Markus Lötscher, mit einem ansehnlichen Palmarès in der Lebensmittelbranche, ist «von Haus aus» gelernter Bäcker mit einem Meistertitel in seinem beruflich gut gefüllten Rucksack. Eigentlich könnte man sagen, er sei, nach vielen Stufen auf seiner Karriereleiter, die über Mövenpick, Nestlé und Hiestand führte, an deren erste Sprossen zurückgekehrt: Die rasch wachsende Pistor beliefert Bäckereien, Konditoreien und die Gastronomie mit allen nötigen Zutaten, die sie für ihre Produkte benötigen von A wie Anis, über Fette, Haselnusskerne, Marzipan, Rahm, Tiefkühlprodukte und Wein bis hin zu Z wie Zwieback.

Aber mit seinem Grundwissen möchte sich Lötscher auf keinen Fall brüsten. Es gehe in dieser Position nicht darum, dass jemand unbedingt wisse, wie ein gutes Brot gebacken werde, sondern darum, dass dem Kunden ein Mehrwert geboten werde. Und dafür sorgen die 388 Mitarbeitenden im Betrieb im luzernischen Rothenburg.

«Wenn der Chauffeur, der die Ware am frühen Morgen bei einer Bäckerei abliefert, nicht freundlich ist, oder ein Kunde, der seine Bestellung bei uns aufgibt, von unserer Ansprechpartnerin nicht zuvorkommend behandelt wird, nützen die schönsten Worte über Unternehmensführung nix», sagt Lötscher - um gleich hinzuzufügen, dass bei Pistor der Mensch im Mittelpunkt stehe.

Anzeige

Wenn ihm gesagt wird, dass man diesen Satz schon gar nicht mehr hören mag, weil ihn jeder CEO zu platzieren versucht, scheint er zunächst leicht irritiert. Aber nur kurz. Um konkrete, rasch nachvollziehbare Beispiele gebeten, die nicht in jedem Unternehmen zu finden wären, reagiert er blitzschnell. «Kommen Sie doch einmal über den Mittag in unsere Kantine.» Und was würde man dort sehen? «Eine entspannte, freundliche Atmosphäre, sogar Kinder unserer Mitarbeiter können hier essen.» Auch könnte man beobachten, dass sich an den langen Tischen Geschäftsleitungsmitglieder angeregt mit Lagermitarbeitenden unterhalten - hier findet keine Abgrenzung statt, weder hierarchisch noch kulinarisch.

Fluktuation nahe bei null

«Zudem haben wir Arbeitszeitmodelle à la carte», ist von ihm weiter zu erfahren. Und diese gehen tatsächlich weiter als in vielen anderen Betrieben. Was auch eine Fluktuationsrate erklärt, die nahe bei null liegt. «Unsere Mitarbeitenden können ihre Wochen- und Monatsarbeitszeit wie auch ihre Ferien flexibel vereinbaren.»

Charakteristisch sei auch, dass bei Pistor wichtige Entscheidungspfeiler so eingeschlagen würden, dass möglichst viele Betroffene einbezogen sind. «Bei uns ist dafür gesorgt, dass Entscheide nicht über die Köpfe der Betroffenen hinweg gefällt werden. Verantwortliche sind direkt miteinbezogen, und wir sorgen dafür, dass das Wissen breit abgestützt ist. Dazu nur ein Beispiel: Wenn ich am nächsten Morgen nicht mehr im Betrieb erscheinen würde, wäre die Kontinuität gesichert. Das gilt auch für die verschiedenen Kaderebenen in allen Schlüsselstellungen.»

Die Aussage wirkt glaubwürdig, weil sich diese Haltung wie ein roter Faden durch das - nicht ganz einfache - Gespräch zieht: Immer wieder fällt auf, dass er sich möglichst zurückzunehmen versucht. Das beginnt schon bei seinem Fachwissen als Meisterbäcker, das ihm schliesslich heute mehr denn je zugute kommt, wenn er seine Abnehmer besucht, mit denen er auf Augenhöhe reden muss. Oder wenn er - wie eben - sagt, dass jemand anderer seinen Posten übernehmen könnte, falls er ausfallen würde - und zwar regelrecht, nicht einfach durch Krankheit.

Ist das blosses Understatement oder ein Berufsverständnis, dass heute so oft gefordert, aber kaum je umgesetzt wird? Im Lauf des Gesprächs schält sich heraus, dass beides zutrifft.

Nachdem er seine Vorstellungen von einer Führung offenbart hat, die so organisiert ist, dass nicht nur er als CEO, sondern auch die Kadermitglieder jemanden zur Seite haben, der jederzeit in die Bresche springen könnte, wundert auch nicht mehr, dass er auf die Frage, ob es nicht hilfreich sei, wenn den Kunden quasi ein Berufskollege gegenübersteht, sofort relativiert: «Viel mehr traue ich dem Eindruck, den ich von einem Betrieb gewinne. Wird das Angebot ‹amächelig› präsentiert? Gibt man sich Mühe, den Trends nicht nur zu folgen, sondern ihnen zuvorzukommen? Wie werden die Kunden bedient?»

Er verleugnet seine Wurzeln zwar nicht und beschreibt mit Enthusiasmus, welche Kreativität dieser Branche immer noch Flügel verleiht: «Ich erinnere mich noch gut an meine Ausbildungszeit. Ich hatte einen tollen Lehrmeister. Wenn ich etwas Neues ausprobieren wollte - etwa Fruchtzeltli - liess man mir freien Lauf.» Das prägt heute noch seine Führungsmaximen.

Seine Unternehmensphilosophie geht offenbar auf: Die konsolidierte Firmengruppe hat 2008 - in einem schwierigen Umfeld, insbesondere für die Gastronomie -, bezüglich Umsatz und Gewinn zugelegt. Also noch keine Spur von negativen Einwirkungen der Finanzkrise? «Pistor ist kontinuierlich gewachsen. Ausschläge nach unten und oben hat es immer wieder gegeben», sagt er. Aber für ihn kein Grund zur Sorge. Vor allem die Erfüllung individueller Wünsche macht ihn da so sicher. Die Kunden werden mindestens zweimal pro Woche beliefert, und jeder wird genau so bedient wie jemand, der halt sofort Nachschub braucht.

Solche Fragen interessieren Lötscher viel mehr als jene nach seinen Lebensstationen, die nicht leicht aus ihm herauszubringen sind. Wie ging es weiter, nachdem er die Meisterprüfung absolviert hatte?

Dazu gibt es eine Anekdote, die sogar ihn zum Lachen bringt: Die Zeit vor dem Eintritt in den Militärdienst verbrachte er für ein paar wenige Wochen als Briefträger. Seinen ersten Faux-pas - offenbar ist es schwierig, alle Briefkästen gleich richtig anzupeilen -, machte Lötscher, als er eine Steuererklärung in den falschen Briefkasten warf. Der Missgriff hat jedoch keine negativen Folgen für das Greenhorn gehabt. Weitere Fehltritte in seiner Karriere sind nicht auszumachen.

Der Stracciatella-Erfinder

Allein die Geschichte, wieso er später zu Mövenpick als Entwickler von neuen Geschmacksvarianten gekommen ist - ihm verdanken wir die unvergleichliche Stracciatella-Glace - und dass diese Sparte dann quasi mitsamt Lötscher an Nestlé überging, würde eine ganze Zeitungsseite füllen.

Bei Nestlé wollte er etwas Neues beginnen und bewarb sich um eine Anstellung im Finanzbereich, die er aufgrund seines Studiums der Betriebsökonomie und seiner Erfolge im angestammten Bereich Glace auch bekam. Nächste Station war Hiestand, wo er Produktionsleiter für die Schweiz wurde. Danach wechselte er zu Pistor - eben dorthin, wo er innerlich zu Hause ist. «Ich kenne die Sorgen der KMU-Betriebe», sagt er.

Sein Arbeitstag beginnt um sieben Uhr und endet spät. Aber die Wochenenden gehören der Familie. «Diesen Samstag und Sonntag war ich mit den Kindern beim Zelten.» Dann kocht er auch, was das Zeug hält - besonders gerne chinesisch. Auch hier, um ein Rezept gefragt, spürt man, dass die Antwort nicht einfach Staffage für seinen Beruf ist, sondern er kann genau präzisieren, welche Ingredienzen für sein Lieblingsgericht mit einem unaussprechlichen Namen gebraucht werden.

Und was bleibt sonst noch an Freizeit übrig? Lötscher liebt Reisen in ferne Länder. Zuoberst auf der Wunschliste stehen Guatemala und der Kaukasus. Und fischen tut er für sein Leben gerne, weil man hier abschalten könne.