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Marathon
«Ich spüre die Hühnerhaut noch heute»

Franziska Tschudi, Benedikt Weibel: Passionierte Läufer. (Bild: Keystone)

Viele Schweizer Manager laufen Marathon. Die Ereignisse in Boston treffen sie deshalb besonders. Zwei bekannte Persönlichkeiten erzählen über ihre Erlebnisse und Gefühle.

Von Vasilije Mustur
am 18.04.2013

Der Terroranschlag auf den Marathon in Boston wühlt die Welt auf. Auch Schweizer Manager zeigen sich schockiert. Denn nicht wenige von ihnen sind selbst Langstreckenläufer. «Die erste Reaktion war Konsternierung. Jetzt auch da noch, habe ich mir gedacht», schildert Benedikt Weibel seine Gefühlslage.

Der einstige SBB-Verwaltungsratspräsident kann die Emotionen der Läufer nur zu gut nachempfinden. Am Ende einer so grossen Anstrengung habe man das Ziel vor Augen und spüre ein «Glücksgefühl», sagt er gegenüber handelszeitung.ch «Und dann findet man sich plötzlich in einer anderen Welt wieder».

Weibel spricht aus Erfahrung. Der Wirtschaftsführer bezeichnet sich als «passionierten Marathonläufer». Er absolvierte bereits die Strecken in New York, Frankfurt und Berlin. Dabei blieb ihm die Veranstaltung im Big Apple in bester Erinnerung. «Ich habe damals einen Artikel über den New York Marathon gelesen und da haben meine Frau, welche damals eine gute Läuferin war, und ich beschlossen, teilzunehmen».

Weibel lief den New Yorker Marathon

Während die beiden Berner durch die Stadtteile New Yorks liefen, wurden sie von den Zuschauern «unglaublich» unterstützt, wie Weibel erzählt, selbst wenn man abgeschlagen dem Ziel entgegenrannte. Gelitten habe er trotzdem. «New York war 1984 enorm heiss - mit 95 Prozent Luftfeuchtigkeit. Selbst der Sieger legte sich im Central Park kurz auf den Boden».

Überdies habe er sich danach geschworen «nie mehr einen Marathon zu laufen». Es kam aber anders. Als seine Gattin einen runden Geburtstag feierte, äusserte sie den Wunsch, am Frankfurter Langstreckenlauf teilzunehmen. Das Resultat: Seine Frau gewann das Rennen in ihrer Kategorie. 

Tschudi und der Reiz des Boston Marathon

Nicht nur Weibel kennt die Tücken eines Langstreckenlaufs: So schnürt sich Franziska Tschudi dreimal die Woche die Jogging-Schuhe, um bis zu eineinhalb Stunden durch Wälder und Strassen zu laufen. Ausserdem ging die Konzernchefin des Technologie-Unternehmens Wicor wie Weibel am 42 Kilometer langen Jungfrau-Marathon und dem Rennen in New York an den Start. Kein Wunder blickt Tschudi auf «liebenswürdige Helfer, traumhafte Bergpanoramas, meine Familie als super Fanclub und dem Glücksgefühl während dem Lauf und nach der Ziellinie» zurück. 

Am Rennen in Boston konnte Tschudi jedoch nicht teilnehmen. «Ich wollte gerne mal mitmachen, weil wir Produktionsstandorte in der Nähe von Boston haben». Zudem habe sie der Lauf gereizt, weil dieser für Tradition stehe und die Teilnehmenden sich mit einer guten Laufzeit qualifizieren müssten. 

Tschudi und ihr Fatalismus

Auch deshalb kann die Managerin den Bombenanschlag kaum fassen. «Zuerst einmal bin ich ganz einfach geschockt. Ganz nüchtern ist mir hingegen klar, dass jede Massenveranstaltung - insbesondere, wenn sie medial begleitet wird - für einen Terroranschlag infrage kommen kann». Von Sportveranstaltungen fernzubleiben, hält die Wicor-Chefin indes nichts. «Ich sehe solche Ereignisse etwas fatalistisch - sie können überall passieren und mich treffen». 

Das sieht Benedikt Weibel genauso. «Die Städtemarathons, die ich gelaufen bin, haben vor dem 11. September stattgefunden. Das Thema Terrorismus hatte noch nicht die Relevanz von heute». Nichtsdestotrotz nahm der ehemalige SBB-Lenker nur wenige Monate nach dem Mauerfall am Berliner Marathon teil. «Berlin war einzigartig direkt nach der Wiedervereinigung. Ich spüre die Hühnerhaut unter dem Brandenburger Tor noch heute».

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