Nach einer kurzen Delle 2009 boomt die Uhrenindustrie wie nie zuvor. Was bedeutet das für Jaeger-LeCoultre?
Jérôme Lambert:Wenn ich auf das Jahr 2010 zurückblicke, kann ich mit Fug und Recht von einem historischen Umsatzhoch sprechen. Und 2011 verspricht grundsätzlich auch ein sehr gutes Jahr zu werden, dies ganz im Sinne unserer Planungen. Aber wir wissen im Moment noch nicht, wie sich die Situation in Japan auf den Gang der Weltwirtschaft auswirkt.

Im Markt ist gelegentlich zu hören, dass die Konzessionäre nicht so viele Uhren bekommen, wie sie verkaufen könnten. Sind Sie etwa im Lieferrückstand?
Lambert: Das Wort Lieferrückstände nehme ich nicht gerne in den Mund. Aber im Grunde genommen trifft es den Nagel – bezogen auf unsere augenblickliche Situation – genau auf den Kopf.

Alles blickt nach Asien und dort insbesondere nach China. Jaeger-LeCoultre auch?
Lambert: Das Asiengeschäft wächst. Direkt erarbeiten wir gegenwärtig etwa einen Drittel des Umsatzes in Asien. Weitere zirka 5 Prozent unseres Umsatzes gehen auf indirektem Weg, also beispielsweise an den Handgelenken von Touristen, nach Asien.

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Und die Perspektive?
Lambert: Mittelfristig könnte Asien weiter wachsen und die Hälfte unseres Umsatzes generieren. Aber ich lege grossen Wert auf die Feststellung, dass der europäische Markt für uns weiterhin eine sehr wichtige Rolle spielt. Hier besitzt die Manufaktur seit 178 Jahren ihre Legitimität.

Chinesen kaufen doch das, was in Europa begehrt ist …
Lambert: Die chinesischen Kunden legen Wert auf Konsistenz und Legitimität. Marken ohne diese Aspekte werden nicht sonderlich geschätzt. Ausserdem achten sie sehr stark darauf, für ihr Geld einen reellen Gegenwert zu bekommen.

Wie läuft es Jaeger-LeCoultre in den USA?
Lambert: Die Finanzmarktkrise hat unsere Entwicklung in der Neuen Welt gebremst, aber der Trend ist wieder positiv geworden.

Bei vielen Marken sind eigene Boutiquen derzeit ein bewegendes Thema. Gilt das auch für Jaeger-LeCoultre?
Lambert: Wir gehen sehr sachlich an diese Thematik heran. Derzeit gibt es weltweit 35 Jaeger-LeCoultre-Boutiquen. 15 Boutiquen gehören uns selbst, den Rest betreiben Konzessionäre. In Schanghai beispielsweise können die Kunden heute zwischen drei Boutiquen wählen.

Wichtige Kunden sind für Ihre Marke die Sammler. Wie pflegen Sie diese?
Lambert: Die Grande-Complication-Modelle gehen zu 70 Prozent an Sammler. Auch unsere längst ausverkaufte Memovox Polaris wurde zu einem sehr grossen Teil von Sammlern erworben. Bei der neuen Memovox Deep Sea erwarte ich Ähnliches. Allein in unserer Pariser Boutique wurden innerhalb von nur zwei Tagen rund 10 Prozent der gesamten Produktion vorreserviert. Das ist das Eineinhalbfache dessen, was wir für den gesamten französischen Markt vorgesehen haben …

Wie befriedigen Sie diese Nachfrage?
Lambert: Wir werden nicht allen diesen Bestellungen gerecht werden können, wir müssen auch an die anderen Märkte denken. Die haben gleiche Rechte.

2011 ist die Reverso, die Jaeger-LeCoultre-Kollektion schlechthin, 80 Jahre jung. Dominiert die Reverso weiter Ihre Palette?
Lambert: Als ich meine Position übernahm, besass die Reverso einen Anteil von 65 Prozent an unserer Produktion. Heute sind es 40 Prozent. Damit können wir sehr gut leben.

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Wie würden Sie die Reverso mit wenigen Worten charakterisieren?
Lambert: Die Reverso ist und bleibt unser Leadermodell. Sie bietet jede Menge Potenzial für eine Ikone.

Sehen das Männer aber nicht etwas anders als Frauen?
Lambert: Bei der Reverso kann man grundsätzlich von Ausgewogenheit zwischen weiblicher und männlicher Kundschaft sprechen.

Grundsätzlich? Wie soll man das verstehen?
Lambert: Für 2011 erwarten wir einen höheren Anteil bei den Herrenmodellen.

Warum das?
Lambert: Das ultraflache Herrenmodell, welches wir anlässlich des 80. Geburtstags der Reverso kreiert haben, übertrifft alle unsere Erwartungen. Für das laufende Jahr ist die mögliche Produktion dreifach überzeichnet. Es wird also schwer werden, eine der Uhren zu bekommen.

Sie tragen selber eine …
Lambert: … ja, weil mich die Reverso begeistert. Und nach meiner Teilnahme am City-Marathon von Oslo werde ich sie mir entsprechend gravieren lassen.

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Als Anlass Ihres ersten Marathons?
Lambert: Nein, schon mein zweiter. 2010 bin ich in Berlin gestartet.

… und Sie haben durchgehalten?
Lambert: Klar doch.

Am Ende stand der Zeiger des persönlichen Chronographen bei …
Lambert: … etwa 4 Stunden und 30 Minuten. In Oslo sollen es nur noch 4 Stunden sein.

Liegt der Marathon in Ihrer Natur?
Lambert: Eher nicht. Das Durchhalten beim Marathon ist eine Frage regelmässigen Trainings.

Wann leisten Sie dieses noch bei Ihrem hohen Arbeitspensum?
Lambert: Oft trainiere ich am Abend nach der Arbeit oder ich gehe sehr früh am Morgen auf meine Trainingsrunde.

Was gewinnen Sie dem Laufen ab?
Lambert: Sehr viel. Wenn ich laufe, vertiefe ich eine Idee. Das empfinde ich für mich als extrem spannend. Laufen ist dann keine Last, sondern schiere Lust. Die Gefühle gehen ganz tief durch den Körper. Das Absolvieren eines Marathons setze ich gleich mit einer Woche Ashram-Aufenthalt. Hinterher ist der Kopf total frei.

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Wir waren bei der ultraflachen Reverso. Daneben haben Sie auch die Master Grande Ultra Thin im Programm. Könnte es sein, dass sich diese Linien irgendwann kannibalisieren?
Lambert: Wohl nicht. Dazu sind diese Uhren viel zu unterschiedlich. Sie sprechen jeweils ganz andere Zielgruppen an. Die Master Ultra Thin ist einer unserer internationalen Bestseller. Bei den Stückzahlen belegt sie – bezogen auf runde Uhren – den ersten oder zweiten Platz.

Eine Bestätigung Ihrer Produktphilosophie, oder?
Lambert: Der Markt hat sich auf klassische Eleganz und Werteorientierung bei Uhren fokussiert. Genau hier ist Jaeger-LeCoultre seit Anbeginn zu Hause. Gewagte Experimente sind uns fremd. Die Marke agiert traditionsgemäss sehr gradlinig.

In den beiden zurückliegenden Jahren haben Sie zwei wichtige Jobs nebeneinander erledigt. Einen in Le Sentier und den anderen bei Lange & Söhne in Glashütte in Deutschland. Hat das Pendeln zwischen den Welten denn Spass gemacht?
Lambert: Meine primäre Tätigkeit ist bei Jaeger-LeCoultre im Vallée de Joux. Lassen Sie mich so viel sagen: Mein Auftrag bestand darin, den Lange-Zug wieder auf die Schienen zurückzusetzen. Zu diesem Zweck war ich regelmässig in Glashütte, um intensiv mit dem dortigen Team zu arbeiten. Inzwischen fährt der Zug mit dem neuen Lange-CEO Wilhelm Schmid und seiner Mannschaft wieder. Meine Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass es so bleibt.

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Wie stehen Sie als CEO von Jaeger-LeCoultre zu den Komplikationen, zum hohen Metier der Uhrmacherkunst?
Lambert: LeCoultre wie auch Jaeger-LeCoultre und uhrmacherische Komplikationen sind fast schon Synonyme. Es gibt keinen einzigen Zusatzmechanismus, den wir im Laufe unserer Firmengeschichte nicht angepackt und bewältigt haben. Unsere Bilanz weist 130 Komplikationen-Kaliber auf.

Gibt es weitere Zahlen, die Sie uns im Zusammenhang mit der Manufaktur nennen können?
Lambert: Jaeger-LeCoultre hat im Laufe der Geschichte 430 Patente entgegennehmen können. Und wir haben 1250 verschiedene Kaliber entwickelt. Der Abstand zum Nächsten beträgt 650 Kaliber.

Wie steht es um Tourbillons. Hatte die Krise einen Einfluss auf diese Komplikation?
Lambert: Bei Jaeger-LeCoultre nicht die Spur. Wir sind diesbezüglich ausverkauft.

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Jaeger-LeCoultre übt sich im Tourbillon-Spagat. Sie haben einerseits das aufwendige sphärische Gyrotourbillon im
Programm und auf der anderen Seite das preiswerte Master Grand Tourbillon, welches eine gewisse Demokratisierung des Drehgangs mit sich brachte.

Lambert: Wir sind derzeit die wohl innovativste Manufaktur – und wir können das breiteste Tourbillon-Spektrum vorweisen. Mit dem Master Grand Tourbillon haben wir eine Referenz geschaffen. Nach vier Jahren kann ich aus Erfahrung feststellen, dass die Rücklaufquote bei lediglich 1,5 Prozent liegt. Für ein Tourbillon ist dieser Wert sagenhaft. Normal können es 15 oder auch 20 Prozent sein.

Wie lange planen Sie Ihre Produkte voraus?
Lambert: Unsere Planungen reichen augenblicklich bis 2014, wobei 2013 wegen des 180. Geburtstags unserer Manufaktur ein besonderes Jahr sein wird.

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Jaeger-LeCoultre ist seit 2000 Mitglied des Richemont-Konzerns. Da dürften Synergien ein wichtiges Thema sein. Arbeiten Sie noch für Schwestern in der Gruppe?
Lambert: Wir haben angekündigt, uns auf Jaeger-LeCoultre konzentrieren zu wollen. Deshalb werden wir die Produktion für Dritte beenden.

Wie steht es um Ihre Kooperation mit der Auto-Luxusmarke Aston Martin?
Lambert: Das ist seit sechs Jahren eine sehr stabile Partnerschaft, die uns bei technisch ausgerichteten Armbanduhren Visibilität verschafft und einen markanten Instrumentenlook ins Haus gebracht hat.

Fahren Sie selber einen Aston Martin?
Lambert (lacht): Ich bin doppelter Familienvater. Da gelten andere Prioritäten. Es macht ungemein Spass, einen Aston Martin zu fahren. Aber dicht danach kommt schon Audi. Und mit meinem Q7 bin ich ausgesprochen glücklich.

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Zur Person

Name: Jérôme Lambert
Alter: 41
Familie: Verheiratet, zwei Kinder
Ausbildung: Ecole supérieure de commerce, Masterabschluss IDHEAP, Lausanne
Position: Chief Executive Officer Jaeger-LeCoultre, Le Sentier
Karriere:
1993: Controller bei der damaligen PTT
1996: Einstieg bei Jaeger-LeCoultre als Controller, anschliessend Chief Financial Officer und Chief Operating Officer
2002: Chief Executive Officer Jaeger-LeCoultre