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Lukas Braunschweiler
Herr der Wellen

Lukas Braunschweiler

Der Chef des Hörgeräteherstellers Sonova über Erfindungen, Stigmatisierung und Irrglauben.

Von Laurina Waltersperger
am 11.06.2013

Ein schwarzer, flacher Koffer liegt auf dem Besprechungstisch. Lukas Braunschweiler öffnet ihn. «Jetzt zeige ich Ihnen mal ein paar coole Geräte.» Er nimmt eine kleine, gelbe Plastikspirale aus einer der ausgepolsterten Vertiefungen. Mit zwei Fingern drückt er den Kunststoff etwas zusammen. Im Innern kommt ein gelbes Metallstäbchen, nicht grösser als ein Reiskorn, zum Vorschein. «Das ist unser kleinstes Hörgerät», sagt er. Es enthält Lautsprecher, Mikrofon, Batterie sowie Rechner und wird 4 Millimeter vor dem Trommelfell platziert. Technologisch könne der gelbe Winzling noch kleiner werden, ergänzt Braunschweiler und legt das Modell zurück in den Koffer.

Seit November 2011 führt der 57-Jährige das Unternehmen mit Hauptsitz in Stäfa, fernab der internationalen Bühne. Das Gebäude, das hoch über dem Zürichsee liegt, ist von Rebbergen und weidenden Kühen umgeben. Das Gros des Umsatzes, 98 Prozent der 1,8 Milliarden Franken, erwirtschaftete Sonova im letzten Geschäftsjahr im Ausland. «Früher war das Hören für mich eine Selbstverständlichkeit», sagt Braunschweiler. Seit er sich tagtäglich damit beschäftige, habe sich sein Bewusstsein verändert. Das Gehör sei wohl der wichtigste Sensor für das Gehirn. Das Bewusstsein dafür fehle aber bei den meisten Menschen. Während die Hälfte der Weltbevölkerung eine Augenkorrektur habe, seien es beim Gehör weltweit gerade mal 3 Prozent, die ein Hörgerät tragen. Im Schnitt vergingen sieben Jahre, bis eine Hörbeeinträchtigung behandelt werde. Die Brille erlebt ein Revival – ein Hörgerät bedeutet, «ich gehöre zum alten Eisen», so Braunschweiler. Neue, unsichtbare Modelle verringerten zwar die Stigmatisierung, die weltweit herrsche, aber die Herausforderung bleibe: Ein Gerät zu schaffen, das sich jeder Lebenssituation anpasst. Ob beim Waldspaziergang, um die ­Vögel zwitschern zu hören, oder um sich abends in der Bar unterhalten zu können. Bis zur vollautomatischen Anpassungsfähigkeit der Geräte gebe es noch einiges zu tun, ist Braunschweiler überzeugt.

Kerntreiber Innovation. Der Schlüssel zu mehr Absatz heisst Akzeptanz. Diese müsse erhöht werden. Denn theoretisch eröffnet sich Braunschweilers Geschäft ein Eldorado an Abnehmern. Der Lärmpegel hat weltweit zugenommen. Nicht nur die ältere Genera­tion, die im Zuge der Überalterung breit vertreten ist, zählt zur Zielgruppe. Auch die «Generation iPod» erweise sich mit der ständigen Beschallung keinen guten Dienst, sagt Braunschweiler.

Der Umsatz im Hörgerätesegment betrug letztes Jahr 1648 Millionen Franken. Den Kerntreiber sieht Braunschweiler in der Innovation. Jährlich investiere die Firma etwa 120 Millionen Franken in Forschung und Entwicklung. «Das ist viel Geld», sagt Braunschweiler. Rund 6 Prozent des Umsatzes. Geld, das es brauche, um «Innovationsführer» zu sein. Sonova erzielt 70 Prozent des Umsatzes mit Produkten, die jünger als zwei Jahre sind.

Braunschweiler schreitet über die Galerie im dritten Stock des Firmengebäudes. Es ist ruhig. Nur das Plätschern des Wasserspiels in der Eingangshalle durchdringt die Stille. Die Sonne scheint durchs Glasdach auf die Galeriefronten. Diese Ruhe dürfte dieser Tage wohl gestört worden sein. Eine millionenschwere Klage wegen eines fehlerhaften Implantats der 2009 erworbenen Firma Advanced Bionics macht dem Chef zu schaffen. «Das Gerichtsurteil kam völlig unerwartet», sagt Braunschweiler. «Die Klage akzeptieren wir nicht», sie sei schlicht übertrieben. Die amerikanische Tochter Advanced Bionics musste 2006 rund 4000 mangelhafte Hörimplantate zurückrufen. Die Abwicklung der letzten Garantiefälle dauere noch an. Man sei auf Kurs, betont Braunschweiler. Dennoch hat die Firma jüngst ihre Rückstellungen markant erhöht, auf 250 Millionen Franken. Das dürfte auch viele Mitarbeitende verunsichert haben. «Wir müssen der Tatsache jeweils ins Auge schauen und die Lage neu beurteilen», sagt Braunschweiler. In solchen Fällen sei es zentral, Ruhe zu bewahren, die Situation zu analysieren und schnell zu entscheiden. Er informiere jeweils persönlich, transparent und offen.

Früher habe bei Sonova ein Credo geherrscht: «Only the sky is the limit.» Er hingegen setze auf solide Arbeit, Schritt für Schritt. Da mache sich wohl der Wissenschafter in ihm bemerkbar, sagt der 57-Jährige, der als Chemiker an der ETH Zürich doktorierte. «Es gibt kein Perpetuum mobile, es kann also nicht immer nur aufwärts gehen.» Als junger Produktmanager habe er sich auch teils in diesem Glauben gewähnt. Heute definiere er die Firmenziele nüchterner und realistischer.

Kein «Schönwetter-Kapitän». Dass die Aufwärtsstrategie ins Auge gehen kann, zeigte sich im März 2011: Die damalige Firmenleitung hatte sich überschätzt und musste eine Gewinnwarnung herausgeben. Kurz zuvor hatte die Chefriege eigene Aktien verkauft. Die Verfahren wegen Insiderhandels gegen den damaligen Konzernchef Valentin Chapero, Finanzchef Oliver Walker, Verwaltungsratspräsident Andy Rihs und weitere wurden eingestellt. Chapero und Walker mussten gehen, Rihs sitzt noch im Verwaltungsrat. Nach dem Vorfall übernahm Braunschweiler das Ruder, zuvor hatte er zwei Jahre den Rüstungskonzern Ruag geleitet. Die Herausforderung habe ihn motiviert. Er wolle nicht bloss ein «Schönwetter-Kapitän» sein.

Wenn Braunschweiler erzählt, fallen viele englische Wörter. Einige Jahre hat er in den USA gelebt und dort den Laborausrüster ­Dionex im Silicon Valley geführt. Beruflich und privat sei es eine wertvolle Zeit gewesen, die ihn vieles gelehrt habe – vor allem, die Schweiz von aussen zu betrachten. Man könne die Welt nicht von innen heraus de­finieren. Das gelte auch für Sonova – die ­Erkenntnis, dass eine globale Firma nicht zentral entwickelt werden kann. «Es braucht den Mut, von aussen nach innen zu ent­wickeln.»

So hat sich Braunschweiler etwa beim Ausbau in Asien für ein Team vor Ort entschieden, um die lokalen Bedürfnisse und kulturellen Ausprägungen besser verstehen zu können. Die Ausgangslage für das Hörgerätegeschäft sei in China eine ganz andere. Auf eine Bevölkerung von 1,3 Milliarden Chinesen gebe es lediglich etwa 1000 Akustiker. Das Wissen sei noch lange nicht auf hiesigen Standards. Bis in zehn Jahren soll China der zweitgrösste Markt nach den USA werden – «wenn nicht die Nummer eins», sagt Braunschweiler. Bis dahin werden wohl noch kleinere und filigranere Modelle die Palette in seinem schwarzen Koffer erweitert haben. «Ganz bestimmt», sagt er und klappt behutsam den Deckel zu.

Alle Ranglisten zum CEO des Jahres finden Sie: hier.

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