Schweizer Verwaltungsräte stehen unter Druck. In Krisenzeiten werden ihre Mängel schonungslos aufgedeckt. «Die Corporate-Governance-Richtlinien in der Schweiz sind zwar gut, müssen aber konsequenter angewandt werden», resümiert zum Beispiel das globale Rekrutierungsunternehmen Korn/Ferry Institute in der «Verwaltungsratsstudie 2009», die auf einer Befragung von VR-Mitgliedern börsenkotierter Schweizer Konzerne basiert. Auch die Fachkompetenz der Schweizer Gremien wird in Frage gestellt. «In den hiesigen Verwaltungsräten müssen mehr Mitglieder Einsitz nehmen, welche die Märkte, in denen ihr Unternehmen tätig ist, sehr gut kennen», bemängelt beispielsweise die Korn/Ferry-Studie.

«Schweizer Verwaltungsräte verlieren an Boden», titelt auch das Personalberaterunternehmen Heidrick & Struggles in seiner europäischen Corporate-Governance-Studie. Während das durchschnittliche VR-Honorar 2008 in den 20 grössten SMI-Unternehmen um 39% auf 295000 Fr. gewachsen und im europäischen Vergleich Spitze ist, sind die einst hoch gelobten Schweizer Verwaltungsräte in Sachen Corporate Governance von England, Holland und Schweden vom Podest gestossen worden.

Mutige Reformen gefragt

Mehr Honorar für stagnierende Leistungen: Das Prestige der gut verdienenden Schweizer Verwaltungsräte bröckle unter dem Druck der Krise, folgert die Studie von Heidrick & Struggles und führt weiter aus: «Nur mit mutigen Reformen kann in der Schweiz das Vertrauen der Kunden und Anleger zurückgewonnen werden.» Um diese realisieren zu können, müssen Schweizer Unternehmen gegenüber ihren Verwaltungsräten eine kritischere Haltung einnehmen. 65% der Schweizer Firmen nahmen laut Heidrick & Struggles im letzten Jahr regelmässige Leistungsbeurteilungen ihrer VR-Gremien vor.

Anzeige

Das sind zwar deutlich mehr als noch 2007 (20%), im gesamteuropäischen Vergleich ist die Schweiz mit dieser Quote allerdings vom fünften auf den zehnten Rang abgerutscht. Die VR von börsenkotierten Schweizer Unternehmen haben dieses Problem sogar selbst erkannt. Über ein Drittel von ihnen findet gemäss der Umfrage von Korn/Ferry, dass die eigene Praxis der Selbstevaluation verbesserungswürdig sei.

Gesamtleistungen nicht schlecht

Das deckt sich mit den Beobachtungen des Zürcher Beratungsunternehmens Egon Zehnder International (EZI), welches sich vertieft mit der Thematik «Verwaltungsrat in Krisenzeiten» auseinandergesetzt hat. Ein VR-Board sei für eine Krise nur dann gerüstet, wenn auch in guten Zeiten die Bereitschaft vorhanden sei, sich selbst dauernd zu hinterfragen, sagt EZI-Partner Thomas Hammer (siehe «Nachgefragt»). «Wir stellen fest, dass die Schweiz diesbezüglich gegenüber Ländern wie England oder Holland noch stark hinterherhinkt.»

Trotzdem bezeichnet Hammer die Gesamtleistung der Schweizer VR keineswegs als schlecht. Die aktuelle Krise sei aber ein schonungsloser Test in Bezug auf die Vorkehrungen, die ein Unternehmen während besserer Zeiten getroffen haben muss. Folgende Punkte müssen dabei zwingend berücksichtigt werden:

Welche Risikoszenarien wurden in Bezug auf das Finanzmanagement und die Liquiditätssteuerung erarbeitet?

Wie steht es um die Personal- und Talentförderung im Betrieb?

Gibt es taugliche Szenarien für die Nachfolge des CEO und von weiteren Mitgliedern der Konzernleitung?

Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Verwaltungsrat und Geschäftsleitung?

Herrscht zwischen CEO und Chairman das notwendige Vertrauen, das eine konstruktive Zusammenarbeit ermöglicht, gleichzeitig aber auch offene und kritische Auseinandersetzungen erlaubt?

Fliessen alle relevanten Informationen durch die richtigen Kanäle und hat der Verwaltungsrat Zugriff auf die für ihn relevanten Unternehmenszahlen?

Hat der Verwaltungsrat dafür gesorgt, dass CEO und Geschäftsleitung eine gerade in Krisenzeiten so entscheidende Wertekultur für das gesamte Unternehmen durchsetzen und vorleben?

Selektion professionalisieren

Für Schönwetterkapitäne dürfte die Luft in den Verwaltungsratsgremien also immer dünner werden. Dafür muss sich aber auch bei der Rekrutierung noch einiges ändern. Gerade in der Schweiz komme in solchen Fragen oft das Prinzip «Wer kennt noch jemanden?» zum Tragen, wie Thomas Hammer festgestellt hat. Er ist überzeugt: «Die Selektions- und Beurteilungsverfahren müssen eindeutig professioneller werden.»

Mit ihrer neuen Beratungseinheit «Strategische Restrukturierung» will EZI den Unternehmen aus allen Industrien ein probates Mittel gegen die Krise offerieren. In einem vierstufigen Beratungsansatz soll dabei eine ganzheitliche Herangehensweise auf Hierarchieebenen erfolgen. Auf die Verwaltungsräte warten am meisten Hausaufgaben. Diese wollen sie mit aller Konsequenz nachbüffeln, wie zumindest die VR-Umfrage von Korn/Ferry glauben macht.

Weiche Themen stehen hintan

Als ihre zurzeit wichtigsten Anliegen bezeichnen die Verwaltungsräte nämlich Punkte wie «strategische Vision auf langfristige Sicht», «Breite und Niveau der im Verwaltungsrat vorhandenen Fähigkeiten» sowie «moralische Autorität/Integrität».

In der Agenda hintanstehen müssen hingegen weiche Themen wie etwa ökologische, ethische und soziale Fragen. Verwaltungsräte werden an Zahlen und Ergebnissen gemessen - in der Krise erst recht.

Nachgefragt

«Viele Maradonas garantieren noch keinen Erfolg»

Partner bei Egon Zehnder International (EZI), Zürich.

Welches sind die häufigsten Missstände in Verwaltungsräten?

Thomas Hammer: Zu oft sind Verwaltungsräte passiv. Sitzungen werden von Präsentationen dominiert und Diskussionen, etwa zu strategischen Themen, kommen zu kurz. Leider wird den zentralen Themen wie Nachfolgeplanung und Talentmanagement eine viel zu geringe Priorität eingeräumt.

Sind Verwaltungsräte zu selbstgefällig und zu wenig selbstkritisch?

Hammer: Das wäre eine Pauschalverurteilung, die in dieser Form nicht zulässig ist. Bei vielen Firmen, die nicht erfolgreich sind, kommen solche Verhaltensmuster allerdings durchaus vor.

Macht eine Ansammlung grosser Namen im Verwaltungsrat Sinn?

Hammer: Nein. Entscheidend ist, ob das Gremium als Ganzes funktioniert. Das trifft dann zu, wenn die erforderlichen Kompetenzen vorhanden sind und eine Kultur besteht, die Debattieren und gegenseitiges Hinterfragen zulässt sowie von Respekt und Vertrauen geprägt ist. Eine Ansammlung von Maradonas und Beckhams garantiert noch lange nicht Erfolg.

Welche Note geben Sie dem Gros der Verwaltungsräte in der Krise?

Hammer: Das Gros unserer Verwaltungsräte funktioniert durchaus gut. Das widerspiegelt sich in einer bemerkenswerten Performance vieler Firmen in der Krise.