Apple erweckt Siri als Lautsprecherbox zu neuem Leben. Amazons Echo gleicht einer Säule fürs Wohnzimmer. Supercomputer Watson von IBM ist ein Serverwürfel, symbolisiert wird er durch eine Wolke aus Kreisen. Wer mit den führenden Geräten in der künstlichen Intelligenz kommuniziert, tritt buchstäblich in einen Dialog mit der Maschine. Keiner der Dienste hat ein menschliches Gesicht. Bis auf einen: Amelia.

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Amelia ist jung, blond und hat blaue Augen. Sie ist der Avatar für die Software des US-Konzerns IPsoft und wird eingesetzt in der Kundenbetreuung. Wenn eine Gesprächspause entsteht, blickt Amelia auch schon einmal gelangweilt Richtung Zimmerdecke.

«Der menschlichste aller AI»

Amelia sei «der menschlichste aller AI», so wirbt IPsoft. Das ist kein Zufall: Das Gesicht der Computer-Dame ist das von Lauren Hayes, ein 27 Jahre altes Modell (siehe Tweet unten, rechts). Als sie das erste Mal für den Job gecastet wurde, wusste sie nicht von den Plänen von IPSoft, sagte Hayes zum US-Portal «Quartz».

Mittlerweile hat Lauren Hayes noch mehrfach für Amelia vor der Kamera gestanden. Zuletzt wurden bei einem Dreh in Serbien ihre Gesichtsmimik, ihr Gang, ihre Körperhaltung gefilmt und vermessen. Hayes musste dabei laut «Quartz» möglichst alle Situationen durchspielen, die in der Begegnung mit Kunden entstehen könnten. Für den überraschten Gesichtsausdruck filmte die Crew Lauren, als sie schaute, als habe sie gerade Brad Bitt gesehen.

— janae sharp (@CoherenceMed) 1. Juni 2017

Die Erkenntnisse aus der Filmsession fliessen ein in die neuste Version von Amelia, Amelia 3.0. Sie soll so detailliert dargestellt werden, dass die Poren in ihrem Gesicht zu erkennen sind. Allerdings kommt diese beste Version aller Animationen wohl nur in wenigen Fällen zum Einsatz – im Alltag muss eine fixe Abbildung im Kunden-Chat reichen. Die Datenmenge würde sonst die Computer der Nutzer überfordern.

Das Besondere an Amelia, so IPsoft in einer Mitteilung vom 1.Juni, sei aber nicht nur ihr lebenechtes Aussehen, sondern auch ihre Dialogfähigkeit. Amelia lerne aus Gesprächen und verbessere so im Laufe der Zeit ihre Ergebnisse. Schon heute ist sie laut Konzernangaben in der Lage, in 40 Sprachen natürliche, kontextbewusste Dialoge mit Kunden zu führen.

3000 Nutzeranfragen pro Woche

Die Software kommt bei mehr als 50 Unternehmen weltweit zum Einsatz. Ein Konzern ist ein globaler Telekomanbieter. Amelia habe dort bisher 80'000 Dialoge geführt und darin 69 Prozent aller Anliegen selbst lösen können, heisst es. Für einen US-Versicherer wickelt sie demnach 3000 Nutzeranfragen pro Woche ab und bewältigt dabei 93 Prozent akkurat, ohne weitere Hilfe anzufragen.

— Emma J Handler (@ehandler22) 1. Juni 2017

Dennoch, die Interaktion zwischen Mensch und Maschine steht noch am Anfang. Ein BBC-Reporter testete 2015 sowohl Amelia als auch IBM Watson. Sein Fazit lautetete: «Die beiden AIs zeigen, wie weit wir mit künstlicher Intelligenz bereits gekommen sind – und wie weiter der Weg noch ist.»

Wer das menschliche Antlitz imitiert, läuft Gefahr, dass die Begrenzungen der aktuellen Technik besonders ins Auge fallen. Das ist auch den Programmiern von Amelia bewusst. Dennoch halten sie den menschlichen AI für den richtigen Weg.

Amelia 3.0 soll nun zum Beispiel in Quiz-Duellen gegen Lauren Hayes eingesetzt werden. Bisher antwortet die menschliche Version laut «Quartz» deutlich schneller und eloquenter als ihr Avatar. Dass es aber auch anders geht, zeigte wiederum IBM Watson. Bekanntlich besiegte der Supercomputer 2011 die US-Champions im Jeopardy. Ganz ohne menschliche Züge.

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