Nach der Arbeit eine Runde Hanteln stemmen, dann die Kinder in der Krippe abholen und kurz einkaufen gehen. Die Mitarbeiter des Pharmakonzerns Novartis können dies alles tun, ohne das Firmengelände zu verlassen. Das Unternehmen betreibt am Standort Basel ein eigenes Fitnessstudio, einen Kindergarten und sogar einen Supermarkt. «Wir wollen unsere Mitarbeiter so gut wie möglich unterstützen», sagt Nicola Lintott, die bei Novartis in der Abteilung Diversity und Inclusion arbeitet. Lintott sagt aber auch: «Die Mitarbeiter fordern das inzwischen ein.»

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Das Stichwort «Work-Life-Balance» ist in den Führungsetagen und Personalabteilungen gross in Mode. Für viele Mitarbeiter reicht es nicht mehr, wenn der Arbeitgeber ihnen nur Arbeit gibt. Er soll ihnen auch helfen, Berufliches und Privates einfach miteinander zu verbinden. Deswegen rüsten die Firmen kräftig auf. Kinderbetreuung, Sportangebote, Anti-Stress-Trainings, Ernährungsberatung – viele Unternehmen sehen inzwischen nicht mehr nach Arbeitsplatz aus, sondern wie ein Wellness-Center. Allerdings sind diese Einrichtungen noch keine Garanten für hochmotivierte Mitarbeiter. Denn das Wohlfühl-Bekenntnis muss von den Führungskräften gelebt werden, sonst verfehlt es seine Wirkung.

Vielgestaltige Wohlfühl-Einrichtungen finden sich besonders dort, wo qualifizierte Arbeitskräfte knapp sind und Unternehmen den Uni-Absolventen mehr bieten müssen als Schreibtisch, Teeküche und Gehaltscheck. Vor allem Informatiker werden auf dem Arbeitsmarkt von allen Seiten umworben, deshalb fahren IT-Unternehmen beim Thema Work-Life-Balance gross auf.

Der Internetkonzern Google etwa stellt seine Büroräume voll mit Sofaecken, Kicker-Tischen und bietet eine Rutsche hinunter in die Kantine. In der Schweizer Niederlassung des Softwarekonzerns Microsoft können die Mitarbeiter im Entspannungsraum eine Auszeit nehmen oder sich für Massagestunden anmelden.

Auch kleine Softwareschmieden und IT-Mittelständler investieren in die Work-Life-Balance ihrer Mitarbeiter, wie eine Auswertung des Internetportals Kununu.com zeigt. Auf dem Portal können Angestellte ihre Arbeitgeber anonym bewerten, indem sie in Kategorien wie Gehalt, Vorgesetztenverhalten und Work-Life-Balance Noten von «mangelhaft» bis «sehr gut» vergeben. Aus den Bewertungen berechnet das Portal jedes Jahr eine Top-10-Rangliste der Unternehmen, die ihren Mitarbeitern am besten beim Ausgleich zwischen Arbeit und Freizeit helfen (siehe Kasten). In der aktuellen Auswertung für die Schweiz landen ausschliesslich mittelständische Firmen auf den ersten Plätzen. Acht der zehn bestplatzierten Unternehmen verdienen ihr Geld in der IT-Branche.

Was IT-Unternehmen schon jetzt merken, wird auch auf Unternehmen aus anderen Branchen zukommen. Weil die Geburtenraten seit Jahren niedrig sind, verlassen immer weniger Absolventen die Universitäten. Die gut ausgebildeten Arbeitskräfte drohen knapp zu werden, es kommt zwischen den Unternehmen zum Kampf um die besten Köpfe.

Zwang zum Umdenken

Fitnesskurse und firmeneigene Kindergärten sind in diesem Kampf scharfe Waffen und für viele Arbeitnehmer gute Argumente, einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Eine aktuelle Umfrage der Credit Suisse unter Jugendlichen zwischen 16 und 25 Jahren zeigt, dass vielen ein guter Ausgleich zwischen Beruf und Freizeit wichtiger ist als Geld. «Generation Y» nennen Soziologen diese Altersgruppe, die der Karriere nicht mehr alles opfern will. Sie zwingt Unternehmen zum Umdenken. Die alten Karrierepfade und Anreizsysteme funktionieren nicht mehr. Die Arbeit darf das Privatleben nicht mehr allzu sehr stören.

Doch Unternehmen denken nicht nur an die Generation Y, wenn sie ihre Büros zu Wellness-Arbeitsplätzen umbauen. Sie wollen so auch dafür sorgen, dass ihre Mitarbeiter möglichst produktiv sind und auch im fortgeschrittenen Alter noch glücklich zur Arbeit kommen. Sie wurden gehörig aufgeschreckt durch die Ergebnisse von Wissenschaftern wie Michaela Knecht.

Die 36-jährige Psychologin ist Postdoktorierende am Psychologischen Institut der Universität Zürich. Seit Jahren erforscht sie, wie Menschen Arbeits- und Privatleben unter einen Hut bringen und was passiert, wenn sie das nicht schaffen. «Vielen Menschen fällt es schwer, einen Strich zwischen Arbeitsleben und Freizeit zu ziehen», sagt Knecht. «Das liegt zum einen an einer neuen Rollenverteilung und zum anderen an der veränderten Arbeitswelt.» In vielen Familien sind beide Elternteile berufstätig und kümmern sich beide auch um die Kinder. Frauen und Männer müssen daher Arbeit und Familie gleichzeitig organisieren. «Das ist gesellschaftlich eine sehr positive Entwicklung, aber sie führt halt auch zu neuen Konflikten», sagt Knecht. Sie hat beobachtet, dass viele Menschen ausserdem die Ansprüche an sich selbst stark nach oben geschraubt haben. Sie wollen in allen Bereichen Höchstleistungen liefern, als Mutter oder Vater, als Partner und im Büro.

Dazu kommt, dass die Arbeit für viele Menschen nie richtig aufhört. «Früher war es einfacher, sich zu erholen und zu Hause Energie aufzutanken», sagt Psychologin Knecht. «Heute landen auch abends noch Mails auf dem Handy und zerstören die gemütliche Feierabendstimmung.»

Prävention – aber wie?

Was das mit Menschen macht, konnte sie in einer aktuellen Studie eindrucksvoll zeigen. Dafür arbeiteten Knecht und drei Forscherkollegen mit vier Schweizer Unternehmen zusammen. Die Psychologen verteilten unter den Angestellten der Firmen Fragebögen, auf denen sie angeben mussten, wie oft die Arbeit mit ihrem Privatleben in Konflikt gerät und ob sie häufig an Rücken- oder Nackenschmerzen leiden. Bei über 6000 Menschen konnten die Psychologen so die gesundheitlichen Folgen des Konflikts zwischen Arbeit und Privatleben genau messen. Das Ergebnis war eindeutig. Die Angestellten, die es nicht schafften, Beruf und Privates miteinander zu vereinbaren, litten deutlich öfter an Rücken- und Nackenschmerzen.

«Das Gefühl, den Anforderungen nicht gerecht zu werden, löst Stress aus», sagt Psychologin Knecht. «Und wenn Stress lange andauert, hat das negative Auswirkungen für die Gesundheit.» Wer ständig zwischen Büro und Privatleben hin und her hetze, nehme sich ausserdem nur selten Zeit für Sport und ernähre sich häufig schlecht, sagt Knecht. «Auch leiden solche Menschen häufiger unter Schlafstörungen, die ebenfalls Rücken- und Nackenschmerzen auslösen können.» Für Unternehmen ist das ein Problem. Chronische Rückenschmerzen und psychische Krankheiten sind die häufigsten Gründe für eine Berufsunfähigkeit. Und dabei sollen die Menschen doch eigentlich immer länger arbeiten, weil sonst das Rentensystem nicht mehr tragfähig ist. Was also tun?

Nicht immer müssen Unternehmen dafür gleich Fitnessräume einrichten und einen Firmen-Kindergarten eröffnen. Manchmal reicht es schon, den Mitarbeitern mehr Freiheit zu geben. Die bbv Software Services AG bietet ihren Angestellten zum Beispiel die Möglichkeit, mehrere Monate unbezahlte Ferien zu nehmen, um mal etwas länger mit der Familie auf Reisen zu gehen oder sich intensiver um die Kinder zu kümmern. Auch Teilzeitarbeit ist möglich. «Wir versuchen generell, die Arbeitszeit so flexibel wie möglich zu gestalten», sagt Philipp Kronenberg, Finanzchef und Leiter Human Resources bei bbv. Die Mitarbeiter schätzen die Flexibilität, das Unternehmen landete im aktuellen Work-Life-Balance-Ranking von Kununu auf dem siebten Platz.

Besonders wichtig für die Work-Life-Balance der Mitarbeiter ist aber der Chef. «Er sollte ein Vorreiter sein und auch selber mal früher nach Hause gehen, um sein Kind vom Sportverein abzuholen», sagt Psychologin Knecht. «Sonst werden die angebotenen Work-Life-Balance-Angebote von den Mitarbeitern nicht angenommen.»

Wenn Führungskräfte selbst arbeitswütig bis spät abends im Büro sitzen, trauen sich auch die anderen nicht, früher zu gehen. «Dann wirkt es wie ein Makel, sich auch um das Leben ausserhalb des Büros zu kümmern», sagt Knecht. So können gut gemeinte Angebote wie Fitnessstudios und flexible Arbeitszeiten am Ende sogar dazu führen, dass mehr gearbeitet wird als vorher. Und damit bleibt noch weniger Zeit für Familie und Freizeit.

 

Arbeitgeber im Urteil ihrer Mitarbeiter: Die Besten in Sachen Work-Life-Balance

IT-Branche
Die Arbeitgeber-Bewertungsplattform kununu hat exklusiv für die «Handelszeitung» erhoben, welche Unternehmen in Sachen Work-Life- Balance die besten Noten von ihren Mitarbeitern bekommen. Unter den Besten der Schweiz sind Firmen der IT-Branche besonders gut vertreten.

Bewertung
Die aktuelle, branchenübergreifende Datenauswertung basiert auf 34 075 Bewertungen aus der Schweiz. Unter diesen hat www.kununu.com die Top Ten jener Arbeitgeber eruiert, die auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Arbeit und Privatleben achten. Als Kriterien für das Ranking wurden neben den Höchstnoten in der Kategorie «Work-Life-Balance» die Gesamtbeurteilung sowie eine bestimmte Anzahl von Bewertungen herangezogen.

Verantwortung
Welchen Stellenwert eine ausgewogene Work-Life-Balance für die Mitarbeiter einnimmt, wird in den Bewertungen von kununu.com offensichtlich: Jene Unternehmen, die von ihren Mitarbeitern Höchstnoten in der Kategorie «Work-Life-Balance» bekommen, erhalten auch eine gute Gesamtbewertung. Martin Poreda, Co-Gründer und Geschäftsführer von kununu, sagt: «Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie liegt klar in der Verantwortung von Unternehmen. Arbeitgeber haben es in der Hand, für ihre Mitarbeiter jene Bedingungen zu schaffen, dass diese neben den beruflichen Verpflichtungen Zeit für ein Privatleben haben. Dieses Engagement wirkt sich unmittelbar auf die generelle Zufriedenheit mit dem Arbeitsplatz aus.»