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Hedgefonds-Chef setzt auf Rating-App für Mitarbeiter

Bewertungsapp: Wie kreativ ist Mitarbeiter X, wie fleissig ist Y? Pixabay

Schuhe bei Zalando, Hotels bei Tripadvisor und Möbel bei Ikea - Bewertungen sind allgegenwärtig. Der Chef eines US-Hedgefonds hat sich dies zu Herzen genommen und lässt Kollegen einander benoten.

Von Stephan Beutelsbacher («Die Welt»)
am 11.07.2017

Zuerst muss jeder die «Principles» lesen. Das Buch, das der Chef geschrieben hat. 320 Seiten, die erläutern, wie sich die Mitarbeiter zu verhalten haben. Die «Principles» sind eine Sammlung der wichtigsten Regeln der Firma, eine Art Verfassung, manche sagen auch: eine Bibel. Das Werk gilt in dem Unternehmen als geradezu heilig.

Das oberste Gesetz, das Ray Dalio für die Angestellten seines Hedgefonds Bridgewater aufgestellt hat, lautet: Seid ehrlich miteinander. Kritik an Kollegen soll offen ausgesprochen werden, auch wenn es wehtut. «Wer hinter dem Rücken anderer tuschelt», schreibt Dalio in seinen «Principles», «den betrachte ich als schleimigen Betrüger.»

Ein Faktor für den Erfolg

Einen offenen Umgang fordern viele Chefs, aber Dalio geht noch einen Schritt weiter. Er liess eine App programmieren, mit der sich seine Angestellten gegenseitig bewerten können. Sie sollen den Kollegen Punkte geben und ihre Leistung öffentlich kommentieren – ungefähr so wie bei einem Produkt auf Amazon. Jeder Mitarbeiter hat einen Firmen-iPad, auf dem die unternehmenseigene Software «Dots» installiert ist. «Dots» enthält eine Liste aller 1500 Kollegen. Ihre Leistung kann in 100 Disziplinen beurteilt werden: Wie motiviert ist Sarah aus dem Marketing, wie kreativ der Trader Joe?

Das geschieht nicht – anders als bei Amazon – anonym. Wer seine Schreibtischnachbarn lobt oder tadelt, muss es mit Klarnamen tun. Aber das hält die Leute nicht zurück. Hunderttausende Beurteilungen sollen schon verfasst worden sein. Der hochrangige Bridgewater-Manager Bob Prince sagte kürzlich, er selbst sei rund 11'000 Mal bewertet worden. Das System, glaubt er, sporne die Menschen an. Es sei mitverantwortlich dafür, dass Bridgewater, immerhin der weltgrösste Hedgefonds, so erfolgreich sei.

Kaum gearbeitet, schon kritisiert

Andere Unternehmen ahmen die Idee nun nach. Die New Yorker Grossbank JP Morgan hat für ihre 240'000 Mitarbeiter das Programm Insight360 eingeführt – angeblich, weil die es so wollten. «In vielen Gesprächen haben wir erfahren, dass unsere Angestellten gerne häufiger Feedback hätten», schrieb der Personalchef der Bank, John Donnelly, in einer E-Mail an die Belegschaft.

Kritik in Echtzeit, ausgespielt auf das eigene Handy – das könnte in Unternehmen bald die üblichen jährlichen Beurteilungsgespräche ersetzen. In der Arbeitswelt von morgen, so scheint es, bewertet jeder jeden, schonungslos und öffentlich.

Wie aus einem Thriller

Und vielleicht strahlt das eines Tages sogar in andere Lebensbereiche aus. Schon heute bestimmen Bewertungen anderer Menschen immer stärker unseren Alltag. Wer in ein Auto der Dienste Uber, Lyft oder Via steigt, kann seinen Fahrer und die anderen Passagiere bewerten. Und in Amerika gibt es Partys, zu denen nur Zutritt erhält, wer genügend Follower auf Instagram hat – für manche Clubs offenbar eine Währung, die festlegt, wie cool man ist.

Werden wir eine Bewertungsgesellschaft? Gibt es irgendwann, wie es der Autor Marc Elsberg in seinem Thriller «Zero» beschreibt, eine Rating-Agentur für Menschen? Vier Milliarden Erdenbewohner sind in dieser Agentur gelistet. Das Kriterium dort: persönliche Daten. Je mehr ein Bürger von sich preisgibt, desto höher in der globalen Rangliste steigt er. Der Mensch bekommt einen Preis. Einer ist wertvoller als ein anderer. Elsberg treibt die Idee auf die Spitze. Er lässt seine Protagonisten diskutieren, ob man auf den Wert von Menschen bald wetten kann wie auf einen Aktienkurs.

Es wäre wohl – sollte dieses düstere Szenario Wirklichkeit werden – der perfekte Markt für Ray Dalio.

Dieser Text erschien zuerst bei unserem Schwesterblatt «Die Welt» unter dem Namen «Dieser Hedgefonds-Chef hat eine Rating-App für seine Mitarbeiter».

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