Ulrich Zwygart hat einen Lebenslauf zum Vorzeigen: Studium an der Uni Bern, mehrere Jahre als Anwalt tätig, dann die Laufbahn bei der Schweizer Armee, zuletzt als Inspektor der Kampftruppen und Chef der höheren Kaderausbildung. Sein Rang: Divisionär. Er wurde als potenzieller Nachfolger von Roland Nef gehandelt.

Wer glaubt, der 56-Jährige habe allen Grund, aufs Erreichte zurückzublicken und es jetzt gemütlicher anzugehen, liegt falsch. Zwygart gibt Gas wie ein Junger. Seit knapp einem Jahr ist er Managing Director der Deutschen Bank in London. Er ist verantwortlich für die Aus- und Weiterbildung, fördert junge Talente. Man fragte ihn, ob er den Job übernehmen wolle, und er überlegte nicht lange: Zu verlockend sei die Aussicht gewesen, für ein namhaftes Unternehmen in der Privatwirtschaft zu arbeiten.

Herausforderungen und schwierige Aufgaben seien für ihn der besondere Kick. Zudem arbeite er gerne mit Menschen zusammen, wolle mit ihnen gute Leistungen erzielen. All das treibe ihn. «Ich bin voller Energie und Tatendrang und habe Freude am Leben», sagt Zwygart. Und zu dieser Freude gehöre die Arbeit - etwas Sinnvolles zu tun. Kann er sich vorstellen, in Rente zu gehen? «Nein, zumindest nicht heute.»

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Im Alter mehr Freiräume

Ulrich Zwygart ist ein typischer VEP. Und diesen Very Experienced People gehört die Zukunft, sagt Ursula Knorr vom Institut für Führung und Personalmanagement an der Uni St. Gallen. Die reifen Damen und Herren verfügten schliesslich über eine ganze Reihe von Vorzügen: Sie sind reich an Berufs- und Lebenserfahrung, gut vernetzt, wissen um ihre Stärken und Schwächen.

Sie sind gesund und leistungsfähig, und sie haben aufgrund der allgemein höheren Lebenserwartung noch gute 20 bis 30 Jahre vor sich. Hinter sich haben sie wichtige Stationen wie die Familiengründung - das verschafft ihnen den Freiraum, sich nochmals richtig reinzuknien.

Ursula Knorr hält nicht viel von der Ansicht, im letzten Berufsdrittel gehe es zwangsläufig abwärts - Bogenkarriere genannt. Denn Erfahrung und Reife seien heute hochgeschätzte Werte, die VEPs wertvolle Fach- und Führungskräfte.

Das zeigt auch eine aktuelle Umfrage von Hewitt Associates und der Uni St. Gallen: Trotz Wirtschaftskrise gehen 90% der Unternehmen von einem gleichbleibenden oder steigenden Bedarf an Talenten aus. 70% der befragten Unternehmen erwarten gar, dass der Bedarf in den nächsten drei bis fünf Jahren drastisch ansteigen wird. Fazit: Es gibt kaum eine Branche, die es sich leisten kann, auf reife Semester zu verzichten.

Eine Ansicht, die Ulrich Zwygart teilt: «Das Durchschnittsalter der Erwerbstätigen steigt. Wir werden also in den kommenden Jahren einen wachsenden Anteil an über 50-Jährigen in der Arbeitswelt haben.» Dass sich die Altersstruktur der Schweizer Arbeitnehmer bis ins Jahr 2020 stark verändern wird, untermauert auch eine Adecco-Umfrage: Die Anzahl der zwischen 30- und 44-Jährigen wird - verglichen mit dem Jahr 2000 - um ein Fünftel sinken, jene der 50- bis 64-Jährigen jedoch um ein Drittel zulegen. Der Anstieg in der Gruppe der 60- bis 64-Jährigen beträgt sogar über 50%.

Das Gehirn bleibt lernfähig

Zwygart hat keine Sorge, dass die Älteren als langsamer im Denken oder lahmer im Handeln gelten würden oder nicht mithalten könnten. «Unser Gehirn ist lern-, anpassungs- und entwicklungsfähig - auch im Alter.» Es brauche aber Anreize: Intellektuelle Übung. Und auch der Körper müsse fit gehalten werden. Nur so bleibe man à jour und am Ball.

«50plus» - die Erfolgsformel auf dem Arbeitsmarkt von morgen? Ganz so einfach ist es nicht, sagt François Höpflinger, Soziologe an der Uni Zürich (siehe «Nachgefragt»). Bislang böten nur wenige Unternehmen flexible Arbeitszeiten, Gesundheitsförderung und Weiterbildung - Rahmenbedingungen also, um das Potenzial der älteren Belegschaft zu nutzen. Und nur die wenigsten Unternehmen sind dazu bereit, Mitarbeitende über 50 einzustellen - obwohl sie laut der Adecco-Umfrage den Älteren hinsichtlich Effizienz und Engagement, Motivation und Produktivität gleich gute oder sogar bessere Noten ausstellen als den Jüngeren.

Bereit sein, dazuzulernen

Wie Unternehmen den älteren Arbeitnehmern begegnen, ist eine Sache. Wie man sich der Berufswelt stellt, die andere. «Auch von über 50-Jährigen ist heute Flexibilität gefordert», sagt Höpflinger. Er sieht es nüchtern: In der Regel sei es noch immer schwierig, nach einer Kündigung mit über 50 eine neue Stelle zu finden. Freilich variierten die Aussichten je nach Beruf, Branche - und Konjunktur.

Vieles jedoch liege an einem selber: Wer auf der Stelle tritt und darauf beharrt, seine Aufgaben auch fortan nur so zu erledigen, wie er es immer getan hat, zieht den Kürzeren. Wer hingegen bereit ist, dazuzulernen, zum Arbeitsort zu pendeln oder den Wohnort zu wechseln und beim Lohn realistische Vorstellungen mitbringt, hat im reifen Alter bessere Aussichten auf einen neuen Job.


NACHGEFRAGT
François Höpflinger, Soziologisches Institut Universität Zürich, Zürich

«Ältere Arbeitskräfte besserzustellen, ist eine Zukunftsaufgabe»

Berufsleute jenseits der 50 - es ist noch gar nicht lange her, da zählte man sie zum «alten Eisen». Sind es heute gefragt Leute?

François Höpflinger: Ein neuer Trend ist noch nicht zu erkennen. Bislang haben die Unternehmen lediglich diskutiert und teilweise ausprobiert, wie man die Erfahrung älterer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besser nutzt. Ältere Arbeitskräfte besserzustellen, ist eine Zukunftsaufgabe.

Welche reifen Berufsleute haben gute Chancen?

Höpflinger: Es sind vor allem drei Gruppen von Arbeitskräften: Ältere Spezialisten wie Ingenieure oder Maschinisten aus Branchen, wo junge Fachleute knapp werden. Dann Führungskräfte, Kadermitarbeiter oder Berater, die Erfahrungen mit kritischen Situationen oder schwierigen Kunden mitbringen - das «Modell Oswald Grübel». Und als dritte Gruppe ältere, gut vernetzte Fachleute, aber auch Verkäuferinnen. Sie wissen mit älteren Kunden und Kundinnen umzugehen. Denn auch deren Zahl wird zunehmen.

Leute über 50, die nochmals neu anfangen oder Karriere machen wollen - sind das Einzelfälle?

Höpflinger: Die Zahl der Männer und Frauen, die den Beruf wechseln oder eine neue Ausbildung beginnen, ist steigend. Insgesamt handelt es sich aber noch immer um eine Minderheit. Einige von ihnen wollen tatsächlich einen Karriereschritt machen, auch mit selbstständiger Arbeit. Meistens überwiegt jedoch der Wunsch, dem Leben einen neuen Sinn, eine neue Richtung zu geben. Teilweise geschieht dies allerdings erst nach 65. So steigt beispielsweise die Zahl von Frauen und Männern, die dann ein Studium oder Zweitstudium belegen. Sie nutzen - wirtschaftlich gesichert - die Freiheit des Rentenalters.

Bringt die aktuelle Krise Vor- oder Nachteile für alte Hasen?

Höpflinger: Die Wirtschaftskrise wird die Unterschiede und Ungleichheiten bei älteren Arbeitnehmern und Arbeitnehmerinnen verstärken. Wer sozial kompetent und fachlich fit ist, wird sein Erfahrungswissen einbringen können - und etwa als Berater oder Mentor auch im AHV-Alter gefragt sein. Zu den Verlierern werden die schlecht Qualifizierten gehören. Die Mehrzahl der 50-Plus-Leute dürfte jedoch dazu tendieren, ihre jetzige Stelle zu halten, die Krise quasi auszusitzen.

Wie sieht es bei «Verschleiss-Berufen» wie Bauarbeitern aus?

Höpflinger: Bei körperlich oder psychisch harten Berufen hat sich der Trend zu Frühpensionierungen oder zur Frühinvalidität fortgesetzt. Eine neue Entwicklung zeigt sich hier höchstens darin, dass ein Teil der frühpensionierten Bauarbeiter nach einer Erholungsphase wieder kleinere Arbeiten übernimmt.