Die Wirtschaft bewegt sich in Zyklen! Mal rauf, mal runter! Das ist beileibe nicht für alle eine Binsenwahrheit. Erstaunlicherweise scheint diese Tatsache zahllose Unternehmer jedesmal wieder aufs Neue zu überraschen: Bei jedem Aufschwung füllen sich ihre Auftragsbücher und sie saugen die letzten Topshots und Highpotentials vom Arbeitsmarkt auf; bei jedem Abschwung wird dann flugs mit dem Zweihänder die Personaldecke aufgeschlitzt und eine Entlassungswelle spült durchs Land. Wie im Moment. Und wie seit jeher in mehr oder weniger regelmässigen Abständen.

Hauptgrund für dieses kurzfristige Verhalten ist die kurzfristige Betrachtungsweise. «Falls der Zeithorizont nur auf fünf Jahre verbreitert würde, liessen sich die Effekte der Booms und Krisen nivellieren und die Zyklen des Wirtschaftsgeschehens auf dem Arbeitsmarkt wären einfach ausgleichbar», sagt der Arbeitsmarktexperte Toni Holenweger von der Gruppe Corso in Zürich. Und dabei müsse auf nichts verzichtet werden als auf den Gedanken der absoluten Besitzstandswahrung und auf die Illusion, dass sich alles lebenslänglich und linear nach oben bewege.

Das Arbeiten in Zeitkorridoren bedeutet nach Holenweger «einen Quantensprung an Flexibilität und bietet grosse Möglichkeiten, den Umfang der Personalressourcen auch mittelfristig durch die Arbeitszeitgestaltung zu steuern. Es geht nicht mehr ums Zählen der Köpfe, sondern um die Optimierung der gesamten Zeitstruktur eines Unternehmens.» (Siehe Kasten unten rechts.)

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Die Praxis ist härter

Doch das ist noch Theorie. Die Praxis sieht so aus: Seit Beginn des Jahres hat sich die Kurzarbeit in der Schweiz massiv verstärkt. Dies, obwohl die Erfahrungen mit Kurzarbeit in der vergangenen Rezession durchaus durchzogen waren: So haben gegen 80% aller vom Kof 2005 (Frick & Wirz) untersuchten Firmen aus der verarbeitenden Industrie, die damals Kurzarbeitsentschädigungen bezogen haben, im darauffolgenden Aufschwung ihre Belegschaft trotzdem reduziert, sprich Leute entlassen. Nur bei 3 bis 8% der Firmen ist der erwünschte Effekt eingetreten, das heisst, sie haben ihre Beschäftigung stabilisiert. Böse Zungen sprechen deshalb von der Kurzarbeit als Vorstufe zu Entlassungen.

Dem widerspricht Serge Gaillard, der Leiter der Direktion für Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) in Bern, vehement: «Kurzarbeit ist nicht eine Vorstufe zu Entlassungen, sie ist ein wirksames Mittel, um solche zu verhindern. Wie wirksam das Instrument ist, hängt aber stark von der Länge der Rezession ab. Dauert diese länger, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Unternehmungen trotzdem entlassen.» So geschehen eben in der letzten Rezession.

Doch Kurzarbeit könnte durchaus zusätzliche positive Effekte haben, wenn sie «intelligenter» ausgestaltet würde. Das heisst, wenn sie genützt würde, um in der zusätzlichen Zeit die Mitarbeitenden höher zu qualifizieren. Toni Holenweger: «Intelligente Kurzarbeit sollte in eine personalpolitische Strategie der Krisenbewältigung eingebettet sein und verschiedene Dimensionen enthalten, wie Massnahmen der Qualifizierung, der Kompetenzentwicklung, der Reorganisation von Arbeitsprozessen und der Ressourcenoptimierung.Kurzarbeit könnte so als Gelegenheit und Instrument genutzt werden, um die Arbeitsmarktfähigkeit der Belegschaft schon während des Entschädigungsbezugs im Betrieb zu fördern.»Zumindest moralisch unterstützt das Seco dieses Ansinnen. Serge Gaillard: «Grundsätzlich begrüssen wir es, wenn während der Kurzarbeit die Mitarbeitenden weitergebildet würden. Das Gesetz lässt das zu, allerdings müssen die Unternehmungen die Weiterbildung selber bezahlen. Bisher sind uns nur wenige Beispiele bekannt. Das ist verständlich, die erste Sorge der Unternehmungen ist, möglichst rasch wieder mehr Aufträge zu erhalten.»

Auch das Amt für Wirtschaft und Arbeit AWA in Zürich unter Direktor Bruno Sauter versucht zurzeit aktiv, eine prototypische Firma für ein entsprechendes Pilotprojekt zu gewinnen. «Das ist aber im Moment sehr schwierig - die meisten Firmen haben die Alternative zu Kurzarbeit bereits gefunden …», sagt Sauter.

Entlassen kommt teurer

Und der Entscheid, ob eine Firma Kurzarbeit einführt oder eben Entlassungen ausspricht, ist und bleibt Sache der Unternehmer. Dabei würde eine seriöse Vollkostenrechnung eventuell Erstaunliches zu Tage fördern: Es ist nämlich durchaus möglich, dass die Zusatzkosten von Entlassungen aus konjunkturellen Gründen höher ausfallen als die erhofften Einsparungen.

Dies einerseits wegen häufig unumgänglicher Sozialpläne oder Outsourcingmassnahmen. Andererseits lassen sich weder der Abfluss von Fachwissen noch die Verunsicherung in der zurückgebliebenen Restbelegschaft beziffern und ebenso wenig der mögliche Image- und Reputationsschaden. Und beim nächsten Aufschwung fallen dann wieder die Such - und Einarbeitungskosten an. Nur auf die Börsenkurse wirken Entlassungswellen schlagartig positiv -auch wenn gewisse Unternehmer noch nicht gemerkt zu haben scheinen, dass in ihrem Betrieb selbst fast ohne Personal noch Kosten anfallen.