Für Roswitha Kick von der ­Alternativen Bank Schweiz (ABS) ist es völlig normal, dass ihre männlichen Kollegen für einige Zeit aus der Firma verschwinden, wenn sie Vater geworden sind. «So gut wie jeder von ihnen nimmt die Möglichkeit auf Vaterschaftszeit wahr», sagt die Personalleiterin. «Warum sollten sie auch nicht?» 20 Tage Auszeit gewährt die Bank frischgebackenen Vätern, macht vier Wochen bei vollem Gehalt.

«Uns ist eine gesunde Balance von Arbeit und Leben unserer Mitarbeiter wichtig», sagt Kick. «Dazu gehört auch, dass Väter eine gute Beziehung zu ihrem Baby aufbauen können. Und das braucht eben Zeit.»

Keine flächendeckende Regelung

Mit dieser Haltung stand die ABS bei ihrer Gründung vor 25 Jahren in der Schweiz noch einigermassen allein auf weiter Flur. Mittlerweile ziehen zwar immer mehr Unternehmen nach und spendieren mehrere Tage Sonderurlaub, fünf bis zehn Tage sind es dann häufig. Von ­einer flächendeckenden Regelung ist die Schweiz noch weit entfernt.

Nach wie vor räumen viele Unternehmen frisch­gebackenen Vätern hierzulande nur ein Minimum an freien Tagen ein, um sich über den Familienzuwachs zu freuen und an die neue Situation daheim zu gewöhnen.

Ein bis zwei Tage frei

«Üblicherweise bekommen die Männer ein bis zwei Tage frei», sagt ­Irene Grohsmann vom Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung an der Universität Bern. Das reicht allenfalls, um für sich selbst zu realisieren, dass man Vater geworden ist. Und um Einkäufe zu erledigen, bevor die Familie aus dem Krankenhaus nach Hause kommt. Wer mehr Zeit mit der Familie verbringen und seine Frau mit der stressigen Situation nicht allein lassen will, muss Urlaub nehmen.

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Wie Urlaub fühlt sich die Zeit nach der Geburt aber selten an, Erholung ist dabei kaum zu erwarten. Gleichzeitig halten ­Geschlechterforscher und Erziehungswissenschafter gerade die anfängliche gemeinsame Zeit der jungen Familie für ­besonders wichtig. «Männer haben ein Recht darauf, eine gute Beziehung zu ihrem Baby aufzubauen», sagt Grohsmann. Sie kritisiert den herrschenden Flickenteppich bei der Länge des Vaterschaftsurlaubs: «Die derzeitige Situation mit erheblichen Unterschieden bei der Länge der Auszeit je nach Arbeitgeber ist unbefriedigend», sagt Grohsmann.

Weniger Fluktation

Sie sieht den Gesetzgeber in der Pflicht, die Vaterschaftszeit einheitlich zu regeln. Aus ihrer Sicht hätte eine gesetzlich geregelte Vaterschaftszeit auch Vorteile für Mütter: «Bislang gelten Frauen für Arbeitgeber als tickende Zeitbombe, weil sie nach der Geburt im Job für längere Zeit ausfallen. Daheim erledigen sie dann häufig die ganze Arbeit und kehren später mit reduzierter Stundenzahl in die Arbeitswelt zurück, weil sich diese Aufgabenteilung der Eltern während des Mutterschaftsurlaubs verfestigt hat.»

Diese Situation würde sich relativieren, wenn die Männer eine längere Vaterschaftszeit nehmen würden. Auch Arbeitgeber könnten von einer solchen profitieren. «Studien zeigen, dass bei Unternehmen mit einem Vaterschaftsurlaub von mehr als zwei Wochen die Fluktuation der Arbeitnehmer sinkt», berichtet Forscherin Grohsmann.

Vorteile einer längeren Vaterschaftszeit

Die Vorteile einer längeren Vaterschaftszeit erkennen derweil immer mehr Arbeitgeber in der Schweiz, so zum Beispiel die öffentliche Hand. Die Bundesverwaltung gewährt Vätern mittlerweile zehn Tage Sonderurlaub. Die Schweizerische Post hat die Länge des Vaterschaftsurlaubs Anfang März erhöht: Statt der bislang üblichen zwei Tage dürfen frischgebackene Väter ab kommendem Jahr zehn Tage zu Hause bleiben. Die BASF Schweiz hatte den Vaterschaftsurlaub bereits vor einigen Jahren zunächst auf fünf Tage angehoben.

«Wir haben damals gemerkt, dass es einen steigenden Bedarf gibt», sagt Personalchefin Stefanie Schellhorn. «Immer häufiger haben uns Männer bei Einstellungsgesprächen gefragt, wie lange wir Vaterschaftsurlaub ­gewähren. Das gab es so vor 10 bis 20 Jahren noch nicht.»

Frage nach Finanzierung

Anfängliche Bedenken in der Unternehmensleitung, dass darunter die Produktivität des Unternehmens leiden könnte, hätten sich nicht bewahrheitet. Ganz im Gegenteil, beobachtet Schellhorn. «Für die jeweiligen Abteilungen mag die Regelung kurzfristig zusätzlichen Aufwand bedeuten, weil sie den vorübergehenden Ausfall der Kollegen kompensieren müssen», sagt die Personalchefin.

«Unterm Strich überwiegen aber die Produktivitätsvorteile, weil die Mitarbeiter nach dem Vaterschaftsurlaub besonders motiviert sind.» 2012 hat die Schweizer BASF den Sonderurlaub auf zehn Tage verdoppelt. Seitdem haben 114 Väter die Auszeit in Anspruch genommen. «Die Regelung wird sehr gut aufgenommen», beobachtet die Personalchefin.

Viele machen danach unbezahlten Urlaub

Einige Männer sind in der Zwischenzeit schon zwei Mal Vater geworden und haben die Auszeit beide Male genommen, ein Mitarbeiter ist bereits drei Mal in Vaterschaftszeit gegangen. Zwei ­Wochen sind allerdings offenbar häufig noch zu kurz, um sich an die neue Si­tuation daheim zu gewöhnen. «Viele Väter hängen an bezahlten Vaterschafts­urlaub noch unbezahlten Urlaub dran», beobachtet Schellhorn. Gegner einer gesetzlich vorgeschriebenen Vaterschaftszeit argumentieren häufig, solche Auszeiten seien für viele Unternehmen nicht finanzierbar.

«Der Blick ins europäische Ausland zeigt, dass dem nicht so ist», sagt Grohsmann. Auch den Einwand, dass ein zusätzlicher Urlaub die Unternehmen vor organisatorische Probleme stelle, will die Forscherin nicht gelten lassen. «Die regelmässigen Abwesenheitsphasen für den Armeedienst sind offensichtlich auch kein Hindernis, und die dauern pro Jahr mindestens drei Wochen.»