Der scheidende Novartis-Verwaltungsratspräsident Daniel Vasella bekommt für seinen Verzicht auf die 72 Millionen Franken kaum Applaus. Selbst jene, welche die Kehrtwende begrüssen, sagen, der Schaden sei bereits angerichtet.

Thomas Minder etwa, Urheber der Abzocker-Initiative, setzt höchstens ein Fragezeichen. «Man kann nicht auf etwas verzichten, das einem nicht zusteht», sagt er. Er verneige sich hingegen «vor der Empörung im Volk». Es sei nichts Neues, dass Manager plötzlich zurückkrebsten, wenn Druck aufkomme, sagt er weiter. Die Millionenzahlung, die der scheidende Novartis-Präsident für ein Konkurrenzverbot bekommen sollte, stand übers vergangene Wochenende in den Medien besonders im Fokus. Am 3. März wird über die Abzocker-Initiative abgestimmt.

Als die Bedingung für das Konkurrenzverbot - jährlich 12 Millionen Franken während sechs Jahren - am Freitag publik wurde, folgte ein Sturm der Entrüstung aus Politik und Wirtschaft. Der Wirtschaftsdachverband economiesuisse etwa, der sich mit einer millionenschweren Kampagne für eine Ablehnung der Initiative einsetzt, sieht sich zurückversetzt. «Ein sofortiger Verzicht wäre von Vorteil gewesen», sagte Economiesuisse-Direktor Pascal Gentinetta. Dennoch begrüsst economiesuisse nun den Entscheid.

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Strafanzeige bleibt

Der Zürcher Anwalt und Aktionärsvertreter Hans-Jacob Heitz reichte nach Bekanntwerden der Millionenzahlung sogar Strafanzeige gegen Novartis ein, den Vergütungsausschuss des Verwaltungsrates und Vasella selbst. Heitz zeigt sich in einer ersten Stellungnahme nun zwar erfreut über den Verzicht des Pharmamanagers. Es habe sich gelohnt, Druck aufzubauen. «Die Sache ist aber noch nicht erledigt, dazu ist sie zu gravierend», sagte er.

Auch die Aktionärsvereinigung Actares hält an ihrem Aufruf, an der Novartis-Generalversammlung die Décharge zu verweigern, fest. «Wir bleiben bei unserer Position, denn die Art und Weise, wie der Verwaltungsrat das Thema vorbereitet hat, ist ein Problem», sagte Actares-Geschäftsführer Roby Tschopp. Die Anlegerstiftung Ethos hingegen erkennt bei Novartis Bemühungen, Transparenz zu schaffen. «Der Verwaltungsrat übernimmt seine Verantwortung, was er bisher nicht getan hat», sagte Ethos-Sprecher Christophe Hans.

Bisher hatte Ethos die Verweigerung der Décharge empfohlen, nun soll aber zugestimmt werden. «Der Scherbenhaufen ist aber angerichtet: Das Image und das Ansehen von Novartis sind weltweit angeschlagen», so Actares-Präsident Rudolf Meyer.

SP spekuliert über Economiesuisse

Die Lohnbezüge von Daniel Vasella sorgten jahrelang für Diskussionen und erhitzten die Gemüter. Dass er nun auf eine Abgangsentschädigung verzichtet, ändert für die BDP nichts an der Tatsache, dass der Verwaltungsrat praktisch im Alleingang über die Entschädigung für das Konkurrenzverbot entschieden habe. Auch für die FDP zeigt der Fall höchstens das Versagen des heutigen Systems. Es müsse darum gehen, künftige Vasellas zu verhindern. Für die Grünen ist immerhin eine gewisse Einsicht eingekehrt.

Die SP geht allerdings davon aus, dass Economiesuisse Druck gemacht hat. Die CVP hingegen ist vom Gegenteil überzeugt. Vasella habe reagiert aus Selbstkritik, sagte Präsident Christophe Darbellay. SVP-Präsident Toni Brunner wollte Vasellas Entscheid nicht kommentieren.

Vasella gilt als Architekt von Novartis. 1996 rückte er nach der Fusion von Sandoz und Ciba-Geigy an die Konzernspitze und übernahm 1999 auch das Amt des Präsidenten. Sein Gehalt stieg entsprechend und erreichte nach Schätzung der Aktionärsvereinigung Ethos einschliesslich Optionen und Aktien in Spitzenzeiten 40 Millionen Franken pro Jahr.

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(tno/muv/awp)