S tatt Vorschusslorbeeren abschätzige Begleittöne und sogar Häme: Die Wahl von Stefan Meierhans zum neuen Preisüberwacher wurde von den Medien nicht gerade begeistert aufgenommen. Gewisse Kritiker sprachen von einem Leichtgewicht, dem sie das notwendige Durchsetzungsvermögen absprachen. Sie hätten lieber einen erfahrenen Wettbewerbsrechtler auf dem Posten gesehen. Zudem war von CVP-Politfilz die Rede. Denn Meierhans ist mit Béatrice Wertli verheiratet, vormals Sprecherin von CVP-Präsidentin Doris Leuthard und heute Kommunikationschefin des Bundesamtes für Sport. «Die Reaktionen haben mich nicht überrascht, denn der Preisüberwacher wird als öffentliche Person über seine eigentliche Arbeit hinaus genau beobachtet», meint Meierhans rückblickend.

Eine Flut von Beschwerden

Kaum ein Kritiker nahm sich die Mühe und klärte ab, ob der Gewählte nicht schlicht und einfach jener Bewerber war, dessen Dossier dem Anforderungsprofil am besten entsprach. Immerhin konnte er mehrjährige Erfahrungen im Staatsdienst und in führender Position in der Privatwirtschaft sowie eine Dissertation über Nordisches Kaufrecht, die er im schwedischen Uppsala schrieb, in die Waagschale werfen.

Meierhans liess sich jedenfalls nicht beirren. Mit der notwendigen Dickhäutigkeit machte er sich bei seinem Amtsantritt im Oktober 2008 an seine Arbeit. Ende Januar trat er erstmals vor die Öffentlichkeit: Fundiert, unverkrampft und auch ein wenig unkonventionell. «Der Preisüberwacher lässt bloggen», lauteten die Schlagzeilen in den Medien. Dieses Bloggen mag in einigen Ohren nach einem Gag geklungen haben. Es handelt sich aber nicht um die Spielerei eines Chefbeamten, sondern um einen einfachen Weg, um mit der Bevölkerung in Dialog zu treten. «Jede mit vollständigem Namen und Adresse gezeichnete elektronische Mitteilung ist nämlich eine offizielle Beschwerde, die wir entsprechend abklären müssen», sagt Meierhans in seinem mit einem grossen Sofa gemütlich eingerichteten Büro an der Effingerstrasse in Bern.

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250 Mails in der ersten Woche

250 elektronische Meldungen sind allein in der ersten Woche nach der Lancierung des Blogs eingegangen. Das sind viermal mehr Preisbeschwerden als im langjährigen Durchschnitt. Jede Bürgermeldung wird sorgfältig abgeklärt und beantwortet. Das bedeutet ein bis zwei Stunden Aufwand. Das 15-köpfige Team des Preisüberwachers ist gefordert.

Meierhans kommt eben von einer Sitzung, an der die Bearbeitung der Bürger-Mails Thema war. «Wir müssen wohl mit Überstunden rechnen», meint er nüchtern. Dabei streicht er sich die frechen Stirnfransen zurück. Die modische Frisur entspricht nicht dem traditionellen Bild eines braven Chefbeamten, sondern lässt eher an einen DJ denken. Auch das hat schon für Diskussionsstoff gesorgt.

Zurück zur Preisüberwachung, bei der Meierhans schnell einmal auch an seinem Vorgänger gemessen werden wird. Rudolf Strahm hat mit seinem erklärten Kampf gegen die Hochpreisinsel Schweiz die Latte ziemlich hoch angelegt.

Die Themen des Nachfolgers sind zu grossen Teilen dieselben. In seinem Fokus stehen vor allem die Monopole der öffentlichen Anbieter von Infrastrukturen und Dienstleistungen: Wasser und Abwasser, Abfall, Strom, Schienenverkehr, Gesundheitswesen und Medikamentenpreise. Gewisse Beschwerden, die an ihn herangetragen werden, gibt er an die Wettbewerbskommission weiter. In seinem Blog sieht er eine Möglichkeit, zusätzlich den Konsumenten aufzuzeigen, wie sie mit überlegten Kaufentscheiden den Wettbewerb besser nutzen können. «Es ist eine spannende Aufgabe», sagt er, «sie gewährt mir Einblick in die ganze Fülle des Lebens.» Hinter jeder Beschwerde stecke letztlich eine Geschichte, manchmal sogar ein halber Roman.

Trotzdem bleibt für literarische Fantasien kaum Zeit. Meierhans agiert leistungsorientiert, wie er sich das aus der Privatwirtschaft gewohnt ist. «Wir wollen in Franken messen, wie viel die Konsumenten durch unsere Arbeit einsparen können», sagt er. Auch in dieser Hinsicht hat Strahm einen Richtwert gesetzt, bei Einsparungen an der Preisfront in der Höhe von rund 290 Mio Fr. im Jahr 2007. «Dieser Wert kann als Richtwert dienen, obwohl natürlich nicht alles allein von uns abhängt», sagt Meierhans. Er hat mit dem Vorschlag, die Inkassofirma Billag abzuschaffen, bereits Zähne gezeigt.

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Die Rahmenbedingungen sind zwar klar definiert. Doch Spielraum gibt es immer. Zum Beispiel duzen sich nun sämtliche Mitarbeiter in den Büros an der Effingerstrasse. Meierhans hat bei seinem vorherigen Arbeitgeber Microsoft nichts anderes gekannt. «Wir brauchen weder Titel noch überflüssige Formalitäten», sagt er. Unkompliziert soll es also zugehen, und Unstimmigkeiten werden sofort ausdiskutiert.

Von seinen Mitarbeitern erwartet er, dass sie zielorientiert operieren und die Dinge rasch auf den Punkt bringen. «Nach Möglichkeit streben wir einvernehmliche Regelungen an. Denn eine Verfügung kann durch Rekurse zur unendlichen Geschichte werden», betont er. Verhandlungsgeschick ist also gefragt, wie er es bei Microsoft als Lead Corporate Affairs and Citizenship und im Generalsekretariat des EJPD gelernt hat.

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Schnäppchenjäger? Jein!

Seit Meierhans seine neue Aufgabe übernommen hat, vergleicht er auch als Konsument die Preise aufmerksamer. Er sucht verschiedene Läden auf, besucht auf Auslandreisen Supermärkte, achtet auf Qualität und Preise. Ein Schnäppchenjäger gar? «Jein, aber ich schaue schon.» Ein Einkaufstourist? «Es kommt vor, dass ich, wenn ich meine Eltern in Altstätten SG besuche, über die Grenze fahre, aber nicht wirklich des Einkaufens wegen.»

Als im St. Galler Rheintal in Zollnähe zu Österreich Aufgewachsener, räumt er ein, habe er früh ein Bewusstsein für Märkte und Preise entwickelt. «Wir haben schon als Kinder mitbekommen, dass Butter jenseits und Benzin diesseits der Grenze billiger waren, und uns darüber gewundert.»

Sein Vater sei Finanzchef einer Fensterfabrik gewesen, und so hätten auch Zahlen in der Familie stets eine Rolle gespielt. Ansonsten, stellt Meierhans klar, deutete in seinen Jugendjahren nichts darauf hin, dass er einmal Preisüberwacher werden würde. Vielmehr zog es ihn nach der Matura zuerst zum Journalismus. Er arbeitete für eine Regionalzeitung, bevor er das Studium der Rechtswissenschaften in Basel aufnahm. Dass er früh auch Norwegisch lernte, brachte ihm ein Stipendium für ein Auslandsemester in Oslo ein.

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Nun ist der 40-jährige Meierhans ein junger Preisüberwacher, vermutlich zu jung, um bis zur Pensionierung im Amt zu bleiben. Seine Vorgänger hatten jeweils eine politische Karriere vor oder bereits hinter sich. Geht auch bei ihm der nächste Schritt in Richtung Politik? «Ich bin ein politischer Mensch», sagt er, «aber auch ein wirtschaftlicher.» Im Moment ständen aber politische Ambitionen nicht zur Diskussion. Immerhin hat er schon einmal für den Berner Stadtrat kandidiert - erfolglos.

Kürzlich in dieses Gremium gewählt worden ist hingegen seine Frau, die nicht nur politisch, sondern auch sportlich schneller ist. «Beim Laufen habe ich jedenfalls gegen sie keine Chance», sagt Meierhans, der sich als Hobbyläufer bezeichnet. Niederlagen im Sport trägt er mit Fassung. Ein Preisüberwacher rennt schliesslich - wenn er privat abschalten will - nicht um Preise, sondern er will ganz einfach nur entspannen und geniessen.

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