Was ist das Problem für ältere Mitarbeiter?
Pascal Scheiwiller: Über 50-Jährige brauchen länger, bis sie wieder eine Stelle finden. Und sie werden heute häufiger entlassen als früher.

Warum tun das die Unternehmen?
Nicht, weil es ihre Politik wäre, ältere Mitarbeiter loszuwerden. Aber vor allem in Konzernen ist das früher geltende Schutzprivileg für ältere Mitarbeiter weggefallen. Abbauphasen und Restrukturierungen laufen heute viel anonymer ab, man schaut nicht mehr auf den Einzelfall. Es ist nichts Aussergewöhnliches mehr, entlassen zu werden. Die Dynamik im Arbeitsmarkt hat sich stark erhöht. Das ist natürlich gut für den Wirtschaftsstandort, bereitet aber vielen Angestellten Schwierigkeiten.

Was ist das Problem bei der Stellensuche?
Unternehmen haben heute eine kleinere Abweichungstoleranz als früher. Der Kandidat muss mindestens 95 Prozent des Anforderungsprofils erfüllen. Die Arbeitswelt ist viel stärker spezialisiert. Und der internationale Arbeitsmarkt ermöglicht es den Unternehmen auch, zielgerichtet Spezialisten zu rekrutieren.

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Wer ist am stärksten gefährdet und hat dann am ­meisten Mühe, eine Stelle zu finden?
Es haben längst nicht alle über 50 Mühe. Probleme haben vor allem Leute mit Generalistenprofil, die nicht mehr genau auf eine Stelle passen.

Was kann ein Angestellter dagegen tun?
So lange man einen Job hat, tut man häufig nichts. Wenn man ihn dann verliert, ist man im Elend. Ich empfehle, proaktiv vorzugehen. Fragen Sie sich, ob Sie noch in den Job passen. Was braucht der Markt und die Firma? Wo haben Sie die besten Chancen? Was fehlt Ihnen dazu?  Dann sollten Sie gezielt die Lücken schliessen, um Ihre Beschäftigungsfähigkeit zu erhalten. Dazu sollten Sie den Dialog suchen mit den Vorgesetzten. So schaffen Sie Verbindlichkeit und bleiben für das Unternehmen noch sehr lange attraktiv.

Viele überlegen sich, mit 50 noch einen letzten Stellenwechsel zu wagen. Eine gute Idee?
Das ist riskant. Mit dieser Haltung geht jemand davon aus, dass er bis zur Pensionierung in diesem neuen Job verbleiben kann. Das ist heute nicht mehr realistisch. Viel wichtiger ist es deshalb, auf ein gutes bestehendes Arbeitsverhältnis aufzubauen und mit dem Arbeitgeber zusammen eine zuverlässige Strategie zu entwickeln, das eigene Profil laufend den betrieblichen Bedürfnissen anzupassen, Perspektiven zu schaffen und an der eigenen Beschäftigungsfähigkeit zu arbeiten.

Muss ich beim Lohn flexibel sein?
Wenn die Qualifikation stimmt, dann ist der Lohn sekundär. Aber es gibt keinen Automatismus mehr, dass man in einem neuen Job gleich viel oder mehr verdient. Sie sollten deshalb flexibel sein, wenn Sie dafür eine neue Perspektive eröffnet bekommen.

Was sollte ich unbedingt vermeiden?
Viele ältere Bewerber weisen auf die typischen Vorteile des Alters hin: Erfahrung, Loyalität und so weiter. Das kann ich nicht empfehlen. Es klingt nach Rechtfertigung und interessiert die Firma eigentlich nicht. Konzentrieren Sie sich auf die Fähigkeiten und Eigenschaften, die für den neuen Job entscheidend sind. Denn nur daran werden Sie gemessen.

Was sollten die Unternehmen tun?
Sie müssten wieder mehr langfristig denken in der Personalplanung und -entwicklung. Das verbreitete Quartalsdenken schadet nur. Man will mit Hire & Fire flexibel werden, aber echte Flexibilität erhält man, wenn man mit dem Personal eine langfristige Vertrauenskultur aufbaut. Das machen die KMU meist deutlich besser.

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* Pascal Scheiwiller ist Chef Schweiz der Karriere- und Outplacement-Beratung Lee Hecht Harrison