Wer Tom Peters in den kommenden Monaten sehen will, kann sich entweder auf den Weg nach Houston, Neu Delhi oder Dubai machen. Dort tritt der Management-guru, der mit seinem Buch «In Search of Excellence» weltweit bekannt geworden ist, demnächst auf. Aber man kann sich den teuren Flug und die 1500 Fr. Seminargebühr auch sparen ? und ins Internet gehen, gleich jetzt. Auftritte des Grossmeisters gibt es dort gratis, jederzeit von jedem Computer aus abrufbar, das Filme-Portal Youtube macht es möglich.

Die Clips sind höchstens 4 oder 6 Minuten lang, damit passen sie in jede Kaffepause. Das Angebot ist mehr als ein Spass: Jedes der digitalen Videos kommt auf weit mehr Zuschauer, als das Zürcher Kongresshaus Plätze hat. Den Innovationsfilm sahen 33000 Leute, Peters Ratschläge für effektive Managementsitzungen bereits 18000.

Vorbild aus Japan

Lernen im Kurzformat ist ein neuer, starker Trend. An vielen Orten im Business blühen derzeit die kleinen Formate. Kurz schlägt lang, schnell sticht langatmig, so scheint das neue Mantra für Seminare, Präsentationen und Weiterbildung zu lauten.

In Bern etwa haben sich vier Innovatorinnen von der Fachhochschule für Architektur, Holz und Bau zusammengetan. Die Veranstaltungen von Jeanette Beck, Céline Guibat, Ulrike Franklin-Habermalz und Regula Bulgheroni sind vor allem eines: Kurzweilig. Am 26. September ist es wieder so weit. 20 Präsentatoren werden im Kornhaus in Bern den Abend bestreiten. Sie alle stellen sich einer harten Regel: Pro Vortrag sind nur 20 Folien zugelassen. Jede davon darf höchsten 20 Sekunden gezeigt werden.

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«Das gibt eine ungeheure Dynamik», sagt Jeanette Beck. Bei einem Vortrag an ihrer FH vor vier Jahren hatte sie das neue Format kennen gelernt. Es stammt aus Japan, heisst dort Pecha Kucha (Aussprache: petscha-kutscha) und wurde von den Architekten Astrid Klein und Mark Dytham entwickelt. Seit der ersten Veranstaltung im Jahr 2003 bei einem Designforum in Tokio hat es seinen Siegeszug um die Welt angetreten ? die sogenannten Pecha-Kucha-Nights gab es schon in über 80 Städten der Welt, neben Bern kamen auch in Zürich, Berlin, Wien und Paris die Freunde des Kurzformats zusammen.

Auch Casey Kelbaugh gehört zu den Anhängern des kurzen Vortrages, der Amerikaner begründete sein eigenes Format: Zu den sogenannten Slideluck Potshows kommen heute 800 bis 1200 Menschen, die jüngsten der New Yorker Anlässe mussten wegen Überfüllung geschlossen werden. Die Potshows sind ein enger Verwandter von Pecha Kucha ? nur dass hier die Zeit für den Vortrag sogar noch strikter begrenzt ist, nämlich auf 5 Minuten.

Zwar sind Potshow und Pecha Kucha in erster Line in der Kunst-, Design- und Architekten-Szene verbreitet. Doch was dort passiert, hat oft Signalwirkung für den Rest der Gesellschaft. Bei der Credit Suisse zum Beispiel ist das Signal schon angekommen. «Learning Nuggets», so nennt Markus Simon, Leiter des Virtual Campus der CS Business School, das, was wissenshungrigen Mitarbeitenden heute serviert wird ? Häppchen für das schnelle Lernen, überall und jederzeit. Ganze 6 Minuten lang war ein Lehrfilm, der die CS-Mitarbeiter weltweit über die globale Bankenkrise aufklärte.

«Wir haben zwei Experten aus der volkswirtschaftlichen Abteilung vor laufender Kamera befragt. Dann wurde das Material zusammengeschnitten», erklärt Simon das Vorgehen bei der Erstellung des Videos. Der Erfolg liess nicht lange auf sich warten: 5700-mal wurde der Kurzfilm heruntergeladen, und das innerhalb von nur zehn Tagen. Ein Vortrag oder ein Seminar hätte in so kurzer Zeit nicht einmal einen Bruchteil dieser Reichweite. Das Subprime-Lehrmaterial ist nicht das einzige Angebot. Die 50000-Mitarbeiter-Bank hat inzwischen einen kleinen, firmeninternen Bruder zum Videoportal Youtube geschaffen. Dessen Arbeitstitel zeigt die Verwandtschaft: CS-tube. Hier können Mitarbeiter sich auch zu anderen Themen informieren, etwa gibt es Kurzfilme über «Wie führe ich ein wirksames Mitarbeitergespräch?» oder «Was bei einem Einstellungs-Interview zu beachten ist». Leider sind die CS-Videos ausschliesslich für internen Gebrauch bestimmt, da sie «sensitive Aspekte enthalten».

Just-in-time-Wissen

Diese Angebote entsprechen dem Zeitgeist: «Mitarbeiter wollen direkt am Arbeitsplatz lernen», beschreibt Simon den Bedarf. Oft müsse neues Wissen sehr rasch nach dem Just-in-time-Prinzip an die Mitarbeiter weltweit verbreitet werden. Die kurze, digitale Lerneinheit könne hier weit mehr leisten als eine Rundmail oder ein konventionelles Training.

Fritz Haselbeck bestätigt den Trend. «Die Führungskräfte haben immer weniger Zeit. Sie wollen kürzere Lerneinheiten», sagt der VR-Präsident der ZfU Business School, Thalwil, die seit 30 Jahren am Markt besteht. «Wir führen heute weit mehr kürzere Veranstaltungen durch als früher», sagt Haselbeck.

Kurz, das heisst im Falle ZfU zum Beispiel, dass Abendanlässe angeboten werden, die ein bestimmtes Führungsthema anreissen. Allerdings ist der Weiterbildungs-Veteran skeptisch gegenüber den Ultrakurz-Formaten: «Lernen braucht Zeit. In 5 Minuten kann man allenfalls einen Aha-Effekt herüberbringen», sagt er im Einklang mit dem Trainingsprofi Harry Holzheu (siehe «Nachgefragt»).

Bei der Credit Suisse teilt man diese Einsicht durchaus: Wer nach einem 6-Minuten-Lehrfilm mehr wissen will, kann sich zu vertiefendem Material weiterklicken. «Längere Videos, Texte zum Lesen und E-Learning-Angebote» liefern die Substanz, die hinter den Appetithappen steht.


nachgefragt

«Neue Formate verdrängen die längeren nicht»
Harry Holzheu, Kommunikationstrainer, Zürich, der schon manche Trends kommen und gehen gesehen hat.

Was steckt hinter dem Trend zu immer kürzeren Präsentationen und Trainings?

Harry Holzheu: Man will immer mehr in immer kürzerer Zeit erreichen. Besonders Führungskräfte stehen unter dem Druck, ständig produktiv sein zu müssen.

Die neuen Formate für Präsentationen beschränken jeden Redner auf 5 bis 6 Minuten. Kann man damit etwas erreichen?

Holzheu: Diese Formate verdrängen keine längeren, sondern sie sind etwas Neues. Sie eignen sich sehr gut für die Erst-Information, einen Überblick, die Zuhörer können die drei wichtigsten Leitgedanken eines Themas erfassen. In 5 Minuten kann man etwas anticken, Interesse wecken ...

... und wo sehen Sie die Grenzen?

Holzheu: Ein Videoclip im typischen Youtube-Format oder ein 5-Minuten-Vortrag ersetzt keine längere, freie Rede mit starker Rhetorik. Hier soll ja eine Verhaltensänderung bei den Zuhörenden erreicht werden. Richtige Trainings müssen deshalb tiefer gehen und umfassender sein als ein Clip.

Wo sind Formate nach dem Vorbild der Slideluck Potshow eine Bereicherung?

Holzheu: Sie können definitiv die Meetingkultur verbessern. Heute leiden doch viele Mitarbeiter unter langweiligen Präsentationen. Das könnten die 5-Minuten-Formate in der Tat ändern. Vielen eher auf Information gerichteten Präsentationen schadet es nicht, wenn man sie auf das Wesentliche eindampft.


Links
Pecha Kucha Schweiz mit Terminplan für die nächsten Events:

Verzeichnis der Pecha-Kucha-Events weltweit:

Tom-Peters-Seminare als Video auf Youtube:
Thema
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Slideluckpotshow: