Unternehmen, die weniger Risiken eingehen und stabiler sind, geniessen in unsicheren Zeiten ein höheres Ansehen. Nicht nur Wirtschaftsexperten fragen sich deshalb, ob ein grösserer Frauenanteil im Top-Kader der Unternehmen im Vorfeld der Krise eventuell geholfen hätte, die Risikopositionen zu begrenzen.

Geschlechterstudien wie die der ETH-Professorin Renate Schubert haben gezeigt: Verhalten und Führungsstil von Frauen und Männern sind verschieden. Frauen sind erwiesenermassen eher risikoscheu und stellen langfristige Entscheidungen in den Vordergrund. Diese weibliche Betrachtungsweise könnte die Risikobereitschaft der Männer etwas ausgleichen.

Zu diesem Resultat kam kürzlich auch der englische Professor Michel Ferrari, der an der französischen Business-Schule Ceram in Sophia Antipolis/Nizza Management unterrichtet. Sein Forschungsprojekt über Unternehmen, die im französischen Aktienindex CAC 40 gelistet sind, kam zum Resultat: Je höher der Frauenanteil in der Führungsetage war, desto geringer war der Kurszerfall im Jahr 2008. So stieg bei Hermès, wo 55% Frauen in der Chefetage arbeiten, der Aktienkurs um 16,8%, während der CAC 40 um 42,7% abrutschte.

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In Frankreich funktionierts

Eine hohe Quote Managerinnen hat auch Sodexco mit 39% Frauen. Der Kursverlust betrug hier nur 8,3%. Auch bei Danone, mit 38% Frauen in der Führungsspitze, entwickelte sich der Abwärtstrend mit 29,6% unterdurchschnittlich. Umgekehrt mussten männlich dominierte Firmen mit Kursverlusten leben, die stärker ausfielen als beim CAC 40 selbst: Zum Beispiel Alcatel-Lucent, Renault und ArcelorMittal.

Bei den französischen Banken hat Michel Ferrari ebenfalls Interessantes herausgefunden: Die BNP Paribas hat die Krise am besten gemeistert. Von Januar bis Dezember 2008 fielen die Aktien um 39%. Ferrari führt das unter anderem auch auf die 38,7% Frauen in der Chefetage zurück. Dagegen tauchten die Aktien der Crédit Agricole mit 16% weiblichen Managern um 62,2%. Ähnliche Zusammenhänge haben sich auch bei Studien in den USA gezeigt.

Und in der Schweiz?

Was wäre also in den letzten eineinhalb Jahren wohl geschehen, wenn die grössten Schweizer Finanzinstitute sowie die Pharma- und Industriegiganten mit einer Frau an der Spitze in die Krise gegangen wären oder mit einem ansehnlichen weiblichen Anteil im Verwaltungsrat? Hätte ein grösserer Anteil Frauen in den schweizerischen Chefetagen die Krise früher kommen sehen oder besser bewältigt?

Darauf kann es leider keine abschliessende Antwort geben, weil die Anzahl und damit der Einfluss der Frauen - zumindest in den von der «Handelszeitung» unter die Lupe genommenen 15 SMI-Unternehmen - vor allem in der Unternehmensleitung - viel zu klein ist. So haben beispielsweise zehn Firmen keine einzige Frau in der Geschäftsleitung. Im Verwaltungsrat der Credit Suisse ist Noreen Doyle, eine Managerin mit US-amerikanischem und irländischen Pass, die einzige Frau unter zwölf Männern. Die Amerikanerin Sally Bott und die Kanadierin Ann F. Godbehere im UBS-Verwaltungsrat sind immerhin zu zweit unter zehn männlichen Kollegen. Doch beide Grossbanken haben keine Frau in der Geschäftsleitung (siehe Tabelle zum Frauenanteil der befragten SMI-Unternehmen).

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Schweizer Banken mit Altlasten

Die Schweizer Finanzexpertin Fleur Platow betont jedoch, dass man bei den Kursvergleichen nicht den Anteil Managerinnen in den Vordergrund stellen sollte, sondern die unterschiedlichen Kategorien. So hätten Nestlé und Swisscom mit der Finanzkrise eigentlich nichts zu tun, weil ihre Produkte auch in schlechten Zeiten gekauft werden. «Sie gehören zu den Firmen mit den geringsten Kursverlusten im SMI», sagt Platow. Und das, obwohl auch hier der Frauenanteil in Geschäftsleitung und Verwaltungsrat marginal ist.

Auch dass Swiss Re, Julius Bär, die UBS und die Credit Suisse Group zu den grössten Verlierern unter den Finanztiteln zählen, führt die Expertin nicht direkt auf den kleinen Anteil Frauen in deren Top-Management zurück. Und dass die Credit Suisse heute etwas besser aufgestellt ist als die UBS hat nach Fleur Platow auch nichts mit der Frauenquote zu tun - die ist bei beiden Grossbanken verschwindend klein -, sondern damit, dass die Grossbank von Oswald Grübel im Vorfeld der Krise besser gemanagt worden sei und noch rechtzeitig kritische Produkte abstossen konnte.

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So hängt nach Platows Meinung die Kursentwicklung weniger mit dem Frauenanteil im Management zusammen, sondern eher mit der Frage des Sektors. Branchen wie Adecco, ABB und Holcim hätten unter den Sekundäreffekten zu leiden. Doch auch hier kann eine gewiefte Finanzexpertin die Frage nicht beantworten, ob ein grösserer Anteil Führungsfrauen die Weichen nicht vorher auf Langfristigkeit hätte stellen können, wozu beispielsweise die Frage nach den wirklichen Bedürfnissen in der Zukunft zählt.

So gesehen könnte die Erhöhung der Frauenquote in den Führungsetagen Sinn machen, was nachweislich auch das Management leistungsfähiger macht: Die Unternehmenskultur wird vielseitiger und es fällt leichter, unterschiedliche Geschäftsmöglichkeiten zu nutzen, betont Professor Michel Ferrari.

Quotenfrauen im Verwaltungsrat

Was in Norwegen schon seit ein paar Jahren erfolgreich funktioniert, ist die staatlich vorgeschriebene Frauenquote von 40% im Verwaltungsrat. Die 600 an der Börse gehandelten Unternehmen hatten von 2003 bis 2005 Zeit, ihre Verwaltungsräte umzubesetzen. Firmen, die diese Quote nicht erfüllten, drohte bereits zwei Jahre später der Verlust der Zertifizierung der Börsenaufsicht.

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Nicht nur in Norwegen, auch in den USA spielt die Gender-Balance eine grössere Rolle als in Europa. Doch auch da ist einiges im Fluss: In Deutschland fordert gerade jetzt die SPD erneut, das norwegische Modell bis spätestens 2013 umzusetzen. Auch Länder wie Schweden und Spanien haben ähnliche gesetzliche Vorschriften auf den Weg gebracht.

Laut einer Studie «Woman matter» der Beratungsfirma McKinsey aus dem Jahr 2007 bei den grössten multinationalen Konzernen lag die Rendite mit einem besonders hohen Frauenanteil im Top-Management um 10% über dem Branchendurchschnitt. Das Ergebnis lautet: Unternehmen mit mehr als drei Frauen im Vorstand erwirtschaften eine bis zu 53% höhere Eigenkapitalrendite.

Die Franzosen kennen zwar keine Quote für den Verwaltungsrat: In der französischen Politik müssen nur die Wahllisten paritätisch besetzt sein. Doch hat Präsident Sarkozy erst kürzlich Patricia Barbizet zur Fondsmanagerin ernannt. Und das wohl nicht nur, weil er ein Frauenfreund ist.

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Viele gut ausgebildete Frauen

In der Schweiz führt das Thema Frauenquoten oft zu emotional kontroversen Diskussionen. Vor allem wird entgegnet, dass es nicht genug ausgewiesene Frauen gebe. Das Argument sollte jedoch angesichts der seit Jahren gut ausgebildeten Frauen, die bis zu 60% die Hörsäle der Universitäten füllen, nicht mehr lange haltbar sein.

Die Zürcher Unternehmensberaterin Sonja A. Buholzer äussert dazu unverblümt ihre Überzeugung: «Da das Ziel einer quantenmässig paritätischen Vertretung von Frauen hierzulande kaum erreichbar ist, plädiere ich ausnahmsweise für die Einführung einer Quote für die Besetzung in Verwaltungsräten durch Frauen. Sie haben die Funktion unter anderem auch als Gewissen des Unternehmens. Derartige finanzielle Exzesse, wie wir sie bis heute kennen, und strategische Fehlentscheide wären mit qualitativem und quantitativem Einbezug von Frauen in Verwaltungsräten niemals in dieser Form möglich gewesen.»

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