Schlichtweg verstaubt», so ungnädig kommentiert Filippo Castagna den früheren Webauftritt des Kulttaschenherstellers. Castagna darf das, schliesslich ist er als Geschäftsleitungsmitglied zuständig für Marketing und Vertrieb bei Freitag. Inzwischen ist dessen Web-Shop ja auch wieder auf dem neusten Stand. Funktionstüchtig sei er zwar immer gewesen, erzählt Castagna, Anlass zur Freude habe aber schon länger nicht mehr bestanden. Im Gegenteil: «Die Online-Bestellabwicklung war äusserst aufwendig, mussten doch alle Anfragen manuell in drei verschiedenen Systemen erfasst werden.»

Auf Kundenseite hielt sich die Begeisterung ebenfalls in engen Grenzen, entsprachen die gelieferten Taschen doch nicht immer den Erwartungen, die die digitalen Abbilder der Lastwagenplanen im Web-Shop zuvor geweckt hatten. Insbesondere die Farbqualität der Fotos liess sehr zu wünschen übrig und führte auch hier zu aufwendiger Handarbeit: «Jemand musste schriftliche Präzisierungen verfassen im Stil von ‹das gezeigte Grau entspricht in Realität eher Dunkelgrün›.» Das Resultat: Hohe Kosten, unnötige Retouren, missgelaunte Kunden.

Statt auf kosmetische Änderungen und Verbesserungen zu setzen, wagte man bei Freitag den heilsamen Schnitt tief ins Lebendige: Alles, von der Bestellung bis zur Abwicklung, sollte auf eine neue, solidere Basis gestellt werden.

Nervenkitzel Interneteinkauf

Die bemerkenswerteste Neuerung im Web-Shop ist die bildliche Präsentation der Produkte. Dafür wurde eigens eine Fotografiermaschine entwickelt, die von jeder käuflichen Tasche Bilder erstellt, die sie geschlossen und offen in 360-Grad-Ansichten zeigt. Und dies in einer Farbqualität, die kaum mehr zu Missinterpretationen führt.

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Für Spannung beim Einkaufen im Internet sorgt der Real-Time-Zähler, der jedem Besucher anzeigt, ob gerade ein anderer dabei ist, sich das begehrte Stück zu schnappen – Nervenkitzel wie in einer Internetbörse, und von Freitag durchaus beabsichtigt: «Gerade weil es Unikate sind, gehört so etwas dazu. Schliesslich wollen die Käufer nicht eine beliebige rote Tasche, sondern genau diese mit den schwarzen Streifen und der leichten Patina», sagt Castagna.

Stammt der Käufer aus dem Ausland, bekommt er oder sie nur noch diejenigen Unikate zu sehen, die im zugeordneten Gebietslager erhältlich sind, womit unnötig hohe Transportkosten vermieden werden. Für Freitag geht der Fokus auf den Internetkanal auf, insbesondere in Ländern, in denen der Vertrieb noch wenig ausgebaut ist. So wurden in den USA sehr viel mehr Taschen verkauft.

Vorbildfunktion für andere

Effiziente Abläufe, Integration in eine weltweite Logistik und eine signifikante Umsatzsteigerung sind denn auch die Kriterien, die in der Fachkategorie «Business Efficiency» punkten. «Ausgezeichnet werden Projekte, die aus Sicht der Kapitalgeber sinnvolle Investments darstellen», erklärt Professor Ralf Wölfle, Leiter Competence Center E-Business an der Fachhochschule Nordwestschweiz und seit sechs Jahren Jurypräsident. Erfreulicherweise gebe es heute wieder mehr innovative Projekte als noch vor drei, vier Jahren.

Offenbar ist nach der Sanierungs- und Redimensionierungsphase der letzten Jahre wieder mehr Schwung in E-Business-Projekte gekommen. Und im Gegensatz zu den Anfängen, als die Investoren Wölfle zufolge «eher mit viel Hoffnung denn mit soliden ökonomischen Kriterien» an die Projekte herangegangen seien, zeigten die heutigen Preisträger klar: «Internetprojekte sind Investitionsprojekte wie andere auch.» Projekte also, deren Nutzen sich rechnen lässt.

Geradezu vorbildlich sei das Freitag-Projekt aber, weil die Taschenhersteller einen Schritt weiter gegangen seien, während vergleichbare Kultfirmen in vergleichbaren Situationen sang- und klanglos untergegangen seien: «Nachdem ihre Produkte einen gewissen Sättigungsgrad erreicht haben, haben sie ihr Angebot international erweitert und mit professionellen und effizienten Prozessen, vom Webauftritt beginnend bis zur Auslieferung, neuen Auftrieb gefunden.» Und dies, ohne ihren kulturellen Spirit oder ihr Image als Trendsetter zu opfern, betont Wölfle.

«Trendsetter neu erfunden»

Der Erfolg dieser Neuauflage einer Erfolgsgeschichte zeigt sich auch in Zahlen: Seit September 2007 verzeichnet Freitag eine Umsatzsteigerung um 65% im Online-Bereich. Grund zur Freude für den Marketingchef Castagna: «Für unser Team ist der Preis eine Bestätigung dafür, dass sich der Rieseneinsatz gelohnt hat.» Eine Goldmedaille, die sich offensichtlich bereits versilbern lässt.