Frauen als Vorstandsvorsitzende einer Börse sind rar. Weltweit gibt es derzeit lediglich drei. Noch seltener ist eine zu finden, die vor 23 Jahren als Mitglied jenes Expertenteams angeheuert wurde, um eine Börse aufzubauen und die dann in der Hierarchie im traditionell patriarchalischen Indien Schritt für Schritt nach oben geklettert ist bis zum Vorstandsvorsitz.

Genau das ist der Karriereweg der heute 52-jährigen Chitra Ramkrishna, der Chefin der National Stock Exchange of India (NSE) mit Sitz in Mumbai. Gemessen an der Zahl der ausgeführten Transaktionen ist die NSE weltweit die Nummer drei. In Indien ist die NSE mit einem Anteil von 82 Prozent Marktführer und lässt die Bombay Stock Exchange, die seit 140 Jahren besteht, weit hinter sich.

Der Erfolg hat System: Wenn immer die NSE etwas Neues aufbaut, bildet sie dafür ein Team: Devisenhandel, Bond-Futures oder ETFs sind bislang Ergebnisse dieser Vorgehensweise. Ein anderes Team beschäftigt sich derzeit mit Innoviationen im Anleihehandel, die über das 10-Jahres-Produkt hinausgehen.

Gandhi als Vorbild

«Die Unternehmenskultur zeichnet sich durch ein enormes Ausmass an Energie und Zuversicht aus, wie in einem Start-Up - und das wollen wir nicht verlieren», sagte Ramkrishna in einem Interview im April in Mumbai. «Im übrigen liegt die Aufmerksamkeit ganz besonders auf der Disziplin und auf den Prozessen, derer wir uns bedienen. Wir bemühen uns, aus beiden Ansätzen das Beste zu machen.»

Ramkrishna kommt aus einer Familie von Brahmanen, einer unter den Hindus privilegierten Kaste. Als Vorbild bezeichnet sie Mahatma Gandhi. Ihr Ziel ist es, der indischen Mittelklasse ETF-Anlagen nahezubringen. «Ich bin mir sicher, selbst er hätte meine EFTs gekauft», sagt die Börsenchefin.

Gewöhnliche Menschen sollen teilhaben

Ihre zeitgenössischen Landsleute dazu zu bewegen ist nicht einfach. Geschätzt 1,5 Prozent aller indischen Haushalte sind heute Aktienbesitzer, verglichen mit 10 Prozent in China, 13 Prozent in Deutschland und 18 Prozent in den USA. Immerhin haben inländische Anleger in den zwölf Monaten bis März 6,7 Milliarden Dollar in indische Aktienfonds investiert, darunter 42 ETFs der NSE. Der Leitindex CNX Nifty Index stieg im gleichen Zeitraum um 27 Prozent.

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«Mich treibt der Gedanke an, dass gewöhnliche Menschen in der Lage sein sollten, an den Vorzügen des Booms am Aktienmarkt in Indien teilzuhaben», sagte Ramkrishna, deren Vater und Grossvater Wirtschaftsprüfer waren.

«Sie war hier seit dem ersten Tag»

Den Posten der Vorstandsvorsitzenden hat sie seit April 2013 inne. Sie sei mit der Börse aufgewachsen, sagt S.B. Mathur, der Aufsichtsratsvorsitzende der Börse. «Sie kennt sich im operativen Geschäft bis in Einzelheiten aus, in der Technologie und im Umgang mit Risiken. Sie war hier seit dem ersten Tag.»

Ihre Karriere begann sie in der staatlichen Industrial Development Bank of India, (IDBI). Dort wurde sie 1992 mit vier weiteren Technokraten als einzige Frau ausgewählt, die erste landesweite Börse ins Leben zu rufen. Der Grund für ihre Ernennung lag darin, dass sie in den 1980er Jahren Erfahrung in Regulierungsangelegenheiten gesammelt hatte, als sie an den Vorarbeiten für eine Aufsichtsbehörde beteiligt war, aus der schliesslich die Börsenaufsicht Securities and Exchange Board of India hervorging.

Durchsetzung fairer Standards

NSE erreicht einen Marktanteil von 82 Prozent im Heimatmarkt, obwohl beim Konkurrenten BSE mit 5625 gelisteten Gesellschaften weltweit die grösste Zahl von Börsengesellschafen gehandelt wird. An der NSE sind 1733 Unternehmen gelistet, zeigen Daten von der World Federation of Exchanges.

Ihre nächste Aufgabe sieht Ramkrishna in der Durchsetzung fairer Standards in der Berichterstattung der gelisteten Unternehmen. Im November erteilte die Aufsicht den indischen Börsen mehr Befugnisse, striktere Offenlegungspflichten verbindlich einzufordern und die Transparenz zu verbessern. Die NSE hat im Vorjahr insgesamt Bussen in Höhe von 77,4 Millionen Rupien (1,1 Millionen Franken) verhängt, zeigen von Bloomberg ausgewertete Daten.

«Sie hat ihr klares Ziel vor Augen»

Ravi Narain, ihr Vorgänger als Börsenchef und mittlerweile stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender, sagt, die Managerin habe die Entschlossenheit und klare Vision, die nötig seien, damit die NSE weiter der führende indische Börsenplatz bleibe. «Sie hat ihr klares Ziel vor Augen, den bestmöglichen Marktplatz weltweit aufzubauen.»

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(bloomberg/tno)