Analysten sind sich einig: Die „unüberbrückbaren Differenzen“ über die Führung des Elektro- und Automationkonzerns ABB, die CEO Fred Kindle zum Rücktritt bewogen haben, können nur in der Wachstumsstrategie begründet liegen. Als Gegenspieler von Kindle sieht die Finanzgemeinde ABB-Verwaltungsratspräsident Hubertus Von Grünberg. Er wurde im Mai 2007 als Nachfolger von ABB-Sanierer Jürgen Dormann zum Verwaltungsratspräsidenten gewählt.

Seit langem besteht die Diskussion über die Verwendung der voll gefüllten Kassen bei ABB. Kindle zeigte sich bislang zurückhaltend, was Akquisitionen, vor allem grössere, anbelangt. Erste Priorität hatte für ihn Investitionen in interne Verbesserungen. Firmenübernahmen kämen in zweiter Priorität, sagte er im vergangenen November im Interview mit der „Handelszeitung“. „Grundsätzlich sind kleinere Zukäufe eleganter, weil das Risiko leichter zu verdauen ist“, argumentierte er damals. Eine Rückzahlung an die Aktionäre sah der scheidende ABB-Chef erst in dritter Priorität. ABB dürfte rund 4 Mrd. Franken flüssige Mittel in der Tasche haben.

An einer Telefonkonferenz, die am Dienstag morgen eilig einberufen wurde, stellte ABB-Präsident von Grünberg mehrfach klar, dass nicht die Frage nach der Mittelverwendung der ausschlaggebende Grund für Kindles Rücktritt gewesen sei. „Auch ohne Fred Kindle hätten wir in Sachen Akquisitionen dieselben Entscheidungen getroffen“, betonte er. Finanzchef Michel Demaré, der interimistisch die Führung von ABB übernimmt, bestätigte zudem, dass er gemeinsam mit Kindle das heute angekündigte Aktienrückkaufprogramm von bis zu 2,2 Mrd Fr. sowie die Dividendenerhöhung auf 0,48 Fr. je Aktie dem Verwaltungsrat vorgeschlagen habe.

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Ist der Trennungsgrund also ein „Clash“ der Egos von Fred Kindle und von Grünberg? Auch dies verneinte der ABB-Präsident vehement. Er schätze Fred Kindle sehr und bedaure, Investoren und Analysten nicht über die Gründe für den überraschenden Rücktritt informieren zu können. „I feel miserably“, räumte er ein. Als er heute früh aufgestanden sei, habe er bereits gewusst, dass dies nicht sein glücklichster Tag werden würde. Nichtsdestotrotz müsse man jetzt nach vorne blicken. „Sie werden die Abwesenheit von Fred Kindle nicht den Zahlen des ABB-Konzerns ansehen, das verspreche ich“, schloss der ABB-Präsident.

Die Finanzgemeinde bleibt ratlos zurück. Fred Kindle, ein Chef wie aus dem Bilderbuch, soll wegen „unüberbrückbarer Differenzen“ den Konzern verlassen haben, aber alle loben seine Arbeit?

Das ist nichts Neues. Wer immer bei ABB über Fred Kindle spricht, der kommt ins Schwärmen. Es fallen Worte wie «hochintelligent» und «brillant», «humorvoll» und «fair». Sogar Gary Steel, ein ABB-Konzernleitungsmitglied, gibt sich für einen Schotten ungewöhnlich emotional. «Ich mag ihn sehr», gesteht er. Mehr noch: Das ganze Team schätze Fred Kindle sehr. Selbst ehemalige Mitarbeiter des Konzerns verlieren kein böses Wort über ihren früheren Kapitän. «Der hat die loyalste Belegschaft, die Du Dir überhaupt vorstellen kann», heisst es unter Wirtschaftsjournalisten, die seit Kindles Amtsantritt vor drei Jahren – vergeblich – nach Stänkerern suchen.

Kindle hatte es, im Gegensatz zu manchen Vorgängern auf der ABB-Kommandobrücke, geschafft, gefährliche Angriffsflächen zu vermeiden. Während sich die ehemaligen ABB-Chefs Percy Barnevik und Göran Lindahl in Limousinen chauffieren liessen und auf Geschäftsreisen gerne nobler als ihre Entourage abstiegen, reiste Kindle von seinem Wohnort Winterthur mit der S-Bahn zum ABB-Headquarter in Zürich Oerlikon. Unterwegs flog er mit seinem Team Linie, stieg ins selbe Taxi zum gleichen Hotel wie seine Leute. Hatte er Mittags keine Termine, ging er auch mal in die Mensa. Während sich andere Unternehmen eine Kantine fürs Fussvolk und eine für die Teppichetage leisten, sind vor ABB alle Menschen gleich. So griff sich auch der oberste Ingenieur ein Tablett, reihte sich in die Warteschlange vor der Essensausgabe ein, vertrieb die Wartezeit mit Small Talk und setzte sich danach irgendwo dazu.

Das ausgeprägte Wir-Gefühl muss der Kindle in den 1980er Jahren als Projektmanager beim Bauausrüster Hilti eingeimpft bekommen haben – dem Paradebeispiel für eine Unternehmenskultur, die auf Aussenstehende geradezu verschwörerisch wirkt. «Er ist völlig frei von Eitelkeiten», bestätigt Haller. «Obwohl wir es alle verstehen würden, wenn er es sich etwas bequemer machen würde.» Doch Kindle widerstand offensichtlich den tausendfachen Versuchungen, die Karte des Konzernchefs auszuspielen.

Im Beruf mag Kindle bescheiden sein. Privat weiss er durchaus, was gut ist. Zu seinen bevorzugten Gerichten gehören «Seafood» und «asiatisch angehauchte Speisen» – das liess er zumindest im vergangenen Herbst die Gäste des 17-Punkte-Restaurants «Äbtestube» in Bad Ragaz wissen. Dort begab sich er sich höchstpersönlich hinter den Herd und stellte mit Chefkoch Roland Schmid ein persönliches Gourmet-Menü zusammen. In «Fred Kindle & Roland Schmids Rezeptbüchlein» sind die Gerichte aufgelistet, jeder Gang von einem Bonmot begleitet. Das Heft, sonst nur dem exklusiven Zirkel um Chefkoch Schmid zugänglich, fördert diverse Vorlieben des gebürtigen Liechtensteiners zu Tage. Kindle, «fasziniert von der Welt der Gewürze und Aromen», briet Seit an Seit mit Schmid Babyseeteufel, röstete Rehrückenfilet, blanchierte Kalbstafelspitz und brutzelte Bisonburger. Er buk Gemüse-Quarkstrudel und grillierte Scampi-Spiesschen. Und krönte das Menü mit einer Birnen-Schokoladen-Süsswein-Kreation.

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Weinliebhabern empfiehlt Kindle aufs Wärmste Alois Kracher, «den Süssweingott aus dem Burgenland». Man finde dort Auslesen, «allerlei Impressionen von Sultaninen, Honig, tropischen Früchten, Obst, Gewürzen und Kräutern – eine wahre Sinnesorgie», notierte der sonst so nüchterne dipl. Ing. ETH. Wird er nach seinem Hobby gefragt, nennt Kindle seine Familie. «Das ist keine Floskel», weiss ABB-Konzernsprecher Wolfram Eberhardt. «Er will und kann, anders als manche Amtskollegen, den CEO-Hut daheim ablegen und für seine fünf Kinder da sein.» Er pflege die Normalität, wo es nur gehe.

Normal ist für Fred Kindle auch, dass er sich im Berufsleben einiges abverlangt; dasselbe forderte er von seiner Crew. Disziplin gehörte dabei zu seinen obersten Geboten. «Wenn er etwas nicht mag, dann sind das Mitarbeiter, die unvorbereitet an einem Meeting teilnehmen», weiss Gary Steel. «Oder nicht das tun, was sie angekündigt haben.» Vor versammelter Runde abgekanzelt wird der Betroffene dann zwar nicht. «Aber Kindle macht schon deutlich, was er erwartet», berichtet Clarissa Haller.

Dass man sich duze, entspanne solche Situationen in einer gewissen Weise. «Es ist eine sehr natürliche Art, zusammenzuarbeiten», sagt Gary Steel. Er meint: Auf der obersten Führungsetage von ABB geht es deutlich familiärer zu als anderswo. Damit kommen manche zunächst nicht klar. Wer als Kaderangestellter aus Konzernen mit strikt hierarchischer Trennung zu ABB stösst, der hat in den ersten Tagen meistens Mühe, den CEO beim Vornamen anzusprechen.

Wer hart arbeitet, sich diszipliniert verhält und dabei nicht nur sein eigenes Gärtchen sieht, dem räumte Kindle Freiräume ein. Und gabihnen Chancen, Neues auszuprobieren. Im vergangenen Dezember luden Kindle und sein Finanzchef Michel Demaré erstmals überhaupt Medienvertreter zu einem Kamingespräch. Obwohl der CEO zunächst von der Veranstaltung wenig überzeugt war – er fragte nach dem Nutzen für das Unternehmen. Aber er liess seinem Kommunikationsteam freie Hand, weil es ihn mit stichhaltigen Argumenten überzeugt hatte. Wenn ein Projekt aus dem Ruder lief, dann endeten die Freiräume sofort, der CEO stoppte blitzschnell. Das dürfte mitunter einer der Gründe sein, warum sich ABB nach den Aufräumarbeiten von Sanierer Jürgen Dormann zu einem grundsoliden Industrieriesen entwickelt hat. «ABB geht es so gut wie noch nie», sagte Kindle kürzlich dem deutschen «Handelsblatt». Eigentlich nicht überraschend, dass er das Schiff verlässt, bevor es abwärts geht – und er angreifbar wird.

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