Gemäss der HSG-Studie des Center for Family Business sind mindestens 300000 Unternehmen im Besitz von Patrons und Familien. Zwar schiebt das Gros - immerhin 60% der Befragten - die Nachfolge-Thematik auf die lange Bank und behauptet, sie stehe weit oben auf der Traktandenliste. «Rund jedes vierte Unternehmen wird in den nächsten fünf Jahren die Nachfolge regeln. Hochgerechnet sind das - je nach Einbezug der Beschäftigtenzahl - mindestens rund 75000 KMU», stellt Thomas Berner vom «Organisator» fest, Leibblatt derer, die über das finanzielle Wohl und Weh dieser Unternehmenskategorie wachen.

Leonhard Fopp, Inhaber von Continuum AG, hat aufgrund seiner langjährigen Erfahrung errechnet, wie viele Arbeitsplätze wegen vergeigter Nachfolgetregelungen verloren gehen: Er kommt auf rund 20000 im besagten Zeitraum und trifft ziemlich genau die Zahl, die auch Frank Halter vom Center for Family Business der HSG ermittelt hat.

Neue Chefs en masse

Zu den neuen Ansätzen: Ausgehend von einer durchschnittlichen Zahl von 20 bis 30 Mitarbeitenden pro Betrieb, heisst dies für Berner, dass gut 1 Mio Arbeitnehmende in den nächsten fünf Jahren einen neuen Chef haben werden. Er kommt, gestützt auf die von ihm in Auftrag gegebene GfM-Studie - immerhin wurden mehr als 500 KMU in der deutschen Schweiz untersucht - zum Schluss, dass trotz garstigem Umfeld rund ein Fünftel sogar die Übernahme einer anderen Firma erwägt.

Anzeige

Das deutet auf deren zukunftsgerichtete Strategie und nicht auf das Einläuten des Totenglöckleins mangels Zukunftsvorstellungen hin. Diese Einschätzung wird von der allgemein positiven Einschätzung der Wirtschaftslage in den nächsten zwölf Monaten unterstrichen.

Obwohl unterschiedliche Ansätze bei allen jüngsten Befragungen der an sich gleichen Ansprechgruppen gewählt wurden, gibt es einen gemeinsamen Nenner: Man ist sich der Nachfolgeproblematik bewusst, arbeitet mit mehr oder weniger Elan daran, lässt aber die Zügel nicht schleifen, wenn es um Investitionen geht, welche das Überleben sichern, dazu gehören gemäss Berner auch die Aus- und Weiterbildung.

Noch einen Schritt weiter geht Vera Knauer, Geschäftsführerin der Strategieberatung Weissman Suisse AG, in einer Befragung, unterstützt durch INTES Akademie für Familienunternehmen GmbH und Clariden Leu AG. Sie hat erstmals das Spannungsfeld zwischen Unternehmen und dessen Eigner, Familie und Vermögen ausgeleuchtet, diese «Knackpunkte» verflochten und damit einen Kompass geschaffen, nach dem sich Unternehmerfamilien ausrichten können.

Beispielsweise «Family Days»

So stellte sich im Lauf der Befragungen heraus, dass Schweizer Familienunternehmen zwar traditionellerweise eine enge Bindung untereinander haben, doch: «Zwei Drittel verwenden trotzdem nicht systematische Instrumente zur Absicherung des Familienfriedens.» Dazu zählt sie etwa sogenannte Family Days, bei denen «der Kropf geleert» wird.

Daher erstaunt auch die nächste Folgerung nicht mehr: «Drei Viertel der Unternehmerfamilien verfügen nicht einmal über schriftlich festgelegte Regeln wie etwa Verfassungen im Umgang miteinander. Relevant wird dies vor allem für künftige Führungsgenerationen, weil viele der befragten Unternehmer mehrere Nachkommen haben.»

Weit über die üblichen Fragebogenschemen hinaus geht die Untersuchung auch in Bezug auf die Schaffung von unternehmensunabhängigen Privatvermögen, die eng im Zusammenhang mit der Zukunftsperspektive des Patrons und seiner potenziellen Nachfolger steht. Zum neuen Ansatz einer Gesamtbetrachtung der KMU-unternehmerischen Vitae gehört auch, dass bei Weissmann Suisse der Aspekt der Work-Life-Balance mit einbezogen wird.

Auf die Frage, was ihnen besonders viel bedeutet, sagen 90% der porträtierten CEO: Die Familie. Wir haben die Probe aufs Exempel gemacht und überall dort, wo diese Wirtschaftsführer mit ihren Frauen gemeinsam an einem Anlass auftauchten, nachgehakt. Resultat: Die meisten Frauen sagten, dass Einladungen von Aussenstehenden bald nur noch die einzige Möglichkeit bildeten, ein paar Worte miteinander zu wechseln - auf der Fahrt hin und zurück.

Ungereimtheiten genannt

Knauer hat diese Ungereimtheiten voll auf den Punkt gebracht: «87% der Befragten stufen zwar die Bedeutung einer ausgeglichenen Work-Life-Balance für den Erfolg ihres Unternehmens hoch oder gar sehr hoch ein. Aber sie leben sie nicht vor. Angesichts einer hohen Wochenarbeitszeit beurteilt nur ein Drittel von ihnen diese als sehr gut und knapp 20% sehen Verbesserungspotenzial.»

Sie belegt aber auch eindeutig, dass erfolgreiche Übergabestrategien keineswegs die Ausnahme bilden. «Über die Hälfte der befragten KMU hat bereits die zweite oder gar die dritte Nachfolgeregelung vollzogen, und bei mehr als einem Fünftel steht der Name des Nachfolgers bereits fest.» Alles in allem deutet vieles darauf hin, dass sich Patrons der Problematik sehr wohl bewusst sind, dass viele sich aber lieber mit dem Alltagsgeschäft befassen anstatt mit ihrer Ablösung und dass der Wille, die Family Governance anzugehen, trotzdem gross ist.

 

NACHGEFRAGT Urs Füglistaller, geschäftsführender Direktor des KMU-Instituts der Universität St. Gallen
«Die erste Frage ist aber das Überleben der Firma»

In Umfragen und Interviews beteuern CEO unentwegt, die Familie sei ihnen das Wichtigste. Dann stellt sich heraus, dass für sie immer weniger Zeit bleibt ?

Urs Füglistaller: Ich glaube an diese Beteuerungen. Sie lügen bestimmt nicht, aber CEO werden eben im Betrieb mehr gebraucht. Dort fallen die Probleme an, meistens nicht so sehr daheim. Denn da ist ja die Frau des CEO, die «den Laden» führt. Das tönt jetzt vielleicht ziemlich altbacken, wird aber doch noch oft so sein. Und man hört es ja bei jeder Abschiedsfeier eines Chefs, an der dieser dann doch einmal seiner Frau für das Rückenfreihalten dankt. CEO könnten sich aber überlegen, ob sie - aufgrund der hohen Stundenbelastung während den Wochen - zwei Familienabmachungen vereinbaren: Entweder habe ich an einem Tag der Woche ausschliesslich Zeit für meine Familie oder anstelle von vier Wochen Ferien erlaube ich mir, sechs Wochen Auszeit zu nehmen.

Ein weiteres Phänomen: Kein Patron ist sich nicht der Dringlichkeit einer sauberen Nachfolgeregelung bewusst, doch von den oberen Plätzen in der Agenda rückt sie regelmässig nach unten.

Füglistaller: Auch da muss ich präzisieren. Die Patrons sind sich meist sehr bewusst, dass eine sauber geregelte Nachfolge wichtig und eben auch - mit zunehmendem Alter - dringlich ist. Wie so oft im Leben kommt aber dann der Alltag zwischen Wunsch und Realität: Das tagesaktuelle Problem ist dringender und kommt zuerst. Ich möchte da eine Lanze brechen für die Patrons. Die machen das ja nicht in schlechter Absicht, sondern zum Wohl der Firma. Dass es theoretisch schneller gehen müsste, wissen sie in aller Regel selber auch.

Finanzielle Aspekte spielen bei der KMU-Nachfolge eine matchentscheidende Rolle, es gilt zwischen Vorsorge, Verträglichkeit der Lösung mit den Nachfolgern und deren Tauglichkeit zu balancieren.

Füglistaller: Einspruch! Die Untersuchungen an unserem Center haben eben gerade ergeben, dass finanzielle Aspekte nicht matchentscheidend sind. Die Finanzen spielen eine wichtige Rolle, das ist klar. Die erste Frage ist aber das Überleben der Firma und damit verbunden die Weiterbeschäftigung der bisherigen Mannschaft.