Weiter entfernt von einer grauen Beamtenmaus könnte er nicht sein. Dies ist mitunter ein Grund für die Skepsis innerhalb des gelben Riesen gegenüber dem neuen Postverwaltungsratspräsidenten Claude Béglé. Der 59-jährige extravertierte Romand, der bis jetzt nur bei internationalen Organisationen und Unternehmen gearbeitet hat, ist im Gespräch in einer Loungebar nicht nur wegen seiner Grösse nicht übersehbar, sondern auch wegen seiner energiegeladenen Gestik und temperamentvollen Ausdrucksweise.

Er spricht begeistert über seine Faszination vom «Grenzbereich zwischen Politik und Wirtschaft» und seiner «Heimkehr». Nach Jahren des Arbeitens und Reisens rund um den Globus ist er jetzt an seinem Geburtsort tätig. Das Globetrotten gehörte schon in seiner Kindheit zum Alltag, sein Vater war Generaldirektor von Suchard Tobler.

Vor vier Jahren, als er noch bei der französischen Post als CEO von DPD und GeoPost international arbeitete, lachte er auf die Frage, ob er auf den Chefposten der Post aspiriere. Mit einem Blick auf seinen CV könnte man einerseits meinen, er sei für dieses Amt prädestiniert. Andererseits fragt sich, ob sein Herz nicht eher für die Arbeit in Entwicklungsländern schlage. Dort hat er nämlich seine Karriere begonnen, bei der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) in Nepal und dem IKRK in Zimbabwe und Libanon, bevor er 14 Jahre für Nestlé in Mexiko, Ägypten, Spanien, Nigeria, Equador, Kolumbien und Polen arbeitete. In der Entwicklungszusammenarbeit will er auch nach der Pensionierung tätig sein, wie er sagt. Das sei eine Passion, die ihn seit seinem Karrierestart verfolge.

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Doch Béglé relativiert: «Es ist eine von meinen Passionen, ich bin passioniert, ich habe viele Passionen. Es ist schade, dass man nicht 300 Jahre leben kann. Ich möchte so viele Sachen machen.» Er untermalt seine Aussagen mit ausladenden Gesten. Er fühle sich wohl in der Geschäftswelt, an der Grenze zur Politik sowie in der Entwicklungsthematik: «Ich brauche beides.» Nach wie vor hat er verschiedene Mandate in Ländern wie Indien und China.

Zu Hause die Vereinten Nationen

Neben Asien, Afrika und Europa gehört auch Südamerika zu den Kontinenten, die er häufig bereist. Seine Frau kommt aus Kolumbien, sie ist Chirurgin und arbeitet jetzt im Aids-Gebiet. Seit letztem Jahr wohnen sie mit den beiden jüngsten Kindern, sieben- und achtjährig, in Pully bei Lausanne im Haus seiner Eltern.

Seine älteren vier Kinder leben in Paris, Genf, Neuenburg und in den USA. Der älteste Sohn ist 32-jährig und hat wie sein Vater Jus studiert. Wenn alle Kinder samt ihren internationalen Partnerinnen, Partnern und Nachwuchs auf Besuch seien, komme es ihm vor, als ob zu Hause die Vereinten Nationen versammelt wären, erzählt der schweizerisch-französische Doppelbürger.

Übermässig viel Zeit kann Béglé zwar nicht mit seinen Kindern verbringen, doch die Zeit, die sie gemeinsam hätten, sei intensiv. Er sei kein Mensch, der nach Hause komme und sich in den Sessel vor dem Fernseher setze. Dass bei ihm Gefahr besteht, dass er allzu lange gemütlich sitzend verbringt, kann man sich sowieso nicht vorstellen. Gerne geht er auf Expeditionen - mit den Kindern war er etwa mit der Transsibirischen Eisenbahn, auf der Seidenstrasse und in der Sahara mit drei Tuareg unterwegs.

Wenn er von seinen Kindern spricht, dann zieht er öfter Parallelen zu seinem Vater. Als sein Vater von Reisen zurückgekommen sei, sei das für ihn und seine Geschwister immer ein Abenteuer gewesen. Der Vater habe viele Geschichten von fernen Ländern mitgebracht. Bei ihm sei das ähnlich: «Meine Heimkehr ist immer sehr lebendig und voller Intensität. Ich glaube, Intensität ist wichtig für mich.»

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Fast entgegen seiner Natur übt er im Zusammenhang mit der Post stets Zurückhaltung. Er sagt selber, er werde seine Natur ein wenig zurückhalten. Aber kann er das? Béglé antwortet: «Ich weiss nicht, aber ich werde es versuchen.» Er betont, dass er dem CEO Michel Kunz auf keinen Fall ins Tagesgeschäft reinreden wolle. Was die Liberalisierung der Post anbelange, sei er sehr vorsichtig: «Wir müssen alles im Dialog mit den Gemeinden, dem Personal und den Gewerkschaften machen und nichts überstürzen. Wenn die Post zu schnell geht, bringt das Irritation.» Er wolle auf jeden Fall Ruhe.

Als erste Amtshandlung machte er transparent, welche Poststellen gefährdet sind. Gleichzeitig betont er den immateriellen Wert und die Bedeutung eines dichten Poststellennetzes für die nationale Identität. Selbstverständlich glaube er, dass die Liberalisierung sowieso komme.

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War er in seinen vorangegangenen Cheffunktionen bei der Deutschen und der Französischen Post bekannt für die Internationalisierung der ehemaligen Staatsposten und Expansionen im Ausland, setzt er für die Schweizer Post im Ausland «bloss» auf den Ausbau von Nischenbereichen wie die elektronische Archivierung oder das Direct Marketing. Dass er auf seinen letzten Posten bei der ausländischen Konkurrenz Chefpositionen innehatte, verhilft ihm beim gelben Riesen nicht nur zu Respekt, sondern führte dazu, dass er schon vor seinem Amtsantritt hierzulande Antagonisten hatte. Der Widerstand, auf den er nach seiner Ernennung in den Post-Verwaltungsrat letzten Sommer stiess, ist wohl teilweise darauf zurückzuführen.

Allerdings ist er sich bewusst, dass er polarisieren kann. Er ist seinen Teams sehr nahe, macht sie zu Verbündeten. Das führt dazu, dass manche ihm sehr gut gesinnt sind, bei anderen ruft dies Antagonismus hervor. «Aber niemand ist mir gegenüber gleichgültig», weiss er. In seinen CEO-Positionen ging er gerne unkonventionelle Wege. Als CEO der DPD hat er mit seinem Kader die Managementreorganisation in Spitzbergen durchgeführt. Das verhalf ihm zum Übernamen «Nordpolman». Die Mitarbeiter müsse man nicht nur mit knallharten Fakten, sondern auch über den Bauch erreichen, etwa mit emotionalen Erlebnissen.

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Polarisieren und verbinden

Er weicht Konfrontationen nicht aus. Im Gegenteil: Auf die Auseinandersetzungen mit Politik und Gemeinden freut er sich: «Mit der anstehenden Aufhebung des Briefmonopols kommt eine grosse Diskussion in die Öffentlichkeit, auf diese einzutreten, sehe ich als hoch interessant.» Weitere Auseinandersetzungen erwartet er intern. Doch internen Widerstand gegen jemanden, der von aussen kommt und mit neuen Ideen Altes hinterfragt, hält er für normal. Einer Partei steht er im Gegensatz zu seinen Vorgängern nicht nahe. Am ehesten könne man ihn als «Liberalen» bezeichnen.

In seinem Redestrom, der ab und zu von einem seiner drei Handys unterbrochen wird - seine Frau fragt ihn zum Beispiel auf Spanisch nach Orientierungs- hilfe -, kommt Überraschendes an die Oberfläche. Er arbeite zwar 16 Stunden am Tag. «Doch ich finde jeden Tag Zeit, in mein Tagebuch zu schreiben. Jeden Tag muss ich etwas finden, das besonders ist. Jeder Tag muss für mich speziell sein.» Diese Intensität habe er schon bei seinen Eltern erlebt, seine Mutter war Organistin. Er glaubt, dass Intensität mehr durch das Umfeld geprägt werde, als dass sie angeboren sei.

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Sein Energieniveau hält er allerdings eher für genetisch. «Ausserdem hat man auch mehr Energie und kann mehr geben, wenn man immer Spass hat und zufrieden ist.» Spass haben sollte er im neuen Job allerdings, denn er verdient beim gelben Riesen keinen Zehntel von dem, was er in seiner letzten CEO-Funktion bei der Deutschen Post erhalten hat.