In einem kleinen Raum in der Basler Gerbergasse steht Thomas von seinem Stuhl auf, hält einen Apfel in die Luft und sagt enthusiastisch: «Dieser Apfel wird 100 Prozent besser schmecken als ein Apfel der Konkurrenz!» Sein Englisch klingt locker, natürlich und sicher, als hätte er schon eine Menge Präsentationen gehalten. Er setzt sich wieder. Neben ihm steht Niels auf, zeigt seinen Apfel: «Haben Sie nicht Lust, mal abzubeissen? Sieht er nicht fabelhaft aus?» Danielle, die Lehrerin, freut sich, dass er sein Verkaufsgespräch schon mit einer rhetorischen Frage beginnt.

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Ausser Niels und Thomas nehmen noch Aya, Uto und Haruki an dem «Junior Leadership Camp» teil, das im August erstmals in Basel stattfand. Sie sind für zwei Wochen in Basel extra aus Tokio eingeflogen. Hier sollen sie lernen, ihre «Führungspersönlichkeit zu entwickeln» und ihre Karriere vorzubereiten.

Man könnte sich die zierliche Teilnehmerin Aya aber auch gut mit einem Springseil und Freundinnen auf einem Schulhof vorstellen. Wenn Lehrerin Danielle aber fragt, was ihr heute bis jetzt am besten gefallen hat, erklärt sie mit britischem Akzent: «Das Eisbergmodell der kulturellen Unterschiede.» Haruki hingegen findet die «Entwicklung und Dynamik der Gruppe» spannend.

Für die teilnehmenden Kinder, die meisten zwischen 10 und 15, begann der Tag heute um acht. Bis zum Mittagessen stehen Zeitmanagement nach der ABC-Analyse, die Eisenhower-Matrix zur Strukturierung von Arbeitsprozessen und die Anwendung von rhetorischen Tricks bei Präsentationen auf dem Stundenplan. Danach folgt eine Führung im Flughafen Mulhouse/Basel und von fünf bis sechs eine Frage-Antwort-Stunde mit der Financial-Controllerin von Novartis. Solche Managerbesuche sollen den Praxisbezug sicherstellen. Ab acht gibt es noch ein Entertainment-Programm, Ergebnisse werden präsentiert oder ein Film geschaut. Um halb elf ist Schlafenszeit. Bevor die Jugendlichen aus dem Junior Leadership Camp zur Besichtigungstour zum Flughafen fahren, picknicken sie mit den Jugendlichen aus dem Junior Leadership Camp für Fortgeschrittene auf einem kleinen Platz vor dem Basler Münster mit Blick auf den Rhein.

In diesen Pause bieten die Kinder eine eigenartige Mischung aus intellektueller Frühreife, pubertärer Überdrehtheit und Kindlichkeit: Die Buben aus dem Junior Leadership Camp 2 werfen mit den Äpfeln aus dem Lunchpaket nach Booten. Thomas, Niels und Uto aus dem ersten Kurs testen mit Brotkrümeln, wie nah sie Tauben anfüttern können. Sie unterhalten sich darüber, ob es im Schweizerdeutsch weniger Synonyme gebe als im Hochdeutsch, über das Präteritum und den französischen Konjunktiv. Die Jungs aus dem Fortgeschrittenen-Camp sagen, man müsse Tauben mit Hefe füttern. Sie würden dann explodieren. Uto versteht nicht, worum es geht, er kennt das englische Wort für Hefe (yeast) nicht. Aya hat sich in der Zwischenzeit die Assistenzlehrerin geschnappt und läuft mit ihr an der Hand zwischen den Bäumen auf dem Platz herum, als wäre es ihre Mutter. Die Jugendlichen antworten sachlich auf alles, was man sie fragt, wiegen dabei sorgfältig das Für und Wider ab. Dann ziehen sie sich in den Schutz und die Nähe ihrer besten Freunde aus dem Camp zurück, albern herum, tippen sich gegenseitig auf die Schulter und tun so, als wäre nichts gewesen, wenn der andere sich herumdreht.Gerade die japanischen Kinder wirken dabei gelegentlich etwas abwesend. Uto schiebt immer wieder Zahlen in einem Spiel auf seinem Handy umher. Vor ein paar Jahren sei er Vizemeister im japanischen Schach geworden, sagen die anderen Jugendlichen.

Business English im Lehrplan

Während man die Kinder sieht, wie sie intelligente Fragen an die inzwischen eingetroffene Novartis-Managerin stellen, fragt man sich, ist das eigentlich sinnvoll oder schon wahnsinnig? Die Entwicklungspsychologin Prof. Claudia Roebers von der Uni Bern sieht die Leadership-Camps für Teenager kritisch. In der Wissenschaft ist von einem Phänomen des 21. Jahrhunderts die Rede, dem sogenannten «overscheduled kid», dem «überplanten Kind».«Manchen Kindern wird die Freizeit schon komplett durchstrukturiert», sagt Roebers. «Sie kommen nicht mehr dazu, sich zu langweilen oder mal nichts zu machen. Sie kommen auch nicht dazu, aus nichts mal etwas zu machen, sich etwas zu überlegen oder auf die Strasse zu gehen und zu schauen, ob sie jemanden finden, mit dem sie etwas anfangen können.» Einfach draussen rumhängen, klingt zwar auf den ersten Blick wenig produktiv, aber laut Roebers brauchen Kinder genau diese Phasen. «Mit dem Förderwahn werden natürliche Entwicklungsumwelten durch strukturierte Lernumwelten ersetzt», so Roebers.

«Darunter leiden sogenannte übergeordnete, selbstregulatorische Fähigkeiten: Das, was Kinder lernen, wenn man sie einfach machen lässt», erklärt die Entwicklungspsychologin. «Die Kinder lernen dabei, sich selbst etwas auszudenken, sich Ziele zu setzen, mit Emotionen umzugehen. Einen Plan zu entwerfen und diesen selbst umzusetzen. Wenn alles schon durchstrukturiert ist, geht etwas verloren – aber gerade diese Fähigkeiten sind eben sehr komplexe, wichtige Fähigkeiten.»

Es ist aber schwer zu sagen, wie Jugendliche in diesem Alter sein sollen: Ist es gut, wenn sich 16-Jährige in ihrer Freizeit mit der Synonymdichte im Hochdeutsch beschäftigen, oder ist es besser, wenn sie mit Äpfeln nach Booten auf dem Rhein werfen? Ellen Witzke, die Organisatorin des Camps, sagt: «Die Kinder wissen, dass sie etwas tun müssen, wenn sie später nicht in der breiten Masse rumschwimmen wollen.» Die Zeiten seien unsicher, sagt sie, der Konkurrenzdruck härter.

Aber herrscht in der Schweiz nicht gerade Vollbeschäftigung? Schon, antwortet Witzke, aber heutzutage wollten die Kinder eben mehr und etwas bewegen, so wie Malala, die Kinderaktivistin aus dem Swat-Tal in der pakistanisch-afghanischen Grenzregion. Sie hat keine Bedenken, dass die Jugendlichen in einem Leadership-Camp in den Ferien «überplant» werden. Sie würden von ihren fünf bis sechs Wochen Sommerferien ja nur zwei im Camp verbringen. Ausserdem würden sie da ja nicht gedrillt, sondern beschäftigten sich viel mit anderen Kulturen, gerade mit Japan, lernten mit Stäbchen zu essen, wie man einen Kimono trage oder Sushi mache, erzählt Witzke.

Für den Veranstalter des Camps, den Weiterbildungsanbieter Berlitz, ist das Camp jedenfalls ein gutes Geschäft. Die Teilnahme kostet mehrere tausend Franken und ist ausgebucht.

Geschäftsmodell Karrierewunsch

Konkurrenzdruck und die «unsicheren Zeiten» sind aber nicht unbedingt das, was die Jugendlichen motiviert hat, sich für das Junior Leadership Camp anzumelden. Uto will eigentlich Arzt werden, erzählt er. Sein Pass ist voller Einreisestempel, vor kurzem war er für ein halbes Jahr in New York. Ursprünglich wollte er nur irgendwohin ins Ausland, auf eigene Faust ein bisschen Englisch lernen. Sein Vater habe aber gesagt, er könne nicht einfach nur Englisch lernen, er brauche einen Inhalt, den er auf Englisch lerne. Und so ist er eben bei dem Junior Leadership Camp in Basel gelandet. Auch Thomas' Antwort auf die Frage, wie es kommt, dass er im Camp ist, spricht Bände: «Niels und ich kennen uns aus dem Golf Camp, das gab es dieses Jahr nicht. Wir hatten Bock, in den Ferien ein bisschen abzuhängen, Videospiele zu spielen. Wir haben uns dann einen Grund überlegt, warum Niels nach Basel kommen muss. Unsere Eltern haben sich das Programm angeguckt und telefoniert, jetzt sind wie hier.»

Niels ist übrigens mit 16 schon mit der Matura fertig. Er will in diesem Jahr noch anfangen Physik zu studieren. Und das ist nicht mal die Idee seiner Eltern. «Meine Frau und ich haben schon mit ihm gesprochen, ob er nicht vor der Uni noch etwas anderes machen möchte», sagt sein Vater am Telefon. «Sechzehn ist ja schon jung für die Uni. Aber er will nun einmal jetzt unbedingt anfangen.»