Das ging beinahe ins Auge. Dann sässe jetzt ein anderer auf seinem Stuhl. Er hätte zwar nicht ins Gras, aber in den Sand gebissen: Auf seinem Flug über Marokko, den er mit Freunden unternahm, musste Heinz Loosli faute de mieux eine nicht ganz aktuelle Karte benützen. «Gebiete, die zu meiden sind, waren bezeichnet - alles Residenzen des Königs.» Daran hielt er sich auch. So lange, bis ein aufgeregter Anruf vom Kontrollturm in Casablanca die fröhlichen Freizeitflieger erreichte. «Sofort das Sperrgebiet verlassen.»

Weil die Karte nicht up to date war und König Mohammed VI. eine unbändige Lust auf neue Residenzen hat, war Loosli unverhofft irgendwo in der Wüste in eine gefährliche Zone geraten. Was tun? Er entschied sich für das - im Nachhinein betrachtet - einzig Richtige: Transponder - den Verbreiter dieser schlechten Nachricht - abschalten. Ein Blick auf die endlosen Sanddünen unter ihm beschleunigte diesen Entscheid. Hätte er das nicht getan, wäre er wahrscheinlich wie in den Wüstenfilmen mit Hardy Krüger oder Omar Sharif beim Kriechen in die nächste Oase verdurstet.

Optimist mit kühlem Kopf

Was Loosli damals das Leben gerettet hat, würde ihm in seiner neuen beruflichen Lebenslage nichts nützen. Im Gegenteil: Er muss jetzt alle Antennen ausfahren. Feintool ist tief in die roten Zahlen gerutscht. Die auf Feinschneide- und Umformtechnik spezialisierte Gruppe mit Sitz in Lyss BE erzielt vier Fünftel des Umsatzes in der Automobilindustrie, was an sich schon keiner weiteren Erklärung für diesen Tiefschlag bedarf.

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Aber hinzu kommt, dass - gerade wegen der hochqualitativen Produkte für die oberen Segmente in dieser Branche - auch das Füllhorn der Investitionshilfen nicht über dieses Unternehmen ausgegossen wurde. Angesichts dieser Ausgangslage interessiert, wie sich ein ausgesprochen aufgeräumt wirkender neuer Steuermann, Pardon Pilot, von Feintool auf seine Aufgabe mental einstellt.

Loosli schaut aus dem Fenster auf eine öde, grau und düster wirkende Berner-Seeland-Szenerie. Doch seine Züge hellen sich trotzdem auf. Seine Erklärung ist nachvollziehbar. Einmal abgesehen davon, dass er Optimismus offenbar mit der Muttermilch eingesogen hat, neigt er trotzdem stark zu kühlen Betrachtungen der Lage wie seinerzeit über dem Erg Chebbi, dem endlosen Dünengebiet in der Sahara.

«Zum einen kenne ich dieses Unternehmen seit 13 Jahren.» Damals trat er als Leiter des Bereichs Pressen und Anlagen ein, zuletzt betreute er das Segment System Parts. Er hat alle Höhen und Tiefen von Feintool hautnah erlebt. Dieses Auf und Ab ist für ihn also nicht neu.

Zum anderen sieht er grosse Chancen in der jetzigen Ausgangslage. «Wären Restrukturierungsmassnahmen angeordnet und Kostenbremsen angezogen worden, als wir in einem High waren, hätte sich grösserer Widerstand geregt. Aber jetzt ist die Einsicht in solche Vorhaben gross.» Das erleichtert seinen steinigen Weg, der vor ihm liegt. Noch etwas wirft er in die Waagschale. «Gerade weil ich schon längere Zeit in diesem Unternehmen bin, kenne ich viele Leute persönlich, weiss um ihre Stärken, aber auch um ihre Schwächen.» Das müsste sich ein «Outsider» erst erspüren.

Sehnsucht nach Mittlerem Osten

Auch kommt ihm zugute, dass die Weichen in Asien bereits richtig gestellt sind. Denn in einem sind sich alle Fachleute einig, die Feintool beobachten: In dieser Region liegen die grössten Chancen für die Lysser. Das wiederum kann Loosli nur recht sein, hat er doch auf vielen Stufen seiner Karriereleiter reiche Erfahrungen in der ganzen Welt, speziell aber in China, gesammelt. Sein Globetrotter-Dasein begann schon bei Schlatter, wo er eine Aufgabe hatte, die ganz nach seinem Gusto war: Als Gebiets-Verkaufsleiter und Fachspezialist für Anwendungen in der Flugzeugindustrie war er viel im Mittleren und Fernen Osten, vor allem in China, unterwegs.

Wie überall auf seinen Reisen in fremde Länder musste er auch hier in brenzligen Situationen einen kühlen Kopf bewahren und im rechten Moment den Transponder abschalten. Hätte er damals - etwa beim Gang durch die Basare mit Koffern voller Geld - die Nerven verloren, wäre er handlungsunfähig gewesen.

Wer jetzt denkt, Loosli sei mit Schmiergeldern unterwegs gewesen, irrt. «Das war in einer Zeit, in der es einen Zahlungsverkehr im heutigen Sinn nicht gab, weil es viel zu kompliziert gewesen wäre. Ein Letter of Intent etwa kam für einen kleinen Unternehmer nicht in Frage. Daher wurden uns Anzahlungen bar in die Hand gedrückt.»

Geblieben ist ihm offenbar nicht die Angst, auf diesen «Missionen» erwischt zu werden, sondern die Sehnsucht nach der sprichwörtlichen Gastfreundschaft im Mittleren Osten. Ihm zu Ehren wurde die ganze Verwandtschaft zusammengetrommelt, wurden Lämmer geschlachtet und die besten Früchte aufgetischt. «Wenn es etwas gibt, das ich mir wünsche, wäre es, wieder einmal dorthin zu gehen und jene Menschen zu treffen, mit denen ich mich so gut verstanden habe. Aber wenn man sich so etwas nicht Anfang Jahr fest im Kalender vormerkt, wird daraus nichts», sagt er. Vor allem mit Blick auf 2010, das für ihn einen ganz anderen Verlauf genommen hat, als er sich das vor einem Jahr vorgestellt hatte. Denn damals deutete nichts darauf hin, dass er an die Spitze von Feintool aufrücken werde.

Japanischer Flächengrill

Nicht ein einziges Mal prahlt er damit, wie er Umsätze gebolzt oder der Konkurrenz Marktanteile abgejagt hat, obwohl das bei seinen verschiedenen Stationen - sei es bei Schlatter oder bei Ascom - der Fall gewesen ist. Dafür gibt es Beweise. Sowohl die unter seiner Leitung bei Schlatter entstandene Maschinenreihe «Posiweld» als auch die unter seiner Ägide realisierten SBB-Touchscreen-Billettautomaten haben sich als zukunftsweisend erwiesen.

Wer so viel aus fremden Töpfen gegessen hat, bekommt unweigerlich Lust, am heimischen Herd auszuprobieren, was ihm gemundet hat. Wenn da nicht der männliche Hang zum verschwenderischen Umgang mit Pfannen und Geschirr in der Küche wäre. Seine Frau ist zwar erfreut über Looslis kulinarische Exzesse, wäre aber doch froh, wenn er nicht Geschirrberge zurückliesse. «Jetzt haben wir einen Teppan Yaki, das ist ein japanischer Flächengrill. Er verringert den Ausstoss von putzintensiven Geräten enorm», freut sich Loosli.

Hühnerknochen und Spucknäpfe

Seine Liebe zu fremden Sitten wurde allerdings zeitweilig auf eine harte Probe gestellt. Aber er hat selbst schlimmste kulinarische Klippen heil überwunden, weil er rasch kapierte, dass es in vielen Ländern zwischen Essen und Geschäften einen engen Konnex gibt. Das wiederum lässt auf die Zähne beissen, wenn es eklig wird. Plastisch schildert er eine seiner ersten Verkaufverhandlungen mit chinesischen Kunden «inmitten von Hühnerknochen und Spucknäpfen, wobei die Dolmetscherin die Kirschsteine so geschickt ausspie, dass sie genau an meinem Kopf vorbeisausten.»

Derzeit steht der Besuch des ersten Chinesen bevor, der Feintools Stellung in Schanghai halten wird. Ein wichtiger Anlass für die Expansionsstrategie. Loosli wird all seine Erfahrungen mit diesem Land und seinen Leuten gut gebrauchen können. Er hat gelernt, verbale und nicht verbale Kommunikationsformen in verschiedenen Ländern zu deuten. Dies ist umso wichtiger, als die Jagdgründe für den Konzern eben vermehrt im Osten liegen.