Novartis, ABB, Kühne&Nagel, Panalpina, Zurich: Innert weniger Monate wurden diese Unternehmen in den USA zu Bussen in Millionenhöhe verurteilt. Dazu kommen die Spezialfälle CS und UBS, die 2009 rund 600 bzw. 800 Mio Dollar zahlen mussten. Haben Verurteilungen von Schweizer Firmen in den USA statistisch zugenommen? Und warum?

Jürg Wyser: Besonders bei den Korruptionsfällen zeigen unsere Statistiken eine deutliche Zunahme. Die Mittel des US-Justizdepartements für Untersuchungen sind nahezu exponentiell gestiegen, die Möglichkeiten, Compliance-Verletzungen zu erkennen, werden immer raffinierter. In der Antikorruptions-Gesetzgebung bestehen in Europa und der Schweiz analoge Vorschriften, die aber nicht mit der gleichen Stringenz verfolgt werden; die neue Rechtsprechung in Deutschland und Grossbritannien erhöht nun aber das Risiko einer Bestrafung. Oft werden die Fälle der US-Behörden in der Schweiz prominent kommentiert, dabei steht die EU bei Kartellverstössen diesen Trends nicht nach: Die EU hat Intel 2009 zu einer Strafe von 1,06 Mrd Dollar verurteilt.

Erwarten Sie also künftig sogar eine Zunahme - wenn ja, in welchen Branchen?

Wyser: Es ist eine Frage der Zeit, bis Industrien wie Banken insbesondere im Bereich der Korruption damit konfrontiert sein werden, denn die Wachstumsmärkte liegen in Ländern, die bezüglich Compliance ein differentes Verständnis haben.

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Welches sind die Gemeinsamkeiten der aktuellen Fälle?

Wyser: Grundsätzlich sind hier jeweils unterschiedliche Compliance-Themen adressiert (Diskriminierung, Korruption, Anti-Trust usw.), aber in allen Fällen haben die US-Behörden die Vergehen konsequent und mit Nachdruck geahndet.

Was haben diese Unternehmen in den USA falsch gemacht?

Wyser: Diese Firmen haben nicht primär in den USA etwas falsch gemacht, sondern sind über ein schwieriges Thema gestolpert, nämlich die nicht genügend authentische und rigide Umsetzung ihrer Compliance- und Integritätsprogramme, welche globale Geschäftsaktivitäten mit sich bringen. Viele Unternehmen verpflichten sich im Code of Conduct zur Einhaltung von Gesetzen und unterwerfen sich freiwillig Vorgaben, scheitern aber in der Umsetzung. Die US-Sichtweise - und auch jene der EU - kennt hier nur wenig Toleranz und ortet die Verantwortung für Compliance grundsätzlich im Verwaltungsrat beziehungsweise in der Geschäftsleitung. Der Fokus von Untersuchungen setzt explizit die Verfolgung von Individuen auf dieser Stufe zum Ziel.

Worauf müssen Unternehmen achten?

Wyser: Wenn sich Unternehmen systematisch gegen die Auseinandersetzung mit der Compliance wehren, zahlen sie langfristig einen höheren Preis. Rein administrative Lösungen werden bei einer offiziellen Untersuchung entlarvt. Investitionen lohnen sich, denn nicht nur die Gesetzsprechung stellt ein Risiko dar, sondern auch der Markt und die Kunden. Diese wenden sich von Unternehmen ab, welche keine minimalen Integritätsstandards konsequent sicherstellen.

Welches sind die gefährlichsten Fallen?

Wyser: Die Bereiche Wettbewerbsrecht (Anti-Trust), Bestechung (Anti-Korruption) und Embargo gelten als «Hot Topics». Hier nicht präventiv Vorkehrungen zu treffen und risikoadjustiert anzupassen, ist sträflich. Authentische Compliance, die risikomindernd wirkt, ist aber nur unter Einbezug von VR und GL machbar. Oft geht vergessen, dass auch Konsequenzen wie Marktausschluss, Monitoringauflagen oder personelle Konsequenzen in der Unternehmensleitung möglich sind, was ein ganz besonderes Risiko darstellt.

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Wie können Schweizer Unternehmen mit derartigen Risiken umgehen? Drücken die USA nicht politische Vorgaben wie Gleichberechtigung mittels Justizurteilen durch?

Wyser: Dass das US-System ein viel stringenteres «law enforcement» kennt, darf nicht dazu verleiten, das Justizsystem zu verurteilen. Es wäre naiv zu glauben, dass mit einem Compliance-System kulturelle Aspekte über Nacht aus der Welt geschafft werden könnten. Das ist ein langer und schwieriger Weg.

Wenn ein Unternehmen in den USA wegen Diskriminierung Tausender Frauen angeklagt ist, kann es sich dagegen bei politischen Instanzen wehren?

Wyser: Im globalen Spiel gilt es Regeln und Rechtsprechung zu akzeptieren. Ein gewisser Interpretationsspielraum ist immer wieder ein Thema. Sich allerdings mit politischen Instanzen zu verbinden, bringt bestenfalls langfristig Klärung. Hier spielen Gremien wie die OECD oder NGO eine vermittelnde Rolle.

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Könnte der Preis für den US-Markt für gewisse Firmen irgendwann zu hoch sein?

Wyser: Gäbe es nur zwei Optionen - Markteintritt und wahrscheinliches Verfahren oder kein Markteintritt -, könnte man dieses Szenario prüfen. Die Realität bietet aber auch die Alternative, als präventiv agierendes und integres Unternehmen diese Risiken zu minimieren. Die DNA eines Unternehmens zu ändern, beansprucht aber viel Zeit. Und die Anwaltskosten sind oft höher als die Busse ...

Ist dieser finanzielle, juristische und zeitliche Aufwand noch vertretbar?

Wyser: Die Anforderungen der Regulatoren werden stets stringenter. Compliance ist zu einem Strategiethema mutiert, denn man kann integre Geschäftstätigkeiten nicht delegieren. Leider fehlt in der Schweiz das Bewusstsein, dass in anderen Kulturräumen andere Spielregeln herrschen und unser Händedruck nicht global verbindlich ist. Wir pflegen zu sagen: «Wenn Sie glauben, Compliance ist teuer, probieren Sie es ohne.»

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