen Durchschnittserträgen und der Frankenstärke leidet. Mit den Sozialpartnern sind wir laufend im Gespräch. Es ist wohl allen Seiten klar, dass es im Europaverkehr zu tun gibt. Wir sind schon länger dabei zu projektieren, was wir tun wollen. Das Ergebnis wird nicht nur auf Seite der Arbeitnehmer Veränderungen bringen, sondern auch auf der Vertriebsseite, also etwa in der Art, wie wir unsere Preise und Angebote gestalten. Sprich auf der Erlösseite, zusätzlich auch auf der Kostenseite. Zudem möchten wir unser Produkt stärker individualisieren. Das würde bedeuten, dass für manche zusätzliche Serviceleistung etwas bezahlt werden muss. Wir schauen an, was es für Möglichkeiten gibt.

Muss man bald für das Essen an Bord wieder bezahlen?
Hohmeister: Das würde ich jetzt einmal ausschliessen. Wir verfolgen nicht die Idee der Billigfluglinien, die den Passagieren keinerlei Serviceleistung mehr inbegriffen bieten. Die Idee wäre mehr, dass wir eine gute Grundleistung bieten, und wer noch etwas zusätzlich möchte, kann das dazu kaufen.

Sie fordern von den Mitarbeitern Veränderungsbereitschaft. Die Mitarbeiter haben in der Vergangenheit aber bereits viele Zugeständnisse gemacht.
Hohmeister: Ja, das ist richtig. Aber sie haben nach der Restrukturierung auch erhebliche Anteile wieder zurück bekommen, sowohl in der Kabine als auch im Cockpit und anderen Bereichen. Es geht jetzt ja auch gar nicht darum, über Gehaltskürzungen zu reden. Das ist nicht der richtige Weg, wir müssen sehen, wie wir Strukturen umbauen, so dass wir auf der einen Seite noch flexibler werden, ohne dass die Mitarbeiterbelastung zu stark steigt. Es gibt noch einige Baustellen.

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Wie viel müssen die Kosten runter im Europaverkehr?
Hohmeister: Realistisch gesehen sprechen wir hier vielleicht von einer Grössenordnung im oberen einstelligen Prozentbereich. Unter dem Strich sind wir im Moment im Interkontinentalverkehr stärker aufgestellt innerhalb Europas.

Wie geht es denn der Langstrecke der Swiss?
Hohmeister: Wie gesagt, sind wir da stärker aufgestellt, aber auch hier passen wir uns wenn nötig an. Bei Zielen, die wir aufgegeben haben, etwa in Afrika, kam praktisch keine Nachfrage mehr aus dem Heimmarkt Schweiz. Wenn wir uns aber zu sehr auf den Umsteigeverkehr verlassen müssen, dann kann es zu Ertragsproblemen kommen. Das haben wir im vergangenen Jahr so gespürt und aus rein wirtschaftlichen Gründen entschieden, das Westafrika-Geschäft bei Brussels Airlines zu konzentrieren.

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Hat der Ferienflieger Edelweiss Air noch eine Daseinsberechtigung?
Hohmeister: Absolut. Die Edelweiss Air schlägt sich sehr gut im Leisure-Verkehr, hat einen eigenen Markt und daher ihre Existenzberechtigung, keine Frage.

Wird Swiss dieses Jahr wieder einen Gewinn erzielen?
Hohmeister: Das haben wir uns fest vorgenommen. Und ich bin auch optimistisch, dass wir das schaffen, allerdings kaum  auf dem Vorjahresniveau. Dies vor allem, weil mittlerweile der Ölpreis einen derart erheblichen Einfluss auf die Ergebnisgestaltung hat.