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Risiko
Grosskonzerne und Startups: Ungleiche Partner

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Quellcode: Viele IT-Startups sind Dienstleister für grosse Firmen.Quelle: Pixabay

Viele Grossfirmen kooperieren mit Startups. Aber was passiert, wenn die Jungfirma plötzlich pleite oder im Ausland ist?

Von Stefan Mair
am 24.11.2017

Viele Startups wollen mit ihrem Produkt nicht alleine die Welt verändern, sondern sehen ihre Rolle vor allem als Dienstleister für grosse Firmen. Sei es bei der Einhaltung von Regulationsvorschriften durch Regtech-Startups, der Verbesserung finanzieller Dienstleistungen durch Fintech-Jungunternehmen oder der Auslagerung von Rechtsthemen an Legaltech-Anbieter.

Bei vielen Firmen kommt dieses Kooperationsangebot auch sehr gut an. ZKB, Mobiliar, UBS – die meisten grossen Firmen haben Startups in ihr Umfeld geholt und experimentieren mit Anwendungen und neuen Technologien. Was passiert aber, wenn diese Startups plötzlich verkauft, eingestellt oder ins Ausland verlagert werden?

Wer beaufsichtigt das Startup?

Die Übernahme des Schweizer Regtech-Startups Qumram, das unter anderem die Interaktion zwischen Kunden und Mitarbeitern für die Compliance-Abteilung einer Firma aufzeichnet, durch das amerikanische Unternehmen Dynatrace wirft solche Fragen auf. Wo werden Daten, die mit Partnern wie etwa Kantonalbanken erhoben wurden, künftig gespeichert? Wer beaufsichtigt das Startup? Aus dem Umfeld von Qumram ist zu hören, dass es für Firmen eine mehrjährige Garantie gibt, dass das Geschäft so weiterläuft wie bisher. Aber was kommt danach?

Die relativ junge Geschichte der flächendeckenden Kooperation von Schweizer Firmen mit innovativen Startups könnte schon bald in eine Phase der gegenseitigen Ernüchterung kommen. Die Kooperationsprogramme vieler Firmen sind noch nicht einmal so alt wie die durchschnittliche Lebensdauer einer Jungfirma (etwa drei Jahre). Wie ist das Risiko der Dynamik der Startup-Welt eigentlich in die Kooperationen eingespeist? Sollten Firmen diese Programme einer neuen Risikoanalyse unterziehen oder Startups gleich komplett in die Firma integrieren beziehungsweise aufkaufen, um Risiken zu minimieren?

Unzufriedenheitsfaktoren

Eine Studie der Unternehmensberatungsfirma Deloitte hat das Verhältnis zwischen Startups und Unternehmen analysiert. Die Studie zeigt, dass ein professionelles Kooperationsmanagement mit Startups überraschende Entwicklungen zwar nicht komplett verhindern, aber abfedern kann.

Ein Ergebnis der Analyse ist auch, dass es bei der subjektiven Zufriedenheit mit der Kooperation zwischen Corporate und Startup grosse Wahrnehmungsunterschiede gibt. Die Ergebnisse der Befragung zeigen nämlich, dass Startups signifikant weniger zufrieden sind und ihre Erwartungen häufiger enttäuscht wurden. Während je 36 Prozent der befragten Unternehmer, darunter grossteils Mittelständler, zufrieden oder sehr zufrieden sind, zeigen Startups eine Zufriedenheitsrate zwischen 23 und 31 Prozent. 38 Prozent der Startups sind sogar unzufrieden mit der Kooperation und 8 Prozent davon sehr unzufrieden. Als Gründe werden unter anderem fehlendes Engagement des Kooperationspartners, Unvereinbarkeit von Unternehmenskulturen, einseitiges Abschöpfen von Kooperationsvorteilen und zu hoher Planungsaufwand genannt.

Wenn Firmen nicht von Anfang an mit einem professionellen Kooperationsmanagement arbeiten (siehe Box), vertiefen sich diese Unzufriedenheitsfaktoren. Ohne aktives Kooperationsmanagement passen die Kulturen nicht zusammen, die Partner verfolgen stark divergierende Ziele oder gehen von vollkommen unterschiedlichen Prämissen bezüglich Dauer der Kooperation und Integrationsgrad aus, so die Deloitte-Experten.

Ausführliche Risikoanalyse

Eine Kooperation ist in Projektform zu organisieren und auch entsprechend zu steuern. Dies bedeutet, nicht nur Planung und Ziele vorzuhalten, sondern diese auch miteinander zu besprechen, Kennzahlen abzuleiten und nicht erst nach der Kooperation, sondern bereits im Prozess bei Fehlentwicklungen einzuschreiten sowie die Kooperation aktiv in die gewünschte Richtung zu lenken.

Vor der Kooperation mit einem Startup, vor allem in den hochsensiblen Bereichen Compliance, Recht und Co. ist zudem eine ausführliche Risikoanalyse zu empfehlen. Es muss geklärt werden, was passiert, wenn das Startup seine Dienstleistung, beispielsweise die Speicherung und Auswertung von gewissen Datensätzen, nicht mehr leisten kann. Wie werden sensible Daten zurück ins Unternehmen transportiert? Wer übernimmt in der Phase, in der man noch keinen neuen Anbieter gefunden hat, die Aufgaben, die das Startup übernommen hat? Wie erklärt man gegenüber einem Regulator eventuell entstehende Lücken, etwa im Screening der Einhaltung von Verhaltensvorschriften von Mitarbeitern?

Ist ein Startup erst einmal verkauft, pleite oder ins Ausland umgesiedelt, befindet sich das Unternehmen immer in einer schwächeren Rolle gegenüber der Jungfirma. Für einen wie auch immer gearteten Exit müssen also alle Vorkehrungen getroffen werden.

Andere Kooperation suchen

Kooperationen kommen zu selten geplant, sondern häufig opportunistisch, das heisst, im engeren Sinn zufällig zustande. Das muss nichts Schlechtes sein, macht jedoch jeweils eine Adhoc-Entscheidung für oder gegen eine konkrete Kooperation notwendig und erschwert die langfristige Planung.

KMU sollten sich dem Thema Startup-Kooperation nicht nur widmen, wenn sie selbst angesprochen werden. Hier gilt es, Möglichkeiten im eigenen Netzwerk, aber auch durch Acceleratoren und Mittler wie Hochschulen und Verbände stärker als bisher zu nutzen, wenn die Ressourcen für eigene Programme nicht reichen. Schliesslich fehlt vielen Firmen auch ein ehrliches Exit Management, das vor allem in der Startphase einer Kooperation eher tabuisiert wird. Wer will schon beim Beginn einer Kooperation an das traurige Ende denken? Die Dynamik der Startup-Welt aber nicht in das Risikomanagement einer Firma einzuspeisen, ist die deutlich grössere Gefahr.

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