«Handelszeitung Online»: Herr Kind, Ihre Hörgeräte-Firma «Kind Hörgeräte» unterhält in der Schweiz 31 Filialen. Expandieren Sie hier weiter?
Martin Kind: Der Schweizer Markt ist für uns wichtig. Wir haben damit begonnen, unsere Marke zu etablieren und entschieden, in den nächsten Jahren in der Schweiz zu investieren und zu wachsen. 

Warum tun Sie das im Moment nicht?
Der Schweizer Gesetzgeber hat 2011 im Gesundheitsmarkt - insbesondere im Bereich der Hörgeräte - dramatische Veränderungen vorgenommen. Diese kann ich nur zum Teil nachvollziehen. Vorher wurde der Markt zu 100 Prozent vom Staat reguliert. Ich bin ein Gegner von regulierten Märkten. Nun hat sich die Schweizer Politik dazu entschlossen, den Markt zu 100 Prozent freizugeben.

Und das missfällt Ihnen?
Ja. Die Wahrheit liegt doch irgendwo dazwischen.

Ab dem 1. Juli 2011 richten die IV und die AHV ihre Beiträge an die Versorgung mit Hörgeräten neu im Rahmen eines Pauschalsystems und direkt an die Hörbehinderten aus. Vorher bezahlten sie die in Tarifverträgen vereinbarten Beiträge an die Akustiker und Akustikerinnen. Vom neuen System wird erwartet, dass es den Wettbewerb im Hörgerätemarkt stärkt und dass die Preise der Geräte und der Dienstleistungen sinken.

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Zudem sehen Sie sich hierzulande mit einer starken Konkurrenz - Platzhirsch Sonova - konfrontiert. Dabei fällt auf, dass Sie selbst wie auch der Sonova-Mitbegründer Andy Rihs neben dem Hörgerätemarkt ebenfalls dem Fussballgeschäft zugeneigt sind. Woher kommt diese Gemeinsamkeit? 
Ich messe das dem Zufall bei. Schliesslich investierte Herr Rihs und Phonak früher in den Radsport. Erst später ist Herr Rihs in das Fussballgeschäft eingestiegen. 

Kennen Sie sich persönlich?
Wir hatten in der Vergangenheit immer wieder Kontakt - auch zum Thema Fussball. Wie es dazu gekommen ist, weiss ich nicht. Hätte er mich gefragt, ich hätte ihm wohl davon abgeraten in den Fussball zu investieren.

Weshalb?
Fussball ist ein schwieriges Geschäftsmodell. Spieler, Trainer, Sportdirektoren und Berater erzielen hohe Einkommen. Andere müssen die Finanzierung sicherstellen. 

Dann müssen Sie sich, wie viele andere, an der zunehmenden Kommerzialisierung im Profifussball stören. In der Champions League gerät der Sport in den Hintergrund, das Marketing und die Werbung gewinnen hingegen an Bedeutung. 
Tatsächlich hat der Fussball durch die zunehmende Kommerzialisierung qualitativ an Attraktivität gewonnen. Sie müssen sehen: Der Fussball gehört inzwischen zu den wenigen Wachstumsmärkten in der Sportbranche. Das Prinzip «Brot und Spiele» erfreut sich höchster Beliebtheit. Für die Spieler stellt die Kommerzialisierung ausserdem eine Bühne dar, ihr Können zur Schau zu stellen, von den Massen geliebt zu werden und letztlich hohe Einkommen zu erzielen. Ich möchte an dieser Stelle jedoch eines klar und deutlich sagen: Fussballvereine sind in der heutigen Zeit nichts anderes als Wirtschaftsunternehmen. 

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Und wie manifestiert sich das? 
Durch eine professionelle Organisation im Sport, eine professionelle Organisation in der Verwaltung – insbesondere im Finanz- und Rechnungswesen – insbesondere aber im Bereich der Vermarktung des Fussballvereins. Wesentliche Einnahmequellen sind das Ticketing, die Sponsoren, die TV-Vermarktung und die Vermarktung der stadiongebundenen Rechte. Die TV-Vermarktung und die Sponsoreneinnahmen spielen hierbei eine zentrale Rolle. So können die hohen Gehaltskosten und die notwendigen Investitionen sichergestellt werden. 

Gehört die Fifa Ihrer Ansicht nach auch zum Club der «Wirtschaftsunternehmen»?
Die Fifa ist eine grosse und wirtschaftlich starke Organisation. Von der Einnahmenseite her ist sie ein grosses Wirtschaftsunternehmen – nach meinen Kenntnissen steuerbefreit. Deshalb wichtiger als die Frage der Rechtsform scheint mir, dass die Fifa professionell organisiert, professionell geführt aber auch überwacht werden muss. Die Steuerbefreiung ist eine politische Entscheidung

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Eine sehr salamonische Antwort. Verstehen Sie den Ärger, dass Sportverbände trotz Milliardenumsätzen kaum Steuern bezahlen müssen? 
Es handelt sich hierbei um eine politische Frage. Auch Änderungen kann nur die Politik entscheiden. Ich denke, die Fifa ist auch ein Thema des Ländermarketings.

Wie reagieren Sie auf die Drohungen der Fifa, der Schweiz den Rücken kehren zu wollen, sollte der Weltfussballverband in der Schweiz höhere Steuern abliefern müssen?
Das setzt immer voraus, dass es tatsächlich Alternativen zum Standort Schweiz gibt. Meiner Ansicht nach werden Uefa und Fifa keinen besseren als den Standort Schweiz finden.  

Nachdem Swiss Life das Aktienpaket von AWD erworben hat, will der Schweizer Versicherer den Markennamen AWD verschwinden lassen. Ihr Stadion verliert seinen Namen. Was jetzt?
Wir verhandeln derzeit mit den Verantwortlichen von Swiss Life in Deutschland darüber, dass der Vertrag des Namensrechts in Hannover fortgeführt werden kann. Auch andere Firmen sind interessiert an dem Namensrecht. Weil Hannover 96 dem Unternehmen AWD viel zu verdanken hat, gilt unsere Loyalität aber prioritär Swiss Life. Die Gespräche laufen konstruktiv. Wir hoffen, im Februar bekanntgeben zu können, dass die AWD-Arena ab 1. Juli 2013 den Namen Swiss-Life-Arena tragen wird. 

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Das Namensschild AWD auf dem Stadiondach scheint für Hannover 96 also sehr wichtig gewesen zu sein.
Das Namensrecht ist fürs Marketing sehr wichtig. Unsere Studien - welche wir mindestens einmal jährlich durchführen - haben gezeigt, dass es sich um ein werthaltiges Recht handelt. Insofern denke ich, dass der neue Stadionname Swiss Life bei der Entwicklung des deutschen Versicherungsmarktes helfen wird - zumal Swiss Life in Deutschland noch nicht sehr bekannt ist. 

In diesem Zusammenhang kämpft auch die Stadt Zürich mit einem Stadionproblem. Seit zehn Jahren wird darüber gestritten. Die Knackpunkte sind der Schattenwurf und das Einkaufszentrum. Wie kommen diese Meinungsverschiedenheiten zwischen Anwohner, Stadt und Klubs bei Ihnen an? 
Eine moderne zuschauer- und fanorientierte Infrastruktur eines Fussballstadions ist im internationalen Wettbewerb zu einem unerlässlichen Asset geworden. Vorausgesetzt, Privatinvestoren konnten die Investition finanzieren und daraufhin die Arena vollumfänglich vermarkten. Zum Einkaufszentrum: In Deutschland können sie ein modernes Fussballstadion allein über Zuschauereinnahmen und dessen Vermarktung refinanzieren. Aufgrund des geringeren Fanaufmarsches ist das in der Schweiz nicht möglich. Daher halte ich die Philosophie, das Stadion multifunktional zu gestalten - und so die Refinanzierung garantieren zu können - für den richtigen Ansatz.

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Der Korruptionsskandal innerhalb der Fifa hat dem Image des Fussballs geschadet. Nun hat der Weltverband eine Ethikkommission unter der Leitung zweier Experten eingesetzt. Diese sollen über die Vorgänge innerhalb der Fifa wachen. Wird diese Massnahme die Probleme lösen? 
Wenn es mit solchen Mechanismen gelingen sollte, die mögliche Korruption auszumerzen, wäre das zu begrüssen. Ich halte es aber für schwierig, mit zwei Leuten den europäischen Fussballmarkt im Hinblick auf die Korruption im Auge zu behalten. Wichtig ist jedoch das Signal. Die Fifa hat das Problem erkannt und sucht nach Antworten. 

Bräuchte es ein grösseres Signal - besonders im personellen Bereich?
Ich könnte mir das natürlich vorstellen - keine Frage.