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Helvetia wirbt um Mitarbeiter per Videostream

Helvetia
Helvetia-Logo: Die Firma sucht Wege, um als Arbeitgeber interessant zu sein. KeystoneQuelle: Keystone

Um potenzielle Bewerber anzulocken, geht Helvetia neue Wege: Die Versicherung lässt Mitarbeiter mit Jobinteressenten auf Facebook chatten. Das Ziel ist die Revolution der Mitarbeiterrekrutierung.

Von Stefan Mair
am 24.10.2017

Glamour versprüht das Video nicht gerade. Brav aufgereiht sitzen die Mitglieder der Hypothekarkunden-Abteilung von Helvetia vor einem Holztisch. Die Beleuchtung lässt zu wünschen übrig und ohne Skript oder Drehbuch reden die Teammitglieder über ihren künftigen Wunsch-Kollegen. Hin und wieder kommt es zu kurzen Redepausen. Inszenierung ist das nicht.

Die spröde Atmosphäre scheint aber niemanden abzuschrecken. Noch während des Streams auf der Facebook-Seite von Helvetia schauen fast tausend Menschen zu, einige kommentieren.

Revolution mit holprigen Dialogen

Die holprigen Dialoge und der Blick auf die Büromöbel sollen nichts weniger, als die Mitarbeiterrekrutierung revolutionieren. Das jedenfalls erhofft sich der Versicherungskonzern. Durch den realistischen Einblick in die Abteilungen mit vakanten Stellen sollen Bewerber zielgerichteter angesprochen werden. Es sollen sich nur jene bewerben, die auch zu den Leuten passen, die schon in der Firma sind. Dank dem Livestream sollen jene von vornherein ausscheiden, die irgendwie merken, dass die Chemie für sie nicht stimmen könnte.

Wie viele Personen sich effektiv auf die im Livestream besprochene Stelle bewerben, sei noch offen, so Martin Maas, Senior Manager Employer Branding bei Helvetia. Ihn lassen die Erfahrungen mit den bisherigen Streams aber hoffen. «Nach dem ersten Stream erhielten wir am gleichen Abend zwei Bewerbungen, die sich auf den Livestream bezogen haben. Die beiden Bewerber sind jetzt in der zweiten Gesprächsrunde. Die Stelle war schon vorher ausgeschrieben, jedoch haben sich nicht viele beworben.»

Bisher war Offenheit tabu

Mit dem Blick durch das Schlüsselloch wagt Helvetia eine Premiere in der Schweiz. Ohne Hochglanz-Optik sollen sich Bewerber künftig in ihren neuen Arbeitsplatz einfühlen können. «Wenn es um Recruiting geht, muss das Unternehmen den Blick der Zielgruppe einnehmen», so Maas. In Stelleninseraten stehe drin, was der Bewerber mitbringen soll an Kompetenzen und Abschlüssen. Weniger werde erwähnt, welche Eigenschaften der Bewerber braucht, wie er ins Team passt oder wie das zukünftige Team aussehen wird.

«Aus der Sicht des Bewerbers ist das ein Risiko: Er investiert viel Zeit und Mühe und wenn er das Team im realen Leben sieht, merkt er, dass das nicht passt. Genau das wollen wir umdrehen und das Kennenlernen auf eine virtuelle Ebene bringen.» Das Instrument dafür sei ein Livestream, in dem – im Vergleich zu sonstigen Recruitingvideos – auch aktive Rückfragen in Echtzeit gestellt werden könnten.



Die Idee zum Projekt komme aus der HR-Abteilung – und nicht etwa von Facebook selbst, das durch die Livestreams im HR-Prozess eine ganz neue Anwendungsmöglichkeit seiner Funktionen erhält, die irgendwann auch zu Geld gemacht werden könnten.

Tatsächlich bemühen sich die Online-Riesen aus dem Silicon Valley, immer mehr Teile des Rekrutierungsprozesses auf ihre Seiten zu holen. Google stellte erst vor kurzem eine Jobsuchfunktion vor, bei der Stellen beispielsweise nach Fahrzeit geordnet werden, und Microsofts Linkedin will nicht nur Karrierekartei sein, sondern auch den gesamten Bereich der Weiterbildung mit Videofunktionen übernehmen. Auch der Gigant Facebook könnte mit seiner Livefunktion einige Prozesse im Bewerbungsprozess mitgestalten.

Recruiting auf Augenhöhe

Für Unternehmen in dem Bereich ist das alles bisher ein grosses Experiment. Bei Helvetia gab es leichte Skepsis, als das Projekt intern vorgestellt wurde, aber keine grundsätzliche Ablehnung. Dass ein Konzern so offensiv sein Inneres nach aussen kehre, sei durchaus ein Risiko, bisher habe sich das Engagement in dem Bereich aber gelohnt, sagt Maas.

Firmen, die das Konzept ausprobieren wollen, rät Maas, nicht zu künstlich aufzutreten. «Kollegen fragten: Was soll ich sagen, was soll ich anziehen? Ich habe aber kein Briefing gegeben, die Bewerber sollen sehen, welche Leute im Team sind.» So könne Recruiting auf Augenhöhe funktionieren, zielführend und authentisch sein. Für den Start reicht ein Stativ, ein Smartphone und eine LTE-Verbindung. Mit teuren Webcams hat Helvetia schlechte Erfahrungen gemacht. «Wir sind aufs Smartphone umgestiegen, weil die ersten Streams Wackler drin hatten und die Verbindung immer wieder unterbrach.» Wenn es nach Maas und seinem Team geht, soll künftig jeder bei Helvetia, der eine Stelle beantragt, diese per Livestream bewerben können.

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