1. Sie treten am Swiss Leadership Forum auf. Das Motto lautet «Sparen und Wachsen». Ein Widerspruch in sich, den Unternehmen unmöglich umsetzen können – oder die Kür für Chefs?
Mit der Begriffskombination «Sparen und Wachsen» lassen sich ganze Vorlesungsreihen der Wirtschaftswissenschaften füllen, vom Keynesianismus bis hin zur Voodoo-Ökonomie. Tatsache ist: Der haushälterische Umgang mit den begrenzten Mitteln und nachhaltiges Wachstum sind untrennbar miteinander verbunden. Am Beispiel Mobilität sehen wir, dass wir uns das enorm gewachsene Angebot von heute schon lange nicht mehr leisten könnten, würde es auf die gleiche Art und Weise wie vor 20, 50 oder 100 Jahren produziert. Heute produzieren wir einen Eisenbahnkilometer deutlich günstiger als damals. Aber klar, wenn wir das Angebot um 40 Prozent ausweiten, wie das in den letzten 15 Jahren der Fall war, braucht es auch mehr Mittel – obwohl diese effizienter eingesetzt werden. Als Anbieterin von Mobilitätsdienstleistungen investieren wir derzeit vor allem dort, wo unsere Kundinnen und Kunden einen direkten Nutzen daraus ziehen können.

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2. Kann man unter der strategischen Prämisse «Sparen und Wachsen» eine Organisation und ihre Mitarbeiter in eine rosige Zukunft führen?
Ja, wenn man nicht primär davon ausgeht, dass Sparen an sich schon das Erfolgsrezept darstellt. Denn «more of the same» wird nach unzähligen Sparrunden nicht mehr zum Erfolg führen. Was es braucht, sind neue Wege, um erfolgreich produzieren zu können. Nur damit lassen sich dann die Erfolge erzielen, welche Mitarbeitenden sowie Konsumenten neue Chancen bieten und allen Vorteile bringen. Allerdings wäre es falsch, beim Kundenservice zu sparen. Bei der Sicherheit ist das bei uns ohnehin ein Tabu, das wir nie brechen werden.

3. In den letzten fünf Jahren jagt eine Krise die nächste ... Haben Sie Ihren Führungsstil den ungünstigen Umständen anpassen müssen?
Ich bin überzeugt, dass sich mein Führungsstil in vielen Jahren Leadership verändert hat. Dafür ist aber nicht eine Krise ausschlaggebend. Während Krisen lernt man vor allem, auch unter Stress seine Werte nicht zu verletzen. Was einen weiterbringt, ist die Führungserfahrung, die man nicht aus Büchern oder in Kursen lernt.

4. Wie bilden Sie sich weiter, um aktuellen Herausforderungen gewachsen zu sein?
Das Thema ist lebenslanges Lernen. Das heisst nicht, möglichst viele Tagungen, Kongresse oder Weiterbildungskurse zu besuchen. Es bedeutet für mich vielmehr: Lernen durch Interesse und Neugierde im täglichen Gespräch mit Familie und Freunden, Arbeitskolleginnen und Arbeitskollegen sowie Kundinnen und Kunden. Immer wieder über den Tellerrand zu blicken hilft, nicht dem Irrglauben zu verfallen, dass der Leader an der Spitze eigentlich allwissend zu sein hat.

5. Es gibt Leader, die regelmässig betonen, dass man vor der Konkurrenz aufstehen und nach ihr ins Bett gehen muss, um erfolgreich zu sein. Sinn oder Unsinn?
Wer immer noch davon ausgeht, dass am erfolgreichsten ist, wer am längsten arbeitet, ist auf der falschen Schiene. Ich meine: Nicht die Dauer an sich, sondern vor allem die Intensität des Engagements ist ausschlaggebend. Das wissen nicht nur Sportlerinnen und Sportler sehr genau, sondern auch Leader, die sich bei der Suche nach der rettenden Idee die Nächte um die Ohren geschlagen haben und dann total banal während des Zähneputzens den rettenden Einfall hatten.

6. Gesundheitsförderung ist für Angestellte heute selbstverständlich, aber für Kaderleute ist dies kaum ein Thema. Wer sorgt sich um Ihr Wohlergehen?
Persönlich fühlte ich mich nie wirklich einsam an der Spitze. Aber es spielt schon eine Rolle, wie ich im Beruf die Balance zwischen hoher Belastung und eigener Gesundheit halten kann. Ich setze mich diesbezüglich selber nicht unter Druck und verbinde physisches Training immer mit viel Spass, was nicht nur meiner Kondition, sondern auch meiner psychischen Ausgeglichenheit gut bekommt.

Teil 1: Jean-Claude Biver, Verwaltungsratspräsident, Hublot, Nyon (seit 2012, in der Firma seit 2004)
Teil 3: Serge Gaillard, Direktor, Finanzverwaltung EFV, Bern(seit Oktober 2012)
Teil 4: Barbara Kux, Vorstandsmitglied, Siemens, München (von November 2008 bis November 2013)