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Europäische Zentralbank
Frankreich rechnet sich Chancen auf Draghis Posten aus

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EZB-Chef Mario Draghi und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron: Draghis Sitz könnte bald frei werden - und Frankreich möchte ihn mit einem Franzosen besetzen.Quelle: Anadolu Agency / Getty Images

EZB-Chef Mario Draghi wird in absehbarer Zeit seinen Stuhl räumen. Ein Franzose könnte sein Nachfolger werden.

Veröffentlicht am 11.09.2018

Sollte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron beschliessen, einen Kandidaten für die Nachfolge des Italieners Mario Draghi als Chef der Europäischen Zentralbank ins Rennen zu schicken, wird er einige Namen zur Auswahl haben.

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Unter zehn möglichen Nachfolgern, die von Ökonomen in einer Bloomberg-Umfrage genannt wurden, sind drei Franzosen – mehr als aus jedem anderen Land. Der Gouverneur der Banque de France, Francois Villeroy de Galhau, EZB-Direktoriumsmitglied Benoît Coeuré und die geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds, Christine Lagarde, gelten alle als Anwärter, wenn Draghi im Oktober 2019 abtritt.

Deutschland ging immer leer aus

Die starke französische Präsenz spiegelt das umfassende Reservoir an erfahrenen Führungskräften aus der Verwaltung wider, was teilweise auf die Eliteschulen, die Grandes Écoles, zurückzuführen ist. Das könnte Macron helfen, andere Mitgliedsstaaten der Europäischen Union davon zu überzeugen, dass Frankreich die Präsidentschaft zum zweiten Mal verdient. Jean-Claude Trichet leitete die Institution von 2003 bis 2011.

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Jean-Claude Trichet: Der Franzose leitete vor Draghi die EZB.
Quelle: Keystone

Im Gegensatz dazu hat Deutschland nie den Posten inne gehabt, obwohl es Europas grösste Volkswirtschaft ist. Die Chancen von Bundesbankpräsident Jens Weidmann könnten geschwunden sein, angesichts von Anzeichen, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel stattdessen die EU-Kommissionspräsidentschaft für ihr Land sichern will. Der Finne Erkki Liikanen ist der neue Spitzenreiter – eine Kompromisslösung aus einem kleinen Land. Aber es ist ein knappes Rennen.

Frankreich mit guten Karten

«Es ist sehr wohl möglich, dass Frankreich wieder erfolgreich ist», sagt Carsten Brzeski, Chefökonom der ING-Diba AG und ehemaliger Ökonom der Europäischen Kommission. «Ich hätte Probleme, drei deutsche Namen zu nennen. Das ist es, was die Franzosen immer extrem elegant ausspielen.»

Villeroy, direkt hinter Liikanen in der Umfrage, ist ein Produkt der französischen Kaderschmieden, er hat die École Polytechnique und École Nationale d’Administration abgeschlossen. Das führte den nun 59-Jährigen zu einer Karriere im öffentlichen Dienst über hochrangige Stellen im Schatz- und Finanzministerium - mit einer Phase als Kabinettschef unter Dominique Strauss-Kahn - bevor er 2003 in die Privatwirtschaft ging und bei BNP Paribas eine Führungsrolle übernahm.

Villeroy polarisiert wenig

Villeroy steht seit 2015 an der Spitze der französischen Notenbank, was ihm einen Sitz im EZB-Rat einbringt. Er hat sich eng an die Draghi-Linie bezüglich der Stimulus-Massnahmen gehalten und auf einen pragmatischen statt einem ideologischen Ansatz bestanden.

«Er hat eine ziemlich neutrale Position, was bedeutet, dass er jeden zufriedenstellen kann», sagt Xavier Timbeau, Direktor des französischen Wirtschaftsforschungszentrums OFCE. «Er macht niemandem Angst.»

Villeroy passt in die Tradition, dass Präsidenten der EZB zuvor Zentralbankgouverneure waren. Er hat auch ein Charakteristikum, das die Deutschen beruhigen könnte: Er spricht ihre Sprache. Und ja, er ist ein Mitglied der Familie, die das Keramikwaren-Imperium Villeroy & Boch AG gegründet hat. Ein Sprecher der französischen Notenbank lehnte eine Stellungnahme zu diesem Artikel ab.

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Coueré: Er geniesst Rückhalt innerhalb der EZB.
Quelle: Keystone

Benoît Coeuré geniesst Rückhalt in der EZB

Wenn die EZB ihren nächsten Präsidenten aussuchen könnte, würde die Wahl auf Coeuré fallen, wie mehrere Notenbankvertreter des Euroraums sagten, die namentlich nicht genannt werden wollten. Das zeigt den Respekt, den das 49-jährige Direktoriumsmitglied unter seinen Kollegen geniesst, nach fast sieben Jahren neben Draghi im Kampf gegen Euro-Krisen. Jedoch wird die Entscheidung von den Euroraum-Staats- und Regierungschefs getroffen.

Coeuré ist ein weiterer Absolvent der École Polytechnique und hat den Grossteil seiner Karriere im französischen Finanzministerium verbracht, bevor er 2011 zur EZB kam. «Er ist super qualifiziert», sagt Laurent Clavel, leitender internationaler Ökonom bei Axa SA, der von Coeure unterrichtet wurde und für ihn im Finanzministerium arbeitete. «Der Typ hat etwas ganz Besonderes.»

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Christine Lagarde: Die IWF-Chefin könnte an die Spitze der EZB wechseln.
Quelle: Keystone

Christine Lagarde hat ein starkes Profil

Lagarde hat das stärkste Profil unter den dreien und hat es schon mehrfach geschafft, gläserne Decken zu durchbrechen. 2007 wurde sie die erste weibliche Finanzministerin Frankreichs und 2011 die erste Frau, die den IWF leitete. Die EZB hat die Regierungen aufgefordert, mehr Frauen für ihre Entscheidungsgremien zu benennen.

Ihre Zeit als Finanzministerin machte ihr 2016 zu schaffen, als sie wegen Nachlässigkeit im Umgang mit einem mehrere Millionen Euro schweren Disput verurteilt, aber nicht bestraft wurde. «Sie ist smart und könnte ganz klar eine Kandidatin für die Position sein», sagt Frederik Ducrozet, Senior Economist für Europa bei Banque Pictet & Cie in Genf. «Daran besteht kein Zweifel.» Was der 62-Jährigen allerdings fehlt, ist direkte Zentralbankerfahrung.

Ein Italiener kommt nicht erneut in Frage

Was für die EZB-Präsidentschaft letztlich zählt, sind die Regierungen der EU und in welchem Masse die Mitgliedstaaten bereit sind, die interessanten Posten aufzuteilen.

«Es ist unmöglich, dass es wieder ein Italiener wird, es ist unmöglich, dass es ein Spanier wird, weil sie bereits Vizepräsident Guindos haben», sagt Clavel. «Es ist schwer vorstellbar, einen deutschen Präsidenten der Kommission und einen finnischen Präsidenten der EZB zu haben. Frankreich hat eine Chance. »

(bloomberg/mbü/tdr)