Normalerweise plant man langfristig bei den Jungfraubahnen. Bereits im Herbst 2006 hatte Vorgänger Walter Steuri seinen Rücktritt per August 2008 bekannt gegeben. Seit November 2007 stand dann fest, dass der bisherige Marketingchef dessen Nachfolger als CEO werden sollte. «Das ermöglichte uns einen optimalen Übergangsprozess, indem schon früh die meisten wichtigen Projekte auch über meinen Schreibtisch liefen», resümiert Urs Kessler.

Kessler, bodenständiger Berner Oberländer mit Schnauz, zweifacher Familienvater und 46-jährig, ist im Unternehmen gross geworden. Schon 1987 – mit Mitte zwanzig – stiess er von der Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn (BLS) zum Unternehmen mit heute 700 Mitarbeitenden, das neben der weltberühmten Jungfraubahn diverse weitere Bahnen betreibt, wie etwa die Berner Oberland-Bahn (BOB) oder die Wengernalpbahn.

Bei der BLS hatte Kessler Betriebsdisponent gelernt und sich dann kontinuierlich weitergebildet. Dabei hatte er eigentlich ursprünglich Bauer werden wollen. «Mein Vater fand das aber keine gute Idee, schliesslich hatten wir daheim kein Land», erzählt Kessler. Der Vater Elektromonteur, die Mutter stark engagiert im Restaurant der Grosseltern, wuchs Kessler auf dem Land mit viel Bezug zur Natur auf. Das erste Geld verdiente er sich mit dem Handeln mit Kaninchen und Schafen, die er auch schon mal ohne Wissen des Vaters verkaufte und womit er «immer recht viel Taschengeld hatte», wie er sich lachend erinnert.

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Marketingmann durch und durch

Im Gegensatz zu Walter Steuri, der zuvor bei der Jungfraubahn Holding AG Finanzchef war, ist Kessler durch und durch Marketingmann. Seit 1994 war er Marketingchef. In erster Linie sein Verdienst ist die Erschliessung des asiatischen Marktes. Damals hatte sich die Präsenz noch auf Japan beschränkt. Kessler nahm sich Land um Land vor, von Korea, Malaysia, Singapur und Thailand, von Taiwan und Hongkong bis Indien – eines nach dem anderen. Sukzessive wurde eine eigene Distribution aufgebaut.

Seit 1998 ist das Unternehmen in der Region mit eigenen Vertretungen präsent, die ausschliesslich für die Jungfraubahnen arbeiten. «Marketingmässig war das die beste Lehre, die man sich denken kann», blickt Kessler zurück, «überall, wo wir hinkamen, hiess es nur Luzern, Titlis, Pilatus. So stellte sich uns die Aufgabe: Wie erobert man einen Markt, der besetzt ist von einem Mitbewerber, der erst noch günstiger ist? Gelungen ist es schliesslich dank der Lancierung der Marke ‹Jungfraujoch –Top of Europe›, einer konsequenten Markenführung, einer Push-and-pull-Strategie, sehr viel PR-Arbeit und Events und der Einsicht, dass jeder Markt separat bearbeitet werden muss», bringt es Kessler auf den Punkt. Heute stammen 60% der Gäste aus Asien.

Kessler glaubt, dass die internationale Erfahrung ihn auch zum jetzigen Chefjob befähige. Er glaubt, über die nötigen Macherqualitäten zu verfügen, aber auch genügend visionär zu sein, und er erachtet es als Riesenvorteil, als Berner Oberländer eng mit der Region verbunden zu sein.

Eine Vision musste er vor wenigen Tagen allerdings begraben. Aufgrund einer in Auftrag gegebenen Machbarkeitsstudie verzichtet das Unternehmen auf die Erschliessung des Jungfraujochs mit einer ergänzenden Schnellverbindung, die die Passagiere via Lift innert 20 Minuten aufs «Dach Europas» befördert hätte.

Nein, enttäuscht sei er darüber nicht, beteuert Kessler. Es sei richtig, den Lift nicht zu bauen. Nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern auch aufgrund der schwierigen Erschliessung der Talstation und des zu erwartenden Widerstands der Umweltverbände.

«Manchmal muss man mich bremsen», sagt Kessler über Kessler. «Er ist eine Ideenmaschine», findet Thomas Bieger, Direktor am Institut für öffentliche Dienstleistungen und Tourismus der Universität St.Gallen und als VR-Präsident der JBH direkter Vorgesetzter von Kessler. Dank seiner Markterfahrung, seiner Selbstdisziplin und der mitreissenden Art zu führen, sei er für diesen «attraktivsten Job im Schweizer Tourismus» aus zahlreichen internen und externen Bewerbungen ausgewählt worden, begründet Bieger.

Kessler seinerseits muss in den nächsten Wochen eine Schlüsselposition neu besetzen. Sein Nachfolger als Marketingleiter, Eduardo Zwyssig, der erst vor wenigen Monaten ernannt worden war, wird das Unternehmen bereits wieder verlassen, wie letzte Woche bekannt wurde. Über die Gründe mag sich keiner der Beteiligten äussern. «Wir haben das gegenseitig so vereinbart», sagt Kessler nur. Bis Ende Jahr möchte er den Nachfolger des Nachfolgers bestimmt haben und übernimmt in der Zwischenzeit den Job wieder selbst.

So oder so möchte er auch danach den direkten Kundenkontakt nicht verlieren. Selbst nach Asien will er weiterhin reisen, und er verlangt, dass er über jede grössere Reklamation in Kenntnis gesetzt wird.

Doch wie steht es um seine eigene Kritikfähigkeit? «Ich kann heute besser mit Kritik umgehen und bin mir bewusst, dass es meistens falsch ist, sich unmittelbar und sofort zu rechtfertigen», sagt Kessler. Von seinen Mitarbeitenden verlangt er vor allem: Loyalität, Engagement und Identifikation mit dem Unternehmen. Höre er, dass einer abends am Stammtisch über die Jungfraubahnen lästere, verlange er ein klärendes Gespräch.

Fehler sind erlaubt

Das viel zitierte unternehmerische Denken und Handeln fordert er von seinen Leuten. Er möchte, dass sie sich bei Ausgaben überlegten, ob sie das Geld auch ausgäben, wenn es ihr Unternehmen wäre. Per 1. Januar 2009 führt er eine neue Organisationsstruktur ein, weg von der Linienorganisation hin zu eigenständigen Betriebseinheiten. An der Front sollen sie mehr Kompetenzen erhalten, in der Zentrale in Interlaken soll weniger entschieden werden. Er sei zwar fordernd, doch Fehler dürfe man bei ihm machen. Das Bild des Unternehmens als grosse Familie findet Kessler nicht abgedroschen. «Wenn es darum geht, dass man sich gegenseitig hilft, gefällt es mir», sagt er.

Eine wichtige Rolle spielen auch weiterhin publikumsträchtige Events. Am meisten Beachtung fand in den letzten Jahren sein Kick-off-Event zur Euro 2008, als auf dem Aletschgletscher kurzerhand ein Fussballfeld errichtet wurde. Das Bild ging um die Welt. Noch heute wird Kessler gefragt, ob es sich wirklich nicht um eine Fotomontage handle.

Nach dem Gewinn des EM-Titels durch die Spanier wurde auf Nachhaltigkeit geachtet, indem spanische Touristinnen und Touristen mit Spezialangeboten in die Region gelockt wurden. «Seit Juli kamen so 11000 Spanierinnen und Spanier zu uns», berichtet Kessler.

Viele Ideen und Visionen

Für nächsten Herbst plant er das weltgrösste Fahnenschwinger-Treffen mit 400 Flaggen aus aller Welt. Die kleine Scheidegg sieht er künftig als «Zentrum der Alpen». Im kommenden Juni sollen Masterpläne vorgestellt werden, wie sich die Region in 20 Jahren präsentieren will. «Wir müssen langfristig denken. Das Quartalsdenken ist ein Problem. 2009 wird zwar angesichts der kommenden Rezession ein schwieriges Jahr. Umso mehr gilt es, den Verkauf zu intensivieren und uns gerade im Marketing antizyklisch zu verhalten. Das Ziel für diese Region sind zehn Monate Hochsaison.»

Auch bezüglich seiner eigenen Zukunft denkt er langfristig. Bis 60 möchte Urs Kessler den Job gerne ausüben, während vierzehn Jahren also – sofern nichts dazwischenkommt.