Berlin und Paris treten Berichten entgegen, es gebe Streit über die Besetzung des Amts des EZB-Chefökonomen: Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble und der französische Finanzminister François Baroin haben die Unabhängigkeit der Notenbank betont - auch im Hinblick auf die Verteilung der Aufgaben im EZB-Führungsgremium, dem Direktorium.

«Wir gehen davon aus, dass (EZB-Präsident) Mario Draghi und das Direktorium in voller Übereinstimmung mit ihrem Mandat das entscheiden, was das Beste für die EZB ist», teilten beide Minister in einer gemeinsamen Erklärung in Brüssel mit.

In Brüssel berieten sie mit ihren Amtskollegen aus den Euro-Ländern über die Personalie. Und ins Direktorium rücken künftig ein Deutscher und ein Franzose auf.

Coeuré folgt auf Bini Smaghi

Für den scheidenden EZB-Volkswirt Jürgen Stark ist Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen bereits ernannt. Frankreich will einen Nachfolger für den Italiener Lorenzo Bini Smaghi entsenden.

Und für den ist der Weg nun frei. Denn der Franzose Benoît Coeuré rückt in die EZB-Führungsetage auf. Die Finanzminister der 17 Euro-Staaten gaben einstimmig grünes Licht für die Spitzenpersonalie, sagte Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker. Der 42-jährige Coeuré ist derzeit Chefökonom im Pariser Finanzministerium.

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Einen offiziellen Vorschlag müssen die Finanzminister aller 27 EU-Staaten machen, dies soll heute erfolgen. Den Entscheid treffen letztlich die Staats- und Regierungschefs. Zuvor muss noch das Europaparlament angehört werden; auch die EZB hat das Recht zu einer Stellungnahme.

Grosse Länder immer im Direktorium vertreten

Frankreich kann Ansprüche geltend machen, weil Ende Oktober der italienische Notenbank-Chef Mario Draghi den EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet abgelöst hatte. Damit sind zwei Italiener im Direktorium vertreten und nach dem Ausscheiden von Ex-Präsident Jean-Claude Trichet kein Franzose mehr.

Insbesondere Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy hatte Druck auf Bini Smaghi ausgeübt und seinen Rücktritt gefordert. Traditionell sind die vier grossen Länder der Eurozone (Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien) immer im Direktorium vertreten. Eine feste Regel gibt es aber nicht.

Eine Ernennung erfolgt nur für das EZB-Gremium insgesamt, nicht jedoch für einen bestimmten Posten. Die Aufgabenverteilung ist Sache der Notenbank.

(tno/rcv/sda/awp)