Was ist eigentlich die Rolle eines Coachs?
Sean Simpson: Die Rolle des Coaches ist stark situationsabhängig. In einer Nationalmannschaft ist es zudem schwieriger, einen Teamspirit entstehen zu lassen, als in einem Club. In einem Club sieht man die Kollegen jeden Tag, und es hat auch immer wieder neue, junge Spieler. In einer Nationalmannschaft hingegen spielen nur die besten Sportler. Besonders wichtig ist jedoch das geschaffene Umfeld: Man muss eine Siegereinstellung herbeiführen. Der Spieler muss Freude daran haben, arbeiten zu gehen.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Muss man da auch Druck machen?
Reinen Druck auf die Spieler auszuüben, ist gemäss meiner Erfahrung kontraproduktiv, sodass ein Spieler nicht fähig ist, seine Bestleistung zu zeigen. Die Spieler müssen sich gemeinsam als Mannschaft ihre eigenen Ziele setzen. Wichtig ist auch, dass das System von allen verstanden und ständig wiederholt wird.

Wie wichtig ist die Einzelleistung im Team?
Ein Trainer muss das Beste aus seiner Mannschaft holen und eine Einheit schaffen. Die Kunst ist es, die individuellen Fähigkeiten so einzubringen, dass die Mannschaft als Ganzes erfolgreich ist. Für Egoisten habe ich keine Zeit. Nicht der individuelle Erfolg zählt, sondern die Leistung der Mannschaft. Wichtig ist, dass alle mit Spass dabei sind und gleichzeitig als Mannschaft erfolgreich sind. Ich sage immer: «Be the best you can be, every day!»

Und wenn das nicht alle tun?
Ich unterbreche auch mal ein Training und spreche einen Spieler direkt an, weshalb er nur 60 Prozent seiner Leistung bringt. Das zeigt meistens Wirkung. Um den Teamgeist zu fördern, haben wir gemeinsam geübt, die Nationalhymne zu singen. Das war eindrucksvoll.
 
Welche Eigenschaften sollte eigentlich ein Coach haben, um Erfolg zu haben?
Ein Coach muss verschiedenste Eigenschaften haben: Er muss mal eine starke Figur sein, ein anderes Mal aber auch ein guter Freund. Man muss fähig sein zu unterscheiden, wann ein Spieler Verständnis braucht und wann er bestärkt oder gepusht werden muss. Jede Führungsperson hat ihren eigenen Führungsstil, den man akzeptieren muss. Es gibt keinen Stil, der besser ist als der andere. Jeder Führungsstil hat das Potenzial, das Beste aus einer Mannschaft zu holen. Wichtig ist, dass man dabei authentisch bleibt und sich wohl fühlt dabei.

Und was ist Ihr Stil?
Ich persönlich lege Wert auf eine gute Kommunikation, spreche offen und ehrlich mit den Spielern, kann aber auch mal hart sein. Ich behandle die Spieler wie Profis und erwachsene Menschen, gebe ihnen Freiheiten, aber greife ein, falls etwas falsch läuft. Ich arbeite mit Passion und lege Wert darauf, dass mich die Spieler kennen und wissen, was ich von ihnen will. Sowohl für den Coach als auch für die Spieler ist es wichtig, dass man seine Rolle akzeptiert.

Welche praktischen Tipps und Tricks haben Sie in Ihrer Karriere angewendet? Können Sie uns das verraten?
Es gibt keine Tricks: Erfolg ist harte Arbeit. Es braucht einen Plan, Zeit, Commitment und eine faire Organisation. Die Erfahrung hilft mir, die Situation jeweils einzuschätzen. Die Spieler müssen alles füreinander geben und dürfen nicht aufgeben, auch wenns mal schlecht läuft. Man kann nicht immer ein Frontrunner sein. Jeder ist ein Stück im Puzzle. Grundsätzlich sage ich immer: «Life gives you not what you want, but what you need.»

Das Interview erschien zuerst in der Kundenzeitschrift von Euler Hermes Schweiz.