Wer heute angesichts der globalen Finanzkrise und weltpolitischer Probleme permanent angespannt lebt, setzt nicht nur seine Gesundheit aufs Spiel, er riskiert auch, den Blick für das Wesentliche zu verlieren. Das sich ausbreitende Getriebensein führt im zwischenmenschlichen Umgang in eine aggressive Konfrontationsbereitschaft. Etwas mehr Gelassenheit täte Mensch und Sache gut, brächte bessere Ergebnisse mit weniger Aufwand und Verschleiss.

In der Philosophie der griechisch-römischen Antike spielte die Gelassenheit als zuverlässiger Wegweiser durch die erregenden Fährnisse und Untiefen des Lebens in Form der «hilaritas», der heiteren Gelassenheit, eine wichtige Rolle. Der auch heute noch im alltäglichen Sprachgebrauch gelegentlich verwendete Begriff der stoischen Gelassenheit hat seinen Ursprung in der antiken Philosophenschule der Stoiker. Auf ihr Gedankengut ist wohl auch der verschiedenen Autoren zugeschriebene Wunsch zurückzuführen: «Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.»

Loslassen und zulassen

Für Anselm Bilgri, den ehemaligen wirtschaftlichen Leiter des Klosters Andechs in Bayern und heute gefragten geistigen Managementberater, ist denn auch die Heiterkeit das erste Merkmal dieser Haltung. Heiterkeit, verstanden nicht als laute, lärmende Lustigkeit, sondern als stille, von innen heraus leuchtende, eben «aufheiternde» Fröhlichkeit.

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Das zweite Merkmal, die Gelassenheit als solche, hat für Bilgri eine doppelte Richtung: In Bezug auf uns selbst bedeutet die Fähigkeit, loslassen zu können, nicht festhalten zu wollen. Im Berufsalltag heisst es, sich nicht zu verkrampfen oder - oft wider besseres Wissen -auf etwas zu versteifen. In Bezug auf Menschen bedeutet es, konkret andere und anderes so sein lassen zu können, wie sie sind. Also, resümiert Bilgri, loslassen und zulassen, das sind die beiden Seiten der Gelassenheit.

Auch die Hirnforschung verweist auf den Wert der Gelassenheit. Professor Gerald Hüther, Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Universitäten Göttingen und Mannheim/Heidelberg, sagt es deutlich: «Wenn im Oberstübchen, dem frontalen Cortex, die Erregung zu gross wird und alle Sicherungen durchbrennen, übernehmen die archaischen Notfallprogramme aus den tieferliegenden Hirnbereichen des Mandelkerns, der Amygdala, und dem Hirnstamm das Kommando!» Sofern es wirklich ums nackte Überleben geht, sei das durchaus sinnvoll. Aber im Fall einer Meinungsverschiedenheit oder eines Konflikts «geht es ja nicht ums Überleben», sagt Hüther. Hier komme es vielmehr auf Umsicht, Einfühlungsvermögen und ruhiges Nachdenken an. Dazu, so Hüther, «braucht man genügend Ruhe im Frontalhirn, also Gelassenheit.»

Ein beherzigenswerter Denkanstoss. Schützt er doch in der Angespanntheit unserer Tage vor selbstschädigendem Verhalten. Denn «Streit wird vor allem durch verletzte Gefühle ausgelöst und aufrechterhalten», sagt der erfahrene Berliner Anwalt Professor Benno Heussen. Für Menschen sind doch kontroverse Begegnungen mit anderen in erster Linie ein emotionales Problem.

Die Erkenntnis für die Praxis daraus heisst: Der Stil der Auseinandersetzung beeinflusst deren Inhalt wesentlich. Eine Erkenntnis, die schon den unsterblichen Florentiner Machiavelli um 1513 in seinen Gedanken zur Republik und Politik, den «Discorsi», zu der Mahnung veranlasste: «Ich halte es für einen der grössten Beweise menschlicher Klugheit, sich in seinen Worten jeder … Beleidigung zu enthalten … Beleidigungen steigern den Hass (des Feindes) gegen dich, und spornen ihn an, nachhaltiger auf dein Verderben zu sinnen.»

Oft genügt schon ein Lächeln

Vielfach genügt schon ein einfaches Lächeln, um den Stil einer Auseinandersetzung aus der Konfrontationszone zu holen. In spannungsvollen oder unerwarteten Situationen wirkt ein Lächeln entkrampfend. Und auch ansteckend.

Sozial gesehen, erläutert Professor Jürg Frick von der Pädagogischen Hochschule Zürich, «stellt das Lächeln eine Verbindung zu anderen her, bewirkt den Abbau von Aggressionen und Barrieren und erleichtert so den Kontakt.»

Lachen stelle aus der Sicht von Evolutionspsychologen einen frühen und massgeblichen evolutionären Vorteil dar. Es ermöglichte Kooperation und führte dazu, dass nicht mehr der Aggressive, Misstrauische oder Ängstliche überlebte, sondern der Neugierige, zur Freundschaft Fähige. «Humor und Lachen», so Frick, «sind soziale Schmiermittel.» Nichts signalisiert mehr freundliche Gelassenheit als ein Lächeln - wenn es ehrlich ist.