Man stelle sich folgendes Szenario vor: Marcel Ospel wird für sein Missmanagement als ehemaliger Verwaltungsratspräsident der UBS rechtlich belangt und zu Schadenersatzzahlungen verknurrt. Was nun?

Zwar hat Oswald J. Grübel, der ehemalige CS-Chef, im Gespräch mit der «Handelszeitung» letzte Woche betont, es sei rechtlich undenkbar, von Ospel und Co. Boni zurückzufordern. Anders sieht es aber punkto Schadenersatzforderung aus: Kann den verantwortlichen Führungsorganen der UBS Pflichtverletzung nachgewiesen werden, können sie tatsächlich belangt werden.

Was die Rückerstattung von Boni anbelangt, könnte eventuell eine Reform des Aktienrechts eine Änderung mit sich bringen. Schadenersatzforderungen, zum Beispiel nach einem Konkurs, sind hingegen bereits heute Realität; gegen die Folgen von Haftpflichtansprüchen können sich diese so genannten Organpersonen mit Organhaftpflichtversicherungen schützen.

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«Einzigartige Versicherung»

Die Axa Winterthur hat nun eine im Schweizer Markt nach eigenen Angaben «einzigartige» und «umfassende» Versicherung lanciert, die sich der besonderen Risiken von Führungskräften in Unternehmen und Verwaltungsräten annimmt.

Die bisherigen Angebote habe man aus Grossbritannien und den USA übernommmen, daher seien sie nicht optimal an helvetisches Recht angepasst, heisst es bei der zur Axa-Gruppe gehörenden Allbranchenversicherung, die rund 4100 Mitarbeitende beschäftigt und im Jahr 2007 ein Geschäftsvolumen von 10 Mrd Fr. erzielte.

Wen möchte die Versicherung mit ihrem neuen «Rundum-schutz» unter dem selbstbewussten Namen «Premium» denn ansprechen? «Wir bieten einen umfassenden Schutz für Führungskräfte von Unternehmen jeder Grösse, die besonderen Haftungsrisiken ausgesetzt sind», heisst es bei Axa Winterthur. Angesprochen sind Verwaltungsräte, Stiftungsräte und Manager.

Wer den Geschäftsgang mitbestimme, könne für sein Handeln zur Rechenschaft gezogen werden, müsse sich im Haftpflichtfall stellen und brauche gegen die Folgen solcher Ansprüche einen Versicherungsschutz. «Wir sprechen hier diejenigen Organpersonen an, welche einen sehr sicheren Versicherungsschutz wünschen», erklärt Thierry Luterbacher, Leiter Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung bei der Axa Winterthur, auf Anfrage.

«Entspricht einem Bedürfnis»

Was ist denn neu am neuen Angebot und was verspricht sich Axa Winterthur davon? «Das neue Produkt ersetzt die bestehenden Organhaftpflichtversicherungen nicht, sondern versteht sich als zusätzliche Variante zu jetzigen Versicherungslösungen.»

Es sei in erster Linie die Kombination verschiedener Leistungen, die «Premium» einzigartig mache. Neu versichern sich nicht ganze Unternehmungen, sondern einzelne Führungspersonen, die auch die Versicherungssumme individuell für sich festlegen können. Versicherungsnehmer ist neu ein unabhängiger Dritter, der Organtreuhänder.

Diese Neuerungen unterscheiden sich laut Luterbacher von den bisherigen Lösungen, bei denen das Unternehmen Versicherungsnehmer sei und es im Schadenfall zu Interessenkonflikten kommen könne. Bestehe nämlich nur eine einzige Versicherungssumme für sämtliche Organpersonen, könne es vorkommen, dass diese Summe nicht für alle belangten Personen ausreiche.

Zudem beträgt die Versicherungsdauer neu nicht bloss ein Jahr, sondern drei Jahre. Weiter wird eine umfassende Vor- und Nachrisikodeckung gewährt. Der Versicherungsschutz der Nachdeckung zeigt sich darin, dass Ansprüche auch nach Beendigung der Versicherung gedeckt sind, und zwar bis zum Ablauf der gesetzlichen Verjährung der Haftpflichtansprüche.

Entspricht «Premium» einem Bedürfnis? «Ja, das tut sie», sagt Luterbacher. Man gehe davon aus, dass sich besonders exponierte Amtsträger in einer Unternehmung, wie etwa ein CEO, für diese zusätzlichen Deckungsvarianten interessieren würden.

Ein Verwaltungsrat gehe ein nicht zu unterschätzendes Risiko ein. Wenn jemand einmal Verwaltungsrat und dabei versichert gewesen sei, wünsche er auch dann noch Versicherungsschutz, wenn Jahre später aus dieser Tätigkeit ein Anspruch gestellt werden sollte. Mit der umfassenden Nachdeckung entspreche «Premium» diesem Bedürfnis vollumfänglich.

Das neue Angebot der Axa Winterthur wird in Branchenkreisen unterschiedlich beurteilt. «Dieser Versicherungsschutz für Manager und Verwaltungsräte ist innovativ, bedürfnisorientiert und einzigartig», erklärt eine Vertreterin der Schweizer Versicherungsbranche, die nicht genannt werden möchte.

Nachfrage steigt

«Die Organhaftpflichtversicherung führen wir bereits seit über zehn Jahren unter der Bezeichnung «Directors & Officers Liability Insurance (D&O)», sagt Sonja Giardini, Mediensprecherin von Zurich Schweiz. Per 2006 hat Zurich diese Versicherungslösung zudem noch spezifischer auf KMU ausgerichtet. Zurich versteht sich nach eigenen Angaben im Schweizer Markt als eine der führenden Anbieterinnen von D&O. In den letzten Wochen gab es laut Giardini vermehrt Anfragen von Gesellschaften und Managern.

Gerade auch bei kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) habe in den letzten Monaten das Bedürfnis zugenommen, sich gegen Organklagen zu versichern. Denn die Konkursfälle bei den KMU nehmen zu und mit ihnen die Klagen gegen die verantwortlichen Chefs, die, im Unterschied zu Grosskonzernen, immer häufiger mit Schadenersatzforderungen konfrontiert werden. Hat Axa Winterthur dieses aktuelle Bedürfnis erkannt und schliesst nun eine interne Angebotslücke?

«Nein», betont Luterbacher, «Premium» sei innert Jahren und lange vor der Finanzkrise entwickelt worden. Das zeitliche Zusammenfallen des neuen Produkts mit dieser Krise sei rein zufällig. Aber: «Wir stellen tatsächlich auch eine verstärkte Nachfrage nach solchen Versicherungen fest, allerdings nicht erst seit ein paar Monaten, sondern seit einem bis zwei Jahren.»

Marginal oder innovativ?

Diese grosse Nachfrage wird von anderen Branchenkennern allerdings relativiert: «Versicherungsschutz für Führungsorgane gibt es in der Schweiz seit Jahren, allerdings handelt es sich dabei um ein marginales Produkt, das immer wieder verschwindet und ebenso regelmässig thematisiert wird, wenn aktuelle Geschehnisse es scheinbar erfordern.»

Dies sagt ein Insider und erfahrener Vertreter der Versicherungsbranche, der auch ungenannt bleiben möchte, da die Thematik der Haftbarkeit von Führungsorganen «ein weites Feld eröffnet, das eher einem Sumpf gleicht denn einer grünen Wiese». Pikant: Die Versicherung, die der Insider vertritt, hat dieses besondere Angebot früher auch geführt, jedoch mangels Interesse auslaufen lassen.

Der Insider bezweifelt daher, dass in der Schweiz für das neue Produkt der Axa Winterthur ein Markt besteht, weil eben die Haftungsrichtlinien so gänzlich anders beschaffen sind als etwa in den USA. Er setzt Fragezeichen, ob «Premium» lukrativ sein werde.

Diese Zweifel will Thierry Luterbacher von der Axa Winterthur aus dem Weg räumen. Schliesslich habe die Axa Winterthur jahrzehntelange Erfahrung auf dem Gebiet der Vermögensschaden-Haftpflichtversicherung und über längere Zeit eindeutig eine wachsende Nachfrage festgestellt. «Man hat uns in Fachkreisen attestiert, dass dies im Bereich der Organhaftpflichtversicherungen die innovativste Lösung seit 25 Jahren ist.»