Am Abend des 25. Mai 2007 verfinsterte sich der Himmel über Steinhausen ZG. Die mächtige Rauchsäule, schwarz wie Pech, war weit über das Zugerland hinaus zu sehen. Als Erstes tauchten an der Brandstelle die Gaffer auf. Dann traf die Feuerwehr ein. Später kamen die Reporter. Bernhard Alpstäg hatte es sich zu jenem Zeitpunkt zu Hause vor dem Fernseher gemütlich gemacht und verfolgte gerade die «Tagesschau», da klingelte sein Handy. Kurz nach 20 Uhr traf auch er an der Steinhauser Bahnhofstrasse ein. Und musste fassungslos mitansehen, wie die Produktionshallen der Swisspor ein Raub der Flammen wurden.

Swisspor - sein Leben

Zwei Jahre später steht der 63-Jährige an gleicher Stelle und sagt: «An jenem Freitag vor Pfingsten sind auch meine Seele und mein Herz verbrannt.» Er schweigt, starrt ins Leere. Es scheint, als ob ein Film vor seinem geistigen Auge abliefe. Swisspor, der Baustoffkonzern, das ist Alpstägs Passion - oder, wie er selber sagt - «mein Leben». Viel Pathos schwingt in dieser Aussage mit, im Kern allerdings entspricht sie durchaus der Wahrheit: Zusammen mit seinem Bruder hat er aus einer kleinen Korkfabrik mit 14 Mitarbeitern binnen 30 Jahren einen Milliardenkonzern aufgebaut.

Heute beschäftigt seine Swisspor-Gruppe, zu der unter anderem Fensterfirmen, Hersteller von Dämmstoffen und die Traditionsunternehmen Wannerit oder Eternit gehören, in halb Europa 2800 Angestellte. Für sie ist Alpstäg ganz einfach «der Patron» - ein Unternehmer alter Schule, der morgens als Erster im Haus ist und dieses am Abend als Letzter verlässt, der auch mal laut werden kann, das Herz aber auf dem rechten Fleck trägt.

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Das hat er nicht zuletzt vor zwei Jahren bewiesen, damals, vor Pfingsten. Im Angesicht des Totalschadens - immerhin 40 Mio Fr. hatten sich aufgrund eines technischen Defekts in Russ und Rauch aufgelöst - galt Alpstägs grösste Sorge den Mitarbeitern. Am selben Wochenende noch diktierte er den Reportern in ihre Blöcke: «Wir bauen das Werk Steinhausen wieder auf!» Die mit dem plötzlichen Verlust ihrer Arbeitsstätte konfrontierten Angestellten wurden fortan mit dem Firmenbus an andere Produktionsstandorte gefahren.

Keiner hat infolge des Unglücks seinen Job verloren. «Als Unternehmer bin ich das meinen Leuten schuldig», sagt Alpstäg, «Arbeitsplatzsicherheit kommt für mich weit vor Gewinnmaximierung.» Dann kneift er die Augen zusammen und weist mit dem Zeigefinger in Richtung der neu erstellten Halle: «Was glauben Sie, was mich das kosten würde, wenn ich meine Mitarbeiter damals entlassen hätte und jetzt mit neuen Leuten wieder anfinge? Die müssten ja alle zuerst geschult werden.»

Normalität stellt sich ein

Die neue Halle. 50 Mio Fr. hat sie gekostet. Insbesondere in den Brandschutz hat Alpstäg überdurchschnittlich investiert: «Dass mir das Haus unter dem Hintern wegbrennt, das will ich ganz bestimmt nicht noch einmal erleben.» Er schüttelt den markanten Kopf, der auf einem kurzen Hals zwischen zwei kräftigen Schultern sitzt - mit «Saftwurzel» wurde Alpstäg auch schon betitelt.

Für den Swisspor-Inhaber ist der imposante Bau am Dorfrand Zeichen des Aufbruchs wie Mahnmal zugleich, schmerzhafte Erinnerung und glänzende Perspektive in einem. Nach und nach sind die Mitarbeiter in den letzten Monaten nach Steinhausen zurückgekehrt, wurde die Produktion wieder hochgefahren, stellte sich zwischen Dämmplatten und Styroporblöcken die Normalität ein.

Allein: Der Chef selber hat bislang noch keinen Fuss aufs neue Areal gesetzt. «Ich brauche Zeit. Das ist eine unglaublich emotionale Angelegenheit für mich», bemerkt Alpstäg.

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Vor bald 40 Jahren habe er hier eigenhändig das Schilf gemäht, um Platz für seine erste eigene Fabrik zu schaffen und damit den Grundstein zu seinem Lebenswerk zu legen. «20000 Fr. hat mich das Grundstück damals gekostet, das benachbarte Bauunternehmen hat mir günstig den Platz geteert; wenn einer der Belegschaft einen neuen Besen haben wollte, dann musste er mir zuerst zeigen, warum es der alte nicht mehr tut», erinnert sich der Unternehmer. Er schluckt einmal leer. Ein Amboss sei das einzige Relikt aus jener Zeit, das er aus der Brandruine habe retten können. Dann wendet er sich ab und stampft zum Bürogebäude, das vom Brand verschont blieb.

Bernhard Alpstäg ist eine Dampflok. Einmal in Fahrt, hält ihn so rasch nichts und niemand auf. Darauf angesprochen, lacht er kurz und trocken. Einer müsse schliesslich die Richtung und das Tempo vorgeben; nicht der Langsamste in der Staffel entscheide das Rennen für das Team, sondern der Schnellste. Und wer diese Rolle innehat, daran lässt der Mann mit den zwei Uhren keinen Zweifel. «Kann einer die Pace nicht halten, muss er eben trainieren, um den Anschluss wieder herzustellen.» Auf die Bremse treten, damit das Feld aufschliessen kann? Nein, das ist nicht die Art von Alpstäg. Hart sein mit sich und den anderen, Herausforderungen annehmen, nicht jammern - allesamt Attribute, die ihm vom Elternhaus vermittelt worden seien.

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Auch, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen und Disziplin, Fleiss und Qualität die Grundlage zum Erfolg bilden. Werte eben, die in der Schweiz hochgehalten würden. «Genau dafür sind wir in der ganzen Welt bekannt. Mit ‹Swissness› lässt sich auch heute noch gut Geld verdienen.» Deshalb versteht Bernhard Alpstäg nicht, wenn sich die Leute hierzulande beklagen. «Jeder, der einmal im Ausland gewesen ist, weiss, wie gut es uns hier geht.» Die Rahmenbedingungen, die Gesetze und Vorschriften - im Vergleich zu den Nachbarländern seien diese moderat, gerade in Zug, bemerkt der «Unternehmer des Jahres 2007».

Chefs sollen Prämien zahlen

Trotz der schönen Töne, auch Alpstägs Loblied auf die Schweiz weist einige Dissonanzen auf. So ärgert er sich beispielsweise über den exorbitanten Anstieg der Krankenkassenprämien. «Ein Arbeiter mit Frau und zwei Kindern kann das doch bald nicht mehr bezahlen.» Ganz der Patron schwebt ihm bereits eine Lösung vor: «Statt Boni und Grati auszuzahlen, sollten die Unternehmer die Grundversicherung ihrer Arbeitnehmer übernehmen. Das wäre sinnvoll und würde überdies die Kaufkraft ankurbeln.»

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Von der Wirtschaftskrise zeigt sich Alpstäg wenig beeindruckt. «Wir haben von der First Class in die Business Class gewechselt. Economy ist noch weit weg», sagt er und streicht eine Tugend hervor, die seiner Ansicht nach manch einem hierzulande gut anstehen würde: Bescheidenheit.

Ohnehin sind Werte wie Demut, Aufrichtigkeit und Durchhaltewillen dem Familienvater, der zur Erholung gerne selber zum Reisigbesen greift, äusserst wichtig. Habe er als junger Berufsmann noch davon geträumt, einen Ferrari zu besitzen und Zigarre rauchend den Frauen nachzuschauen, so hätten sich die Prioritäten eindeutig verschoben. Die Zufriedenheit seiner Mitarbeiter verschafft ihm heute die grösste Genugtuung.

Er schaut zum Fenster hinaus. Arbeiter rüsten Dämmplatten für den Abtransport. Vor der neuen Produktionsstätte kreuzen Firmenlaster. Alpstäg atmet tief durch: «Bis zum 28. August schaffe ich das bestimmt.» Dann werden die neuen Hallen offiziell eingeweiht. Der Swisspor-Patron will bis zu diesem Tag - alleine, wie er sagt - eine Tour durch den Betrieb gemacht haben. Um hinter das traurigste Kapitel in seinem ansonsten so erfolgreichen Unternehmerdasein einen Punkt zu setzen.

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