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Jobsuche per Facebook: Wie LinkedIn unter Druck gerät

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Jobsuche per Facebook: Könnte bald Realität werden. Brigitta Garcia LopezQuelle: Brigitta Garcia Lopez

Es ist ein Frontalangriff auf etablierte Karriereportale wie LinkedIn: Facebook experimentiert mit einer Lebenslauffunktion für die Berufswelt.

Von Stefan Mair
2017-11-03

Bis jetzt werden Privatleben und Beruf in den sozialen Netzwerken sorgfältig getrennt. Während die meisten auf Linkedin, Xing und Co. eine brave Ver­sion des eigenen Ichs präsentieren, liegt die Hemmschwelle bei Facebook niedriger und es wird wild kommentiert und geliked, als gäbe es kein Morgen. Dieser Graben zwischen privater und professioneller Selbstpräsentation ist ­eigentlich wenig effizient. Der Nutzer muss den Browser wechseln und doppelten, wenn nicht dreifachen Aufwand für die verschiedenen Plattformen investieren.

Aber auch für die sozialen Netzwerke ist dieser Dualismus ein Problem. Facebook will auf keinen Fall zum reinen Freizeit- und After-Work-Portal verkommen. Karriereportale wie Linkedin tun alles, um nicht öde, sondern zugänglich zu wirken. Vor wenigen Tagen bestätigte Facebook, dass es sogar mit einer beruflichen Lebenslauffunktion experimentiert. Nutzer sollen genauso wie bei Linkedin ihre «Work-History» aufschalten können, die getrennt vom bisherigen Profil für Recruiter abrufbar sein wird.

Recruiter hoffen auf junge Kandidaten

Mit diesem Test geht der Kalte Krieg zwischen den sozialen Netzwerken in eine neue Runde, bei dem beide Seiten versuchen, so wie die andere zu werden. Mit ungewissem Ausgang für die Kontrahenten, aber auch für normale User, Recruiter und Firmen, die sich im Clash der Portale orientieren müssen.  «Facebook wurde bekannt als Freizeitnetzwerk und wird von vielen immer noch so genutzt», sagt der Thuner Social-­Media-Experte Jürg Kobel. «Mit den Facebook-Seiten, also den Auftritten für Unternehmen, und dem Workplace-Projekt, ­einem Kollaborationstool für Mitarbeiter, werden gezielt Firmen und Unternehmen angesprochen. Facebook hat auch dank den Werbeanzeigen eine starke Funktion im Business-Bereich. So gesehen hat die Lebenslauffunktion Potenzial.»

Bereits heute können Firmen in den USA und Kanada Jobangebote direkt bei Facebook einstellen und Nutzer sich direkt bewerben, ohne dass sie die Seite verlassen müssen – eine Horrorvorstellung für Linkedin und Co. «Die Anpassung der Portale findet von beiden Seiten statt», erläutert Manuel P. Nappo, Digitalexperte und Lehrgangsleiter an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich. «Linkedin hat sich bereits extrem verändert und hat mehr weichen Content und weniger berufsbezogene Inhalte auf der Seite. Es gibt inzwischen ja auch den Like-Button auf Linkedin», so Nappo. Das ­begünstige Inhalte, die auf einer reinen Karriereseite eigentlich nichts zu suchen hätten.

Adecco ist offen für Facebook

Zudem öffnet Linkedin seine Seite immer stärker für Videoinhalte. Künftig sollen alle Nutzer Kurzvideos über sich hochladen können, genauso wie beispielsweise Coachs ihre Dienstleistungen anpreisen können. Linkedin-CEO Jeff Weiner deutete Ende Oktober zudem an, dass Linkedin selbst Videoinhalte produzieren oder ­Videoinhalte zukaufen könnte. Auch im Bereich Werbung wird Linkedin Facebook immer ähnlicher. Die Werbeplattform ­Audience Network, die vor kurzem star­tete, ermöglicht personalisiertere Ausspielungen von Anzeigen.

Während sich die Plattformen nicht mehr unterscheiden wollen, müssen sich auch Recruiter bezüglich der immer ­hybrideren Player positionieren. Gilt ein Facebook-Lebenslauf künftig also gleich viel wie ein Linkedin-Profil? Kann man es sich vielleicht sogar leisten, nur mehr auf eines der beiden Portale zu setzen? Annalisa Job vom weltweit grössten Personaldienstleister Adecco hätte keinerlei Probleme damit, Facebook bei Rekrutierungen stärker zu berücksichtigen. «Wir beobachten diesen Test der Lebenslauffunktion bei Facebook mit Spannung», sagt sie. «Die auf Facebook präsente Zielgruppe unterscheidet sich nämlich von der Linkedin-Population.»

Skeptische Karriereberater

Bereits heute würde Adecco digitale Kanäle und Social Media intensiv zur Rekrutierung von ­Personal nutzen – bisher vor allem auf Linked­in. Das Problem: Gerade 13 Prozent der Millennials (15 bis 34 Jahre) nutzen Linkedin. Das Durchschnittsalter liegt in manchen Ländern bei über 40 Jahren. «Die Erweiterung durch die Lebenslauffunktion könnte eine Bereicherung sein und eine Möglichkeit für Personen, sich zu präsentieren und Visibilität zu gewinnen.» André Schläppi, CEO von Grass & Partner, einer der renommiertesten Agenturen für Outplacement und Karriereberatung in der Schweiz, hingegen zweifelt daran, dass sich die Facebook-Funktion bewähren wird. «Wer einen neuen Job sucht oder die Karriereleiter hochsteigen möchte, der wird sein Profil nach wie vor auf Linkedin hinterlegen», so Schläppi.

Für Arbeitnehmer, die sich auf den Plattformen möglichst karrierefördernd präsentieren wollen, ist das Duopol auf dem Karrieremarkt verwirrend. Vor allem, wenn sich Linkedin als Big-Corporate-Software mit Anbindung an die jeweiligen HR-Abteilungen etabliert – und Facebook als Jahrmarkt für Jobs aller Art, aber auch mit höheren Chancen gesehen zu werden.

Gegenoffensive von LinkedIn

Damit Facebook Linkedin bei den Business-Anwendungen nicht einholt, versucht sich das Netzwerk immer tiefer in die Firmen selbst einzugraben. Mit Weiterbildungsangeboten wie Lynda, in die das Weiterbildungsprogramm einer Firma outgesourced werden könnte, bis zur ­Verknüpfung mit den Produkten von ­Microsoft wie Office und dem Mailprogramm Outlook stehen die Chancen, sich weiter zu behaupten, nicht schlecht.

Der Digitalberater Thomas Hutter aus Balterswil glaubt nicht, dass sich Linkedin fürchten sollte. «Weil Microsoft das Unternehmen gekauft hat, dürfte Linkedin früher oder später so oder so eine Anbindung an Microsoft Dynamics, die Unternehmensanwendungen von Microsoft für Firmen, bekommen.» Aber auch Facebook könne problemlos so eingestellt werden, dass die Plattform privat wie auch geschäftlich genutzt werden kann. «Viele Menschen sehen zwischen beruflich und privat auch nicht mehr eine klare Unterscheidung», so Hutter. Dass es gar nicht so einfach ist, den Job­aspekt bei Facebook für sich zu nutzen, musste auch ein Startup der ETH Zürich erleben. Slip, ein Unternehmen, das eine Jobsuchfunktion in Facebook implementieren wollte, hat sich nie durchgesetzt. Solange Facebook seine Oberfläche nicht auf das Karrierethema ausrichtet, ist jeder Versuch zum Scheitern verurteilt. Mit den neuen Tools, die von Facebook selbst kommen, scheint sich das zu ändern.

Gescheiterte Experimente

Die Angleichung und Experimentierlust bei den Portalen geht indes munter weiter. So hat sich Linkedin erst kürzlich eine Filterfunktion, die von Snapchat inspiriert ist, gegönnt: Nutzer können Kurz­videos mit grafischen Elementen aufpeppen. Die Business-Konferenz soll zum hippen Happening werden – zumindest in der Aussendarstellung auf Linkedin. Die Angleichung von Funktionen gilt übrigens auch für Portale ausserhalb der Karrierewelt. Auch Snapchat etwa hat beispielsweise seine Context Cards, also nähere ­Informationen zu Orten, an denen sich User befinden und etwas posten, vom Empfehlungsportal Yelp kopiert.

So manches vielversprechende Experiment hingegen erleidet dann auch Schiffbruch, wie die Linkedin-Funktion FutureMe. Mithilfe des Tools sollte ein Nutzer auf dem Karriereportal seinen zukünftigen Karriereverlauf sehen können. Künstliche Intelligenz vergleicht ähnliche Profile und deren Jobwechsel, Aufstiegschancen und Verweildauer in Jobs und sollte die Laufbahn von Nutzern in aller Welt vorzeichnen. Das Problem: Das Künstliche-Intelligenz-Programm funktionierte im Linked­in-internen Testlauf mehr schlecht als recht. Sogar die eigenen Mitarbeiter fanden die Prognosen zu weit hergeholt oder absurd, wie aus der Firma zu hören ist. Der Blick in die Karriere-Glaskugel wurde erst mal ausgesetzt.

 

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