Schneider Electric spielt, was Grössenordnung und weltweite Bedeutung angeht, durchaus in der ABB-Liga. Doch so was hat ABB in der Schweiz nicht: Eine Busstation, die nach ihr benannt ist.

Erst seit wenigen Monaten ist Roger Karner CEO von «Feller by Schneider Electric», der Schweizer Division des französischen Konzerns. Aber in Horgen, wo Feller domiziliert ist, kennt man den quirligen Österreicher bereits bestens: Bevor er zum Country President gewählt wurde, hat Karner das alteingesessene Schweizer Unternehmen geleitet und übt nun beide Funktionen in Personalunion aus.

Dass im Eingang «Feller by Schneider Electric» und nicht das Mutterhaus erwähnt wird, obwohl Feller bereits 1992 von den Franzosen übernommen wurde, hat einen guten Grund: «Dieser Brand ist in der Schweiz so gut verankert, dass es unklug gewesen wäre, ihn hintanzustellen», sagt Karner. Das ist nicht untertrieben: 8 von 10 Schaltern in hiesigen Haushalten kommen von Feller aus Horgen.

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Das ist denn auch der einzige Schmuck auf dem langen Tisch im Chefbüro: Funktionale Schalter, die es aber in sich haben: Mit einem einzigen von ihnen kann man die gesamte Hauselektronik steuern. Beinahe lustbetont führt Karner diese kleine Wundermaschine vor. Ansonsten ist sein Büro spärlich eingerichtet - ein grosses Bild von einem Golfspieler, Geräte, um Produkte am Bildschirm vorzuführen, und ein einigermassen aufgeräumtes Pult. Gar nix Österreichisches? wundert man sich. «Ich bin das Österreichische hier», sagt Karner lachend.

Nie schlecht gelaunt

Er wirkt überhaupt aufgeräumt. Das bestätigt auch ein Arbeiter, der im Gebäude nebenan Steckerelemente stanzt. «Den habe ich noch nie schlecht gelaunt gesehen», sagt er und fügt hinzu: «Man spürt, dass er versteht, was wir ‹Büezer› machen.»

Weil Karner das Metier von der Pike auf gelernt hat, kann ihm ein Untergebener nichts vormachen. Während seines Studiums an der HTL in Mödling (A) hat er Schaltanlagen geplant und selbst montiert, Stromschienen vor Ort ausgemessen und Inbetriebnahmen selbst durchgeführt. Das kommt ihm heute zugute. Und zwar tagtäglich - nicht nur, wenn die gesamte Unternehmensleitung das Pult mit der Werkbank vertauscht, wo Karner aufgrund seiner Vorbildung natürlich punktet.

Offen und ehrlich

Dabei kann er durchaus glaubhaft darlegen, dass er lange keinen blassen Schimmer hatte, was er einmal werden wolle. Zur Bestätigung dieser etwas ungewöhnlichen Aussage bietet er sogar an, seine Mutter darüber zu befragen. «Sie wohnt übrigens immer noch in der Genossenschaftswohnsiedlung im 13. Bezirk in Wien, wo ich aufgewachsen bin. Dieses Quartier zeichnet sich noch heute durch eine gute Mischung verschiedener gesellschaftlicher Schichtungen aus. Der Bürgermeister wohnte nur wenige Blocks weiter», erinnert sich Karner, der ganz offen darüber spricht, wie einfach er aufgewachsen ist und dass sein Vater Krankenpfleger war. Von ihm hat er viel gelernt. «Zum Beispiel ein grosses Verständnis für menschliche Schicksale von pflegebedürftigen Alten, die von der Familie einfach abgeschoben werden. Oder wie gut es ihnen und überhaupt allen Menschen tut, wenn man fröhlich ist und nicht noch mehr Dunkelheit verbreitet.»

Seine Jugendzeit im Quartier nahe dem Waldrand von Wien hat ihn geprägt. Noch heute trifft er sich regelmässig mit den Freunden aus der damaligen Zeit. Und noch heute kehrt er dort ein, wo es den besten Tafelspitz mit Apfelkren gibt: Beim «Plachutta» in Hietzing.

Immer wieder behaupten CEO, sie hätten eine gute Beziehung zu ihren Freunden aus früheren Zeiten, und wenn die Neunerprobe mit der Frage gemacht wird, wann sie diese zum letzten Mal gesehen haben, liegen Jahre zurück. Nicht so bei Karner.

Und wenn ihn das Heimweh nach Wien sehr plagt, gibt es in Horgen einen Ankerplatz für ihn: Den «Schwan». Der Geschäftsführer heisst Robert und ist ebenfalls Österreicher. Bei ihm bekommt er die genau gleich knusprigen Wienerschnitzel wie in seiner Heimat. «Wir vertragen uns prima», sagt Karner. Lässt sich das überprüfen? Er holt sein Handy, stellt die Nummer ein. Am Apparat ist Robert. «Der Roger ist ein toller Hecht. Immer gut drauf, auch wenn er hundert Sachen um die Ohren hat», sagt Robert und ist gar nicht erstaunt, dass er für eine solche Auskunft mitten am Nachmittag angerufen wird. «Bei dem kann man sich immer auf Überraschungen gefasst machen», findet er bloss.

Interessant sind Karners Beobachtungen über die verschiedenen Managementstile in Österreich, Frankreich und der Schweiz, den entscheidenden Stationen seiner Karriere. Die erste Anstellung als ausgebildeter Ingenieur der Elektrotechnik fand er 1991 bei der Moeller Electric GmbH, wo er zuletzt Regionalleiter für Österreich war. Fast zehn Jahre blieb er dort. Dann holte ihn sein damaliger Chef, der mittlerweile zur Konkurrenz, der Schneider Electric, gewechselt hatte, zu sich. Das war 2000. Dass jemand so lange beim gleichen Arbeitgeber in leitender Position tätig ist, kommt heute immer seltener vor und gibt einen weiteren Hinweis auf einen Charakterzug von Karner: Er hält nicht nur seinen Freunden, sondern auch seinen Vorgesetzten die Treue.

Eines der einschneidenden Erlebnisse war die Berufung zu Schneider Electic Industries in Frankreich. «Natürlich machte ich mich vorher schlau über meinen künftigen Arbeitsort und erfuhr zu meiner Erleichterung, dass Englisch die Konzernsprache sei. Ich war froh, denn ich sprach kein Wort Französisch.»

Doch es sollte anders kommen: Kein Mensch sprach Englisch mit ihm: Alle Meetings wurden auf Französisch geführt und Karner war wie vor den Kopf geschlagen. «Ich habe drei Monate gebüffelt wie ein Ochse und mich danach mit Französisch durchgeschlagen. Zwei Dinge habe ich gelernt: Eine fremde Sprache muss man anwenden, auch wenn die Sätze mit Fehlern gespickt sind. Und: Wer in ein fremdes Land geht, muss die Sprache beherrschen, sonst nützen alle Integrationsbemühungen nichts», sagt er mit Blick auf die derzeitigen Diskussionen in Österreich und der Schweiz. Heute spricht er perfekt Französisch.

Spass an der Kommunikation

Darum gebeten, die Ansprüche an Führungsstile in verschiedenen Ländern zu vergleichen, tut Karner dies mit sichtlichem Vergnügen - wie er überhaupt auf alles freudig reagiert, was Gesprächsstoff herzugeben verspricht. Kommunikation macht ihm sichtlich Spass, man muss nichts aus ihm herauslocken.

«Der französische Arbeitnehmer ist sehr hierarchisch strukturiert, ich würde ihn den ‹Oui-Chef›-Typ nennen», sagt Karner und salutiert wie ein Soldat. «Die Österreicher und Italiener sind sich näher. Der Vorgesetzte kann schon etwas anordnen, aber es gibt anschliessend darüber - nett gesagt - einen breiten Auslegungs-Spielraum, der in lange Palaver ausarten kann», stellt er lachend fest. In der Schweiz gehe es eher basisdemokratisch zu und her. «Es braucht etwas mehr Zeit, bis ein Entscheid gefällt ist. Aber dann dauert es weniger lange bis zum Ziel. Kommt hinzu, dass sich der Aufwand für das Controlling minimalisiert.»

Wie würde er seinen eigenen Führungsstil beschreiben? «Ich bin nicht der Oberlehrer-Typ. Und wenn ich irgendwo neu beginne, habe ich nicht den Drang, alles auf den Kopf zu stellen. Es kann ja gar nicht sein, dass der Vorgänger alles falsch gemacht hat. Aber am wichtigsten ist mir das Gespräch mit den Leuten.»