Tom Peters liebt den verbalen Krawall. Er denkt schnell und spricht laut. Und zieht so seine Zuhörer umgehend in seinen Bann. So wie er bei seinen Auftritten auf der Bühne herumwirbelt, schreibt er auch. Sein neustes Buch, «The little Big Things», umfasst mit 492 Seiten mehr als doppelt so viel Inhalt wie markt­übliche Managementbücher. Atemlos hetzt der Text von Ratschlag zu Ratschlag, die Ideen lesen sich wie ein SMS-Stakkato. Damit trifft Peters den Ton der Zeit: Wenn schon Nachdenken über Neues, dann in praktischen Häppchen.

Seit Jahrzehnten gehört Tom Peters zu den gefragtesten Management-Gurus. Die Zunft umfasst weltweit 50 vor allem englischsprachige Stars. Für ein fünf- bis sechsstelliges Tageshonorar jetten sie in jeden Winkel der Erde und geben Einblick in ihre Weisheiten.

Aber wofür braucht die Welt diese Vordenker, wo doch bereits Heerscharen von Unternehmensberatern im Erklärungsgeschäft tätig sind? «Sie liefern leicht verständliche Techniken und Methoden, die sich durch die Erfahrung als die eigentlich Besseren herausgestellt haben», erkärt Jürg Manella, Emeritus und bis vor kurzem Direktor des Executive MBA an der Universität St. Gallen. Sie sind die Vereinfacher und Wegweiser in einer gefühlt immer komplizierteren Welt.

Alle paar Jahre ein dickes Buch

Männer wie Tom Peters erreichen Kopf und Herz gleichermassen. «Sie bringen ihr Thema mit Passion und Emotion herüber», bestätigt Frank Straub, Geschäftsleitungsvorsitzender des deutschen Medizin- und Küchentechnikers Blanco. Er liess sich vor ein paar Jahren durch ein Seminar mit Tom Peters begeistern. «Dieses Format liefert Anstösse, es wirft neue Fragen auf, die man sich sonst nicht stellt», sagt der Unternehmer.

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Das System Tom Peters zeigt beispielhaft das Erfolgsmodell. In regelmässigen Abständen schreibt er ein neues Buch für Manager, seit drei Dekaden steht er nun schon im Rampenlicht. Sein Aufstieg begann mit «In Search of Excellence» im Jahr 1982. Kaum war das Erstlingswerk auf dem Markt, erklomm es die Bestsellerlisten. Peters wurde binnen weniger Monate für die Business-Welt das, was Michael Jackson in der Musikbranche ist: Ein Superstar. Sein Ruhm dauert bis heute an; für die 50000 Dollar, die er pro Auftritt abrechnet, muss mancher kleine Berater ein ganzes Jahr ­arbeiten.

Das Wirken der Gurus ist breit angelegt. Mit ihren Auftritten bespielen sie Management-Konferenzen. Sie werden von Konzernchefs in Privataudienzen empfangen, um ihnen die Zukunft zu erklären. In firmeninternen Seminaren, die nicht selten grau und eintönig sind, liefert der Auftritt eines Management-Gurus Abwechslung und Glanzlichter. «Komplizierte Wissenschaft ist nicht ihr Metier. Sie sind gefragt wegen der Brauchbarkeit ihrer Einsichten. Ihren Rat kann man morgen direkt im Büro anwenden», sagt Professor Manella.

In der Liga der Grossen spielt Michael Porter ebenfalls seit Jahrzehnten ganz vorne mit. Der schmächtige Mann mit grauem Haar und Woody-Allen-Brille schrieb sich vor 30 Jahren in den Denker-Olymp. Sein Buch «Competitive Strategy» zählt heute zu den Management-Klassikern. Die Nachfrage nach dem Wissen des Stars der Harvard University ist so hoch, dass er alle Kunden abblitzen lässt, die ihm nicht den geforderten sechsstelligen Dollar-Betrag für einen Vortragstag zahlen.

Auch aus Zürich oder St. Gallen

Auch die Schweiz hat ihren Anteil am Denker-Markt, zumindest im deutschsprachigen Raum. Fredmund Malik, Inhaber des nach ihm benannten Management-Zentrums und Autor des Bestsellers «Führen, Leisten, Leben» hat seine Basis in St. Gallen. Reinhard K. Sprenger, der mit seinen Büchern «Mythos Motivation» und «Vertrauen führt» den Sprung in die erste Liga der Management-Erklärer schaffte, lebt in Zürich. Auch Heinz Goldmann, Megastar unter den Verkaufstrainern, zählte zur europäischen Guru-Liga. Er lebte bis zu seinem Tod 2005 in Genf.

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Primus im deutschen Sprachraum ist allerdings Hermann Simon. Getreu der in der Zunft geltenden Regel «Alle zwei Jahre ein Buch» hat sich der Ex-Professor und heutige Chairman des Strategieberaters Simon-Kucher seinen Platz in den Köpfen des Top-Managements erobert. «Er ist der bekannteste deutschsprachige Management-Denker», sagt Winfried Weber, Professor an der Hochschule Mannheim, der regelmässig mittels Online-Befragung die einflussreichsten Gurus in der Schweiz, Deutschland und Österreich eruiert.

Das Beispiel des intellektuellen Marktführers Simon zeigt die Grundelemente des Geschäftsmodells. Ein erfolgreicher Guru greift komplexe Themen auf, verdichtet sie und erklärt die Welt in einer für jedermann verständlichen Sprache. Simon entwickelte hier ein im deutschsprachigen Raum seltenes Talent – er spricht und schreibt eingängig. Mit seinem Buch «Hidden Champions», das die Strategien mittelständischer Weltmarktführer erklärt, schaffte er es sogar bis auf die Titelseiten der englischsprachigen Wirtschafts­presse. Seither ist Simon in den Vielflieger-Lounges zwischen New York, Rio und Tokio anzutreffen, immer auf dem Weg zur nächsten Vortragsreise.

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Shows sind oft wichtiger als Inhalt

Die Vordenker setzen auf ihrer Erfolgstour auf eine gut einstudierte Show. Tom Peters zum Beispiel liefert grosses Theater. Er rennt während des Vortrages schon mal ins Publikum, brüllt seine Kernbotschaften in den Saal – und flutet die Köpfe ­seiner Zuhörer mit einem Tsunami an ­Powerpoint-Charts: 140 Folien pro Stunde sind bei ihm Standard.

«Die rhetorische Darbietung fesselt die Adressaten, sie ist mitunter wichtiger als der Inhalt», beschreibt Alfred Kieser, emeritierter BWL-Professor von der Universität Mannheim und langjähriger Kenner des Marktes, die Wirkung. Jeder der Gurus baut seine eigene Marke auf, eine Mischung aus Form, Inhalt und Show.

Fredmund Malik gibt in Habitus und Inhalt den intellektuellen Grandseigneur. Hidden-Champions-Erfinder Simon liefert eine Mischung aus gut gesetzten Anekdoten und messerscharfer Analyse. Peter Drucker, der 2005 verstorbene Begründer der Zunft, glänzte durch enzyklopädisches Wissen und einen sicheren Spürsinn für neue, grosse Trends.

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Zudem verfügen die Gurus über eine Ressource, die selten geworden ist im Büroalltag, in dem das Stakkato der Twitter-Nachrichten den Takt bestimmt: Sie haben Zeit zum Denken, sie können ihre Formulierungen so lange reifen lassen, bis der verbale Knall da ist. Reinhard Sprenger liefert ein Beispiel. Das Superhirn aus Zürich bringt in kurzen Formeln unter, wofür andere ganze Bücher brauchen. Um etwa zu erklären, dass gerade jene Unternehmen in gefährlicher Selbstgenügsamkeit und Lern­aversion erstarren, bei denen das Geschäft über viele Jahr boomt, sagt er schlicht: «Erfolg macht lernbehindert.» Das sitzt.

Bei allem Erfolg hat das Wirken der Management-Denker freilich auch seine Grenzen – die wichtigste ist die Demographie. Tom Peters brachte es vor ein paar Jahren auf den Punkt: «Alle hier sind Männer über fünfzig», schimpfte er mit Blick auf die acht Referenten einer Management-Denker-Konferenz. Die Branche hat in der Tat ein Altersproblem: Grosskaliber auf der Top-Ten-Liste wie Peters, Porter, Malik oder Simon sind alle Mitte sechzig und darüber.

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Nachwuchs-Gurus sind so rar wie die Stecknadel im Heuhafen, was Adrian Wooldridge, Guru-Experte des Magazins «Economist», schon zu einer Eloge auf den Urvater der Zunft veranlasst hat: «Einen grossen Denker wie Peter Drucker wird es auf der Welt nie mehr geben.»

 

Die bekanntesten Management-Denker

  1. Peter Drucker, USA (1909–2005), Gründer der Management-Lehre mit Weltruhm, prägte alle ­wichtigen Trends.
     
  2. Hermann Simon, D (*1947), Erfinder der «Hidden Champions», weltweit führender Preisstratege, sehr verständliche Sprache.
     
  3. Fredmund Malik, CH (*1944), Bestseller «Führen, Leisten, Leben», Systemdenker des Managements, interdisziplinärer Ansatz.
     
  4. Michael Porter, USA (*1947), Brillanter Kopf im Fach Strategie, Ausbilder der Nachwuchs-Chefs von Grosskonzernen.
     
  5. Philip Kotler, USA (*1931), Modernisierer des Marketings, verknüpft es mit strategischem Denken.
     
  6. Jack Welch, USA (*1935), Ex-Chef General Electric, Pionier des Shareholder Value, Führungsdevise: «Fix it, sell it or close it.»
     
  7. Reinhard Sprenger, CH (*1953), Verknüpft Führung, Unternehmen und Gesellschaft miteinander.
     
  8. Günter Faltin, D (*1944), Entrepreneurship-Professor. Bestseller: «Kopf schlägt Kapital».
     
  9. Tom Peters, USA (*1942), Co-Autor des Welterfolges «In Search of Excellence», leitete Siegeszug der Unternehmenskultur ein.
     
  10. Henry Mintzberg, CDN (*1939), Vordenker auf den Gebieten ­Organisation, Strategie und Planung.

Quelle: Winfried Weber, Hochschule Mannheim.

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