Die letzten Monate brachten eine Häufung von Meldungen über Entlassungen, Burnout und Unsicherheit, über Absentismus oder Präsentismus, fehlende Wertschätzung, Querelen wegen Kulturunterschieden, Angst vor Stellenabbau, Demotivation wegen Imageproblemen, Mobbing und gar Selbstmorde. Schuld ist nicht nur die Krise. Schuld ist immer auch das HR-Management, das in vielen Betrieben entweder ein Dornröschendasein fristet und in die weitreichenden strategischen Entscheide gar nicht involviert wird, oder, wenn nicht unterdotiert so doch zu wenig entwickelt ist.

Zwar haben grosse Firmen gerne grosse HR-Stäbe, doch bekunden auch diese nicht selten Mühe bezüglich ihrer Unabhängigkeit und ihrer Durchsetzungskraft. Und obwohl - vielleicht aber auch eher weil - in kleinen und kleinsten Firmen eine eigentliche Personalabteilung oft schlicht inexistent ist beziehungsweise vom Chef oder vielleicht vom Finanzchef quasi berufsbegleitend betreut wird, ist die Wertschätzung und dadurch die Motivation und die Loyalität der Mitarbeitenden in KMU vielfach bedeutend grösser.

Was ist ein guter Arbeitsplatz?

Das zeigt auch die aktuellste Untersuchung zur Arbeitsplatzqualität exemplarisch: Die meisten Firmen mit ausgezeichneten Arbeitsplätzen sind klein oder aber kleine Ableger von Grossen. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Ein ausgezeichneter Arbeitsplatz ist einer, bei dem zwischen Angestellten und Management ein Vertrauensverhältnis besteht, die Mitarbeitenden stolz sind auf das, was sie tun und gerne mit ihren Kollegen zusammenarbeiten. So jedenfalls lautet die Definition eines «Great Place to Work», von denen das gleichnamige international tätige Institut mit 25-jähriger Erfahrung in 40 Ländern aus rund 800 Schweizer Unternehmen dieses Jahr 15 herausdestilliert hat.

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Das Team im Zentrum

Der Sieger 2010 heisst NetApp Switzerland - ein kleiner Walliseller Datastorage- und -management-Ableger einer grossen US-Mutter. Daniel Bachofner, der Schweizer Direktor, nennt die Gründe: «Bei uns steht das Team absolut im Zentrum. Und wir pflegen eine echte Open-Door-Politik bis hinauf zum CEO in den USA. Dazu kommt eine ausgesprochen offene Kommunikation.»

Auch wenn jetzt unzählige Bewerber ihr neues Wissen um die Arbeitsqualität bei NetApp stante pede umsetzen wollen und sich in Wallisellen bewerben, bringt ihnen das nur wenig. Denn dort, wo die Leute zufrieden sind, gibt es weniger Abgänge. «Die Fluktuationsrate lag 2009 unter 5%», dämpft Bachofner allfällige Hoffnungen. Und selbst wenn der Umschlag grösser wäre: NetApp Schweiz beschäftigt im Moment lediglich gut 60 Personen - «doch 2010 werden insgesamt 15 dazustossen».

Auf dem zweiten Platz befindet sich wie letztes Jahr Cisco: Ein Mitarbeiterkommentar belegt die Atmosphäre beim IT-Anbieter: «Wir nutzen die modernsten Technologien, um virtuell arbeiten zu können und sind absolut frei in der Wahl, wie und wo wir diese Arbeit ausführen. Ich fühle mich als Unternehmer im Unternehmen und habe das Gefühl, ich könne wirklich etwas bewegen.»

Den dritten Platz belegt Hilti: Paul Jokiel, der Personalchef bei Hilti in Liechtenstein, begründet das gute Abschneiden so: «Wir haben eine einzigartige Unternehmenskultur und legen grossen Wert auf die Meinung und die Zufriedenheit unserer Mitarbeitenden. Unser Ziel ist es, jedem einzelnen Mitarbeitenden einen Weg aufzuzeigen, der ihm persönlich Entfaltung und Erfüllung bringen kann.»

Google und ABB fehlen

Da die GPTW-Aufstellung nun zum zweiten Mal umgesetzt wurde, drängt sich der Gedanke auf, zu vergleichen. Erstaunlicherweise sind mehrere der letztjährigen Preisträger gar nicht mehr dabei. Google, der Sieger 2009, fehlt zum Beispiel völlig. Dazu sagt Antonio Borgese, der Managing Partner des Schweizer GPTW-Büros: «Es heisst keineswegs, dass die Firmen, die nicht mehr auf der Liste sind, keine guten Arbeitgeber mehr sind.» Google-Sprecher Matthias Meyer begründet das Fehlen so: «Wir haben aus der letztjährigen Studie ein erkenntnisreiches Feedback erhalten, welches wir momentan zuerst auswerten möchten, bevor wir an allfälligen weiteren Studien teilnehmen werden.»

Auch ABB Schweiz, 2009 auf dem 9. Platz, fehlt. Dazu Konzernsprecher Wolfram Eberhardt: «Wir haben mit GPTW in der Schweiz ein Pilotprojekt durchgeführt, dessen Ergebnisse uns gut gefallen haben. Für die globale Vergleichbarkeit unserer Mitarbeiterzufriedenheit suchen wie aber derzeit eine andere Lösung.»

McDonalds vorne mit dabei

Dafür ist McDonald’s 2010 unter den besten Arbeitgebern, eine Firma, die der Volksmund gemeinhin weniger wegen ihrer vorbildlichen Arbeitsplätze kennt. Doch die Angestellten sehen das anders - und sie sind es ja, die hier gefragt wurden. Antonio Borgese von GPTW weiss: «Der Fokus von McDonald’s auf ihre Angestellten führt dazu, dass die Firma welt-weit in vielen Ländern zu den besten Arbeitgebern gehört.» Und McDonald’s beschäftigt in der Schweiz bedeutend mehr Leute als die anderen 14 Preisträger zusammen.

Allen ausgezeichneten Arbeitgebern gemeinsam ist, dass die Wertschätzung der Mitarbeitenden nicht konjunkturellen Schwankungen unterworfen ist. «Die wirtschaftliche Situation scheint bei den besten Arbeitgebern der Schweiz keine negativen Folgen darauf zu haben, wie das Management seine Angestellten behandelt: Eine zunehmende Anzahl von Angestellten gibt an, bei einem exzellenten Arbeitgeber zu arbeiten», stellt der GPTW-Bericht fest.