Eigentlich wäre es schon lange an der Zeit gewesen, den Firmennamen Schweizerhall aus dem Handelsregister zu tilgen. «Er ist seit dem Brand in Schweizerhalle 1986 negativ besetzt», sagt Axel Müller, obwohl die Basler Firma mit dem Unglück im fast gleichnamigen Industriegebiet nichts zu tun hatte. Mit dem Zukauf von Novosis, Hersteller von therapeutischen Systemen zur transdermalen Wirkstoffabgabe und Implantaten, ist jedenfalls der Zeitpunkt nun günstig, das angestammte Pharmageschäft nicht nur unter einem Holdingdach zu vereinen, sondern auch neu zu benennen.

Keine gemeine Bettwanze

Vor Müller liegt das neue Logo: Wellenlinienkompositionen, daneben der Begriff «acino». Schon wieder so ein gewöhnungsbedürftiger Kunstname wie Actelion, Aventis oder Novartis? «Die Erklärung für diese Wortkombination ist ganz einfach: ‹ci› steht für Cimex, ‹no› für unser jüngstes Familienmitglied Novosis und ‹a› soll dafür sorgen, dass wir bei E-Mails einen bevorzugten Platz haben.»

Kommt hinzu, dass Cimex, wenn man den Begriff im Google sucht, mit Cimex lecturalis beinahe im gleichen Rang aufgeführt wird. «Und das bedeutet gemeine Bettwanze», sagt Müller lachend.

Der Geschäftstüchtige hat auch bereits herausgefunden, dass «acino» auf Italienisch Weintraube heisst. «Damit lassen sich doch Kundengeschenke in flüssiger Form machen», sagt der ausgebildete Pharmazeut und formuliert bereits Werbesprüche, die das Unternehmen, den Genuss von Wein und dessen gesunde medizinische Wirkung in Einklang bringen.

Anzeige

«Eigentlich wollte ich Ingenieur werden. Schon mein Urgrossvater war ein begnadeter Tüftler», erzählt Müller, der in Rottenburg am Neckar aufgewachsen ist, wo seine Vorfahren eine Maschinenfabrik führten. «Wir lebten in einem Haus mit einem grossen Garten, wo ich mich lieber aufhielt als in der Schule. Meistens baute ich Staudämme und überflutete das Gelände, nicht zur Freude meines Vaters, der mich lieber als Musterschüler gesehen hätte.»

Studium statt Staudamm

Wieso ist Müller trotz maschinentechnischer Anwandlungen dann doch Pharmakologe geworden? «Ich erkrankte an einer schweren Bronchitis. Meine Mutter ging mit mir zum Arzt, der verschrieb ein Medikament, das wir in der Apotheke abholen mussten. Der Eintritt in diese mir damals fremde Welt hat mich fasziniert. Die vielen Fläschchen und Tinkturen, die alten Mörser auf ebenholzfarbenen Gestellen, die Schubladen mit Kräutern und Ingredienzen zogen mich in ihren Bann», beschreibt Müller fast filmreif, wie es früher in Apotheken aussah.

Von Stund’ an wollte er Apotheker werden. Was seinen Eltern insofern recht war, als dass er sich schulmässig etwas mehr am Riemen reissen musste. Sein Pharmaziestudium an der Universität Regensburg schaffte er mit Bravour. «Obwohl ich nichts ausliess, was zu den Annehmlichkeiten einer Studentenstadt gehört», meint er rückblickend und beschreibt die lauschigen Biergärten, die rustikalen Beizen und natürlich die Bälle.

An einer dieser Festivitäten hat er seine Frau kennengelernt. Die beiden leben seit 14 Jahren in der Schweiz. «Mit Blick auf den Pilatus, in einem wunderschönen Garten, der mich an die Kindheit erinnert. Jeden Morgen schaue ich mir diesen markanten Berg an. Der Anblick beruhigt und bestärkt mich in meiner Arbeit. Selbst wenn er mit Wolken verhangen ist, weiss ich, dass er schon vor Jahrhunderten dort war. Dieser Gedanke nährt auch meinen Optimismus für meine tägliche Arbeit», sagt Müller.

Anzeige

Dass er dann doch den Tresen in der Apotheke mit einem Anschlussstudium in Tübingen tauschte, hängt mit dem Wunsch zusammen, lieber nicht bis ins hohe Alter Arzneien verkaufen zu wollen. Es zog ihn dorthin, wo sie hergestellt werden: In die Industrie. «Für diese Laufbahn schien mir ein Doktortitel förderlich.» Seine Dissertation schrieb er über ein Thema, das mittlerweile neben Magersucht und Fettleibigkeit zu den Rennern in Gesundheitsmagazinen gehört: Diabetes.

Seine späteren beruflichen Stationen führten ihn unter anderem auch zu Schweizerhall in Basel. Er wurde als Leiter für den Bereich Pharmawirkstoffhandel und – gleichzeitig – für das US-Geschäft eingestellt. «Der Kontakt mit der amerikanischen Mentalität hat mich mitgeprägt. Ich liebe den unerschütterlichen Optimismus dieser Menschen. Mir gefällt auch ihre Fehlertoleranz. Darunter verstehe ich, dass jemand, der etwas verkachelt hat, nicht sofort niedergemacht, sondern ermuntert wird, es nochmals zu versuchen.»

Anzeige

Warum verwendet Müller den Begriff «mitgeprägt», wenn er seine US-Zeit schildert? «Genauso viel Einfluss auf mich und meinen Führungsstil hatte die Begegnung mit der japanischen Kultur.»

Der ehemalige Karate-Kämpfer hat sich eingehend mit der Philosophie der Samurai befasst und vor allem einen Grundsatz internalisiert: «Wenn ein Samurai auf potenzielle Angreifer trifft, hat er zwar sein Schwert bei sich, aber er zieht es nie von Anfang an ganz aus der Scheide, sondern nur für ein paar Zentimeter. Damit will er die Grenzen für seinen Gegner anzeigen und sagen ‹Pass’ auf, ich könnte auch weitergehen, aber ich tue das nicht.›»

Beide Erfahrungen – jene in der Neuen Welt und jene im Reich der aufgehenden Sonne – haben einen Einfluss auf die Art, wie er seinen Job angeht: Grundsätzlich auf die Karte Zukunft setzen, aber trotzdem Grenzen ziehen, wenn die einmal angepeilten Ziele so durchkreuzt werden, dass ihre Erreichung verunmöglicht wird.

Anzeige

Angebot in der Ankleidekabine

Zwischen seinem ersten Engagement bei Schweizerhall und der jetzigen Rückkehr liegt nicht etwa eine rührselige Geschichte à la verlorener Sohn. Vielmehr wurde jene Sparte, die er damals geleitet hatte, an die New Yorker Handelsfirma Aceto verkauft. Die neuen Besitzer machten sein Verbleiben für drei Jahre in diesem neuen Unternehmensteil zur Bedingung.

Nach Ablauf dieser Frist bekam Müller ein Angebot der Siegfied AG. Dort leitete er das Generikageschäft und wurde später vom Schweizerhall-VR-Präsidenten angefragt, ob er mithelfen wolle, den neu zugekauften Unternehmenspfeiler Cimex weiter auf- und auszubauen.

Müller, der viele amüsante Anekdoten aus seinen verschiedenen Karrierestationen zu erzählen weiss, hat auch zu dieser Anfrage eine auf Lager. «Ich war gerade daran, mir einen neuen Anzug zu posten. In der Ankleidekabine, ich war in Unterwäsche, klingelte das Telefon. Ich musste mich nicht lange besinnen, die Anfrage war zu verlockend.»

Anzeige

Sein bisheriger Leistungsausweis darf sich sehen lassen, vor allem die Erstsemesterzahlen 08 kletterten in die Höhe. Zudem wurde eine eigenständige Registrierung für den Blutverdünner Plavix erkämpft, gegen die der französische Pharmakonzern Sanofi-Aventis Sturm gelaufen ist, aber vom Verwaltungsgericht in Köln abgewiesen wurde. Der Weg für den Vertrieb ist frei und das Präparat wird in Deutschland von Ratiopharm und Sandoz vermarktet, wobei die Franzosen weitere rechtliche Schritte angekündigt haben.

Müller ist jedoch guten Mutes. Sollte er diesen doch einmal verlieren, so hilft ihm bestimmt das Kochen seines Lieblingsessens: Sauerbraten mit handgeriebenen Spätzle. Das Rezept dazu ist etwas mühsam: Langes Einlegen in eine Beize mit zahlreichen Ingredienzen. Und dann fügt er lachend hinzu: «Aber nicht in die Zeitung schreiben – ich bin auf dem besten Weg, meiner Frau Konkurrenz zu machen.»

Anzeige