Wie ticken Schweizer Berufseinsteiger? Was sind ihre wichtigsten Forderungen an Arbeitgeber? Die Studie «Universum Professional Research 2017» gibt einen Einblick in die Erwartungen von Stu­denten und jungen Berufstätigen. Insgesamt wurden in der Schweiz 10 000 Personen bis 33 Jahre befragt. Ein ­besonderer Fokus wurde auf Studenten und Absolventen der Studienrichtungen Wirtschaftswissenschaften und IT ­sowie die Ingenieure gelegt.

Das Ergebnis: Schweizer Berufseinsteiger bleiben sehr anspruchsvoll. In einigen Bereichen sind sie sogar Europameister, was die Forderungen an Arbeitgeber ­betrifft. Von ihren Arbeitgebern erwarten sie primär Work-Life-Balance und viel Feedback. Mit Geld sind sie immer weniger zu motivieren.

Kaum jemand will Gründer werden

Die Zahl der jungen Schweizer Berufstätigen und Studenten, die sich einmal selbstständig machen wollen, ist immer noch sehr gering. Bei den Männern sind es 12 Prozent, bei den Frauen 8 Prozent. Immerhin weist dieser Wert seit einigen Jahren ganz leicht nach oben. So konnten sich bei den Frauen vor zwei Jahren nur 6 Prozent ­vorstellen, eine Firma zu gründen, bei den Männern gut 10 Prozent.

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Von der oft beschworenen neuen Schweizer Gründerinnen- und Gründermentalität ist bei den Jungen noch wenig angekommen. Und dies, obwohl Grosskonzerne und Investoren immer bereitwilliger werden, neue ­Geschäftsmodelle zu unterstützen. Eine der Hauptmotivationen für die Firmengründung ist zudem nicht, dass man eine bahnbrechende Revolution anzettelt und dafür viele Überstunden macht, sondern dass man dann die Möglichkeiten hat, sich die Arbeitszeiten unabhängiger ­einzustellen und die Arbeitsbedingungen optimal zu ­gestalten.

Chefrolle wenig attraktiv

Junge Berufseinsteiger sind zudem kaum an Führungsaufgaben interessiert. Das Leadership-Profil, eine der Kategorien, in welche das Beratungsunternehmen Universum die junge ­Generation einteilt, ist kaum ausgeprägt. Bei den männlichen Studenten sind nur 9 Prozent daran interessiert, einmal Chef zu werden, bei den ­Frauen 5 Prozent. Bei jenen, die bereits in den Beruf eingestiegen sind, ist dieses Profil zwar stärker ausprägt und stieg dieses Jahr leicht an, nachdem es letztes Jahr einen Tiefpunkt erreicht hatte.

Immerhin gleicht sich die Zahl der Frauen, die sich als Führungskraft sehen, nach einigen Berufsjahren derjenigen der Männer an. Bei den Männern sind es etwa 16 Prozent, bei den Frauen 13. Sieht man sich andere Profile an, die Universum erarbeitet hat, so hat bei Schweizern vor ­allem das Profil des «Harmonizer» (harmonische Arbeitsumgebung ist primär wichtig) und des «Idealisten» (höherer Sinn in der Arbeit muss ­erkennbar sein) zugenommen.

Hohe Wechselwilligkeit

Junge Schweizer sind also weniger an einer hier­archischen Karriere in einer Firma interessiert, sondern zeigen sich sehr wechselwillig. Bei den Wirtschaftsabsolventen haben 39 Prozent ein ­Interesse daran, ihren Arbeitgeber innert eines Jahres zu wechseln. Bei den Ingenieuren sind es 32 Prozent und bei den IT-Fachleuten 37 Prozent. Das ist eine deutliche Zunahme der Wechselwilligkeit im Vergleich zum Vorjahr. Etwa ein Viertel der Befragten hat schon mit dem Bewerbungsprozess bei einem anderen Arbeitgeber begonnen. Rund 10 Prozent wollen in der jetzigen Firma eine neue Stelle – aber eben nicht als Chef.

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Kein Faktor ist für junge Schweizer Berufseinsteiger so wichtig wie Work-Life-Balance. Der Faktor gewinnt sogar im Vergleich zu den Vorjahren immer mehr an Bedeutung, und zwar über alle Studienrichtungen hinweg. So wächst der Anteil bei den Wirtschaftswissenschaftern, für die dieser Faktor ausschlaggebend ist, von 57 auf 62 Prozent. Auch bei den ITlern werden softe Faktoren immer bedeutender.

Ausgeprägtes Harmoniebedürfnis

Junge Berufseinsteiger, für die die Werte Idealismus und Harmonie vorrangig wichtig sind, ­werden im Verlauf der Berufsjahre immer häu­figer. Hingegen bricht die Zahl derjenigen, die ­daran ­interessiert sind, auch mal ausserhalb der Schweiz zu arbeiten, immer weiter ein. Bei berufstätigen Männern haben nur 11 Prozent daran ein starkes Interesse, bei den Frauen ist der Wert noch niedriger und liegt bei nur 8 Prozent.

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Das entspricht nicht den Wünschen der Arbeitgeber. Die Beratungsfirma Universum beobachtet, dass immer mehr Firmen Programme bewerben, mit denen sie die Schweizer «Stubenhocker» ins Ausland locken wollen. So die Sicpa Holding mit ihrer International Mobility Initiative oder EY mit dem Horizons Program. Auch der Energielieferant Axpo verspricht über sein globales Netzwerk ­internationale Mobilität. Programme, welche bei vielen jungen Schweizern offenbar auf taube ­Ohren ­stossen. Unter Work-Life-Balance verstehen die Befragten neben ausreichend Freizeit auch ein positives Arbeitsklima, respektvolle Umgangsformen zwischen Chef und Mitarbeiter sowie Sensibilität für Gleichstellungsfragen.

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