Die drei Inder wirken enttäuscht. Leicht gelangweilt lassen sie ihre Blicke über die schmucklosen Wände schweifen. Die dunklen Gesichter wirken unter der Neonbeleuchtung fahl, ihre Anzüge zerknittert, die Rollkoffer staubig. Der älteste, ein dicklicher Mann mit pomadiger Frisur und verbeultem Sakko, wird plötzlich ungeduldig. «Bist Du sicher, dass wir hier richtig sind?», fährt er seinen Kollegen auf Englisch an. Der zuckt mit den Schultern. «Ich denke schon.» Pause. «Nicht, dass wir den CEO warten lassen», mahnt der Alte.

Kurz darauf wird das Trio erlöst. Fred Kindle, CEO des Elektro- und Automationskonzerns ABB, Herr über 28 Mrd Dollar Umsatz und 110 000 Angestellte, lässt bitten. Im Besprechungszimmer angekommen, dürfte den drei Geschäftsleuten aus Fernost gleich die nächste Enttäuschung wiederfahren: Auch hier keine Spur von Mahagoni, Marmor und Monet.

«Auf so etwas legt er einfach keinen Wert», bestätigt Kindles oberste Kommunikatorin, Clarissa Haller. Und kommt ins Schwärmen. Es fallen Worte wie «hochintelligent» und «brillant», «humorvoll» und «fair». Sogar Gary Steel, ein ABB-Konzernleitungsmitglied, gibt sich für einen Schotten ungewöhnlich emotional. «Ich mag ihn sehr», gesteht er. Mehr noch: Das ganze Team schätze Fred Kindle sehr. Der ABB-CEO, ein Chef wie aus dem Bilderbuch?

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Selbst ehemalige Mitarbeiter des Konzerns verlieren kein böses Wort über ihren früheren Kapitän. «Der hat die loyalste Belegschaft, die Du Dir überhaupt vorstellen kann», heisst es unter Wirtschaftsjournalisten, die seit Kindles Amtsantritt vor drei Jahren – vergeblich – nach Stänkerern suchen.

«Völlig frei von Eitelkeiten»

Kindle hat es, im Gegensatz zu manchen Vorgängern auf der ABB-Kommandobrücke, geschafft, gefährliche Angriffsflächen zu vermeiden. Während sich die ehemaligen ABB-Chefs Percy Barnevik und Göran Lindahl in Limousinen chauffieren liessen und auf Geschäftsreisen gerne nobler als ihre Entourage abstiegen, reist Kindle von seinem Wohnort Winterthur mit der S-Bahn zum ABB-Headquarter in Zürich Oerlikon. Unterwegs fliegt er mit seinem Team Linie, steigt ins selbe Taxi zum gleichen Hotel wie seine Leute. Hat er Mittags keine Termine, geht er auch mal in die Mensa. Während sich andere Unternehmen eine Kantine fürs Fussvolk und eine für die Teppichetage leisten, sind vor ABB alle Menschen gleich. So greift sich auch der oberste Ingenieur ein Tablett, reiht sich in die Warteschlange vor der Essensausgabe ein, vertreibt die Wartezeit mit Small Talk und setzt sich danach irgendwo dazu.

Das ausgeprägte Wir-Gefühl muss der ABB-CEO in den 1980er Jahren als Projektmanager beim Bauausrüster Hilti eingeimpft bekommen haben – dem Paradebeispiel für eine Unternehmenskultur, die auf Aussenstehende geradezu verschwörerisch wirkt. «Er ist völlig frei von Eitelkeiten», bestätigt Haller. «Obwohl wir es alle verstehen würden, wenn er es sich etwas bequemer machen würde.» Doch Kindle widersteht offensichtlich den tausendfachen Versuchungen, die Karte des Konzernchefs auszuspielen.

Privat ein wahrer Gourmet

Im Beruf mag Kindle bescheiden sein. Privat weiss er durchaus, was gut ist. Zu seinen bevorzugten Gerichten gehören «Seafood» und «asiatisch angehauchte Speisen» – das liess er zumindest im vergangenen Herbst die Gäste des 17-Punkte-Restaurants «Äbtestube» in Bad Ragaz wissen. Dort begab sich der Konzernchef höchstpersönlich hinter den Herd und stellte mit Chefkoch Roland Schmid ein persönliches Gourmet-Menü zusammen. In «Fred Kindle & Roland Schmids Rezeptbüchlein» sind die Gerichte aufgelistet, jeder Gang von einem Bonmot begleitet. Das Heft, sonst nur dem exklusiven Zirkel um Chefkoch Schmid zugänglich, fördert diverse Vorlieben des Konzernlenkers zu Tage. Kindle, «fasziniert von der Welt der Gewürze und Aromen», briet Seit an Seit mit Schmid Babyseeteufel, röstete Rehrückenfilet, blanchierte Kalbstafelspitz und brutzelte Bisonburger. Er buk Gemüse-Quarkstrudel und grillierte Scampi-Spiesschen. Und krönte das Menü mit einer Birnen-Schokoladen-Süsswein-Kreation.

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Weinliebhabern empfiehlt der gebürtige Liechtensteiner aufs Wärmste Alois Kracher, «den Süssweingott aus dem Burgenland». Man finde dort Auslesen, «allerlei Impressionen von Sultaninen, Honig, tropischen Früchten, Obst, Gewürzen und Kräutern – eine wahre Sinnesorgie», notierte der sonst so nüchterne dipl. Ing. ETH. Wird er nach seinem Hobby gefragt, nennt Kindle seine Familie. «Das ist keine Floskel», weiss ABB-Konzernsprecher Wolfram Eberhardt. «Er will und kann, anders als manche Amtskollegen, den CEO-Hut daheim ablegen und für seine fünf Kinder da sein.» Er pflege die Normalität, wo es nur gehe.

«Du» ist gewöhnungsbedürftig

Normal ist für Fred Kindle auch, dass er sich im Berufsleben einiges abverlangt; dasselbe fordert er von seiner Crew. Disziplin gehört dabei zu seinen obersten Geboten. «Wenn er etwas nicht mag, dann sind das Mitarbeiter, die unvorbereitet an einem Meeting teilnehmen», weiss Gary Steel. «Oder nicht das tun, was sie angekündigt haben.» Vor versammelter Runde abgekanzelt wird der Betroffene dann zwar nicht. «Aber Kindle macht schon deutlich, was er erwartet», berichtet Clarissa Haller.

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Dass man sich duze, entspanne solche Situationen in einer gewissen Weise. «Es ist eine sehr natürliche Art, zusammenzuarbeiten», sagt Gary Steel. Er meint: Auf der obersten Führungsetage von ABB geht es deutlich familiärer zu als anderswo. Damit kommen manche zunächst nicht klar. Wer als Kaderangestellter aus Konzernen mit strikt hierarchischer Trennung zu ABB stösst, der hat in den ersten Tagen meistens Mühe, den CEO beim Vornamen anzusprechen.

Freiräume kriegt, wer überzeugt

Wer hart arbeitet, sich diszipliniert verhält und dabei nicht nur sein eigenes Gärtchen sieht, dem räumt Kindle Freiräume ein. Und gibt ihnen Chancen, Neues auszuprobieren. Im vergangenen Dezember luden Kindle und sein Finanzchef Michel Demaré erstmals überhaupt Medienvertreter zu einem Kamingespräch. Obwohl der CEO zunächst von der Veranstaltung wenig überzeugt war – er fragte nach dem Nutzen für das Unternehmen. Aber er liess seinem Kommunikationsteam freie Hand, weil es ihn mit stichhaltigen Argumenten überzeugt hatte.Wenn ein Projekt aus dem Ruder läuft, dann enden die Freiräume sofort, der CEO stoppt blitzschnell. Das dürfte mitunter einer der Gründe sein, warum sich ABB nach den Aufräumarbeiten von Sanierer Jürgen Dormann zu einem grundsoliden Industrieriesen entwickelt hat.

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In der Finanzgemeinde hingegen wünscht man sich, bis vor kurzem jedenfalls, etwas mehr Risikofreudigkeit von Fred Kindle. Immer wieder wird er aufgefordert, endlich die mit bis zu 3 Mrd Dollar gefüllte Kasse zu öffnen und auf internationale Einkaufstour zu gehen. Doch Kindle lässt sich nicht drängen. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen seien zu unsicher, um jetzt ein Grossunternehmen zu übernehmen, dessen Marktperspektiven sich womöglich bald rapide verändern, betonte Kindle bisher regelmässig.

Mit dieser Strategie gelingt es dem ABB-Chef, auch für das vergangene Jahr einen Rekordabschluss vorzulegen. Und für das laufende Geschäftsjahr sieht Kindle ebenfalls keine tiefschwarzen Wolken am Horizont. «ABB geht es so gut wie noch nie», sagte er kürzlich dem deutschen «Handelsblatt». Und ganz sicher will er nicht derjenige sein, der das ändert.

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